Pink Moon von Frank Goosen, 2005, Eichborn-Verlag1.) - 4.)

Pink Moon.
Roman von Frank Goosen (2005, Eichborn).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 3.08.2005:

Der Junge ohne Eigenschaften
Die Generation Goosen wird in "Pink Moon" erwachsen. Der Literaturpreisträger Ruhrgebiet macht in seinem neuen Roman Schluss mit der Lebensabschnitts-Prosa.

Es war die 68er-Generation die als erste versucht hat, das Ende ihrer Jugend nach Möglichkeit mit der Pensionsgrenze in Übereinstimmung zu bringen. Die Generationen danach waren noch konsequenter und erhoben die Pubertät gleich zum Lebensentwurf. Inzwischen scheint das ja sogar körperliche Folgen zu haben: Die Springflut der Testosterone und Östrogene setzt heute bei manchen bekanntlich schon in der Grundschule ein - und bei anderen hört das wilde Zusammenwachsen der Synapsen offenbar zeitlebens nicht mehr auf.

Mentale Clerasil-Phase

Die naivitätstrunkene Bibel der überzeugten Pubertisten schrieb dereinst Florian Illies. Aber dann kam der Börsencrash, und Illies musste sich als Gelber Engel der Generation Golf die Butter aufs Nutellabrot verdienen. Mit Hilfe seines gedruckten Turbo-Katzenjammers über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden, dürfte Illies er jetzt allerdings auch schon die Rente durch haben.

Die Helden des Frank Goosen sind dagegen immer noch damit beschäftigt, aus der mentalen Clerasil-Phase herauszukommen. Wohlgemerkt, seine Helden, nicht der Literaturpreisträger Ruhrgebiet des Jahrgangs 2003 selbst, sondern der ernste Helmut aus "liegen lernen", der Komiker Friedrich aus "Pokorny lacht" und, ja, auch Felix Nowak aus Goosens neuem, dritten Roman "Pink Moon" ist wieder so einer, der sich vom Leben durch das Leben schubsen lässt und der in sein Glück stolpert, das genausogut ein Pech sein könnte, wenn die Umstände gerade mal schlechter stünden.

Wie die anderen der Roman-Generation Goosen so etwas wie ein Junge ohne Eigenschaften, staunt auch er anfangs noch darüber, dass man seinem eigenen Leben dabei zugucken kann, ohne Eintritt dafür zahlen zu müssen. Dieser Felix, ein Restaurantbesitzer aus purem Zufall, hat allerdings auch früh verzichten gelernt, bis zum führerscheinfähigen Alter musste er sich ohne Vater durchschlagen - was bei einer Mutter wie seiner bedeutete, dass er sich mit vielen "Vätern" herumärgern musste.

Unseren Felix hat aber nicht einmal das verbittern können, mit geradezu buddhistischem Gleichmut nimmt er die Kurven, die der ziellose Lebensweg für ihn bereithält. Nur zweimal scheint er Leidenschaft zu entwickeln: Bei der aufkeimenden Zuneigung zur Fotografin Evelyn, die sich ausnimmt wie der Versuch, in Liebesdingen bloß nicht schon wieder auf die Schnauze zu fallen - und bei seiner Suche nach dem Vater, den er nur von Fotos kennt.

Luxus oder Linke?

Nach der Beerdigung seiner Mutter, die nach 1968 das befreite Leben weiterführen wollte und daran zerbrochen ist, dass sie es schließlich im Luxus statt bei den Linken gesucht hat, erkennt Felix plötzlich seinen Vater auf der Straße. Oder ist ers doch nicht? Der Mann verschwindet, und die Suche nach ihm trägt einen ganzen Roman ans Ziel. Am Ende, und das ist die schönste Passage dieses schön erzählten Buches, malt sich Felix die Biografie aus, die er mit seinem Vater gehabt hätte, wenn er einen Vater gehabt hätte. Am Ende geht Felix daran, doch Schluss zu machen mit der ewigen Unentschlossenheit, mit dem Offenhalten aller Perspektiven und Hintertürchen. Im Rückblick ist an diesem Felix zu sehen, dass die Dauerkonservierung der Jugend geradewegs in die Frühvergreisung führt. So wünscht man ihm unwillkürlich, dass er bei Evelyn bleiben darf, die ihn erst wieder sehen wollte, wenn er erwachsen ist.

Wieder kein Ruhrgebietsroman

Wer will, erkennt in den Straßenzügen, Kneipen und Autobahnauffahrten dieses Romans die Heimatstadt des gebürtigen und praktizierenden Bochumers Frank Goosen. Trotzdem ist dies kein Ruhrgebietsroman - das soll, so war vor Jahren schon zu hören, erst der nächste, der vierte werden. Jetzt, da seine Helden die Lebensabschnittsprosa hinter sich haben, scheint dafür auch die Zeit reif zu sein. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

***

2.)

Pink Moon von Frank Goosen, 2005, Eichborn-VerlagPink Moon.
Roman von Frank Goosen (2005, Eichborn).
Besprechung von Georg Howahl aus der WAZ vom 24.8.2005:

Etwas älter, etwas ernster
In seinem dritten Roman "Pink Moon" verzichtet der Bochumer Autor Frank Goosen auf ein Gag-Feuerwerk und erzählt vom Erwachsenwerden eines Mittdreißigers

Frank Goosen macht Ernst: In seinem Roman "Pink Moon" gibt es wenig zu lachen. Ein scheinbarer Mangel, der das Buch des Bochumers lesenswert macht. Bochum. Wenn im eigenen Lebenslauf zuvorderst die Berufsbezeichnung Kabarettist auftaucht und erst dahinter Schriftsteller, dann sind viele Leute schon enttäuscht, wenn man kein Zwei-Gags-pro-Seite-Feuerwerk abfackelt. Solche Erwartungshaltungen mochte Goosen aber diesmal nicht bedienen: "Es ist mein Ehrgeiz gewesen, eine Geschichte zu erzählen, ohne kabarettistische Szenen einzustreuen", sagt der Bestsellerautor über seinen dritten Roman. Es ist ihm gelungen. Denn nach seinem erfolgreichen 80er-Jahre-Nostalgie-Roman "Liegen lernen" und dem schon etwas ernsteren "Pokorny lacht" drohte der 39-Jährige auf die Rolle des traurigen Klassenclowns im Literaturbetrieb festgelegt zu werden. Eine Befürchtung, die durch "Pink Moon" entkräftet wird. Der Titel ist einem Song des schwermütigen Sängers Nick Drake entliehen, der früh Selbstmord verübte, sich aber bis heute ungebrochener Beliebtheit bei den Freunden sensibler Gitarrensongs erfreut. Fast eine Spur zu traurig für Goosen: "Ich mag diese Musik, aber ich bin einfach zu zufrieden, als dass ich sie die ganze Zeit hören würde." Da geht es ihm ähnlich wie seiner Romanfigur. Felix Nowak gehört das Restaurant "Pink Moon", ein schicker Laden in Bochum, den er von seiner Mutter finanziert bekam und in dem eigentlich nur er selbst überflüssig ist. Seine Angestellten kümmern sich ums Geschäft, sein Leben plätschert scheinbar richtungs- und sorgenlos vor sich hin. Selbst der Tod der Mutter lässt ihn seltsam unberührt. Erst in dem Moment, in dem er seinen Vater sieht, rüttelt das etwas in ihm wach. "Ich sah meinen Vater erstmals neunzehn Jahre nach seinem Tod", beginnt Goosen sehr stark sein Buch. Der Suche nach diesem Vater sind die folgenden 300 Seiten gewidmet, in denen Goosen das Leben seines Felix Nowak vor den Lesern ausbreitet. Seine Vorliebe für Freaks wie den schrulligen Renz, der oft vor Nowaks Tür sitzt und weint. Seine Unentschlossenheit in Liebesdingen, die sich in der unglücklichen, nicht vollständig verarbeiteten Beziehung zu der verruchten Konzertveranstalterin Maxima zeigt und in der neuen Liaison mit Evelyn, für die er sich nicht so recht entscheiden mag. Darin gleicht er seiner Mutter, die nach ihrer ersten großen Liebe - Nowaks Vater - nie wieder einen Mann fand, der sie "um den Verstand" bringen konnte. Mit dem Unterschied, dass seine Mutter sich aus Vernunft für den reichen, unsympathischen Drahtbügelfabrikanten Bludau entscheidet, der in der Lage ist, sie und ihr Kind zu ernähren. Wenn man Felix Nowak auf der Suche nach seinem Vater folgt, streift man eine Vielzahl von ungelösten Konflikten im Leben des späten Mittdreißigers. Teils stammen sie noch aus der Kindheit und Jugend - etwa seine bisexuellen Neigungen -, teils sind sie Konsequenz der eigenen Unentschlossenheit. Sie türmen sich irgendwann zu einem gewaltigen Berg auf. Hinzu tritt, dass er von seinem Vater besessen ist, einem Helden des Prager Frühlings. Und toller Tänzer war er auch: "Ich hatte an die Vorstellung, einen Vater zu haben, geglaubt, wie andere an den Kommunismus glauben, an einen Gott, die Vorhersagbarkeit des Wetters oder die Wallstreet", schreibt Goosen. Gerade, als man sich fragt, ob es jetzt nicht genug ist, beginnt Goosen, die vielen Knoten zu lösen. Einige zerfallen von selbst, an anderen muss er heftig zerren. Es ist ein ruhiger, lakonischer Erzählstil, der dieses Buch trägt. Und der in keiner Sekunde langweilig wird. Goosen ist seinem großen Thema treu geblieben: Nicht mehr ganz so junger Mann muss sein Leben in den Griff kriegen und erwachsen werden. Wobei Goosen beim dritten Roman langsam die autobiografischen Bezüge ausgehen, zumindest die äußeren. "Dafür ist mir diese Orientierungslosigkeit, die viele in ihren späten 20er-Jahren erleben, noch wohlvertraut", sagt er. Und er schafft es, sie immer wieder aufs Neue interessant zu verpacken. Das ist an sich schon eine Kunst. Nur kann man nicht sein Leben lang über orientierungslose Jungspunde schreiben. Doch im Gegensatz zu seinen Helden, weiß Goosen, wie es weitergeht: "Ich denke, meine Helden werden mit mir älter werden - oder ich muss mal was über meine Omma machen."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0805 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine

***

Pink Moon von Frank Goosen, 2005, Eichborn-Verlag3.)

Pink Moon.
Roman von Frank Goosen (2005, Eichborn).
Besprechung von Elke Buhr aus der Frankfurter Rundschau, 26.10.2005:

Jugend, verkorkst
Frank Goosen und die Abgründe des Ruhrgebietsspießers

Er sei nicht der Schriftstellertyp, der leiden muss, um zu schreiben, hat Frank Goosen einmal gesagt. Es muss ihm seit einiger Zeit recht gut gehen, denn seine Produktivität ist beachtlich. Mit seinem Debüt-Roman Liegen lernen hatte sich der Bochumer 2000 als eine Art Ruhrgebiets-Nick-Hornby vorgestellt. Die Geschichte eines symphatischen Losers, dessen Experimente mit dem anderen Geschlecht zwar scheiterten, aber zumindest immer mit der richtigen Platte unterlegt waren, war gleich filmreif. Der zweite Roman Pokorny lacht stellte den Pop hinten an, stärkte aber den Currywurst-Faktor: Mit liebevollem Spott setzte er seine Bestandsaufnahme des Ruhrpott-kleine-Leute-Lebens fort, das sich zwischen alten Abraumhalden so erfolgreich unter dem Strukturwandel wegduckt.

Das dritte Werk nun spielt wieder in irgendeiner dieser Städte zwischen Dortmund und Duisburg. Doch diesmal hat Goosen seine Optik einen Tick in Richtung Noir verschoben. Pink Moon, so heißt ein Song von Nick Drake, und so heißt auch die Kneipe, die Felix gehört. Doch Felix interessiert sich nicht für das Lokal, sondern für seine verkorkste Jugend. Sein Vater sei ein toller Typ gewesen, aber jetzt sei er tot, hatte die Mutter ihm einst erzählt; der Vater, den er nur von einer Fotografie kannte, der die Mutter sitzen gelassen hatte, von dem sie nichts mehr wissen wollte. Nun ist auch die Mutter gestorben, und Felix macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Mit beachtlicher erzählerischer Routine verschaltet Goosen Felix' mehr oder weniger zielloses Streifen durch die Stadt und durch sein Leben mit zahllosen Rückblenden: Schreckliche Stiefväter hatte es da gegeben, verfehlte Lieben, und mit der neuen, der Fotografin Evelyn, kommt Felix auch nicht in die Gänge.

"Ich sah meinen Vater erstmals neunzehn Jahre nach seinem Tod": So lakonisch geht die Story los, und in angelsächsischer Knappheit treibt Goosen sie weiter, in schnellen Dialogen, hart an der Oberfläche der Dinge. Die Story surft von Cliffhänger zu Cliffhänger, bis an die Grenze des Krimis - doch die meisten Rätsel, so sei hier verraten, sind keine, die gelöst werden könnten.

Nun ist der Plot von Pink Moon mit seiner Grundkonstellation Mann sucht Vater recht konventionell, und auch vergangenheitsfixierte Loser-Typen wie Felix hat man schon einige durch die jüngere deutsche Literatur schlappen sehen. Was den Roman trotzdem interessant macht, ist der Blick auf das Personal am Rande. Nach und nach offenbart der scheinbar ungerührte Blick des emotional blockierten Erzählers die Abgründe seiner Mitmenschen. Er sei wohl jemand, der Verrückte magisch anzieht, sagt Felix einmal, und Goosen lässt eine hübsche Reihe von ihnen aufmarschieren, vom Jungen aus der Kinderzeit, der immer tat, als sei er ein Flugzeug, und mit dem keiner sonst spielen wollte, bis zum seltsamen Nachbarn von heute, der sich in Felix' Schrank versteckt, wenn die Paranoia ihn packt.

Doch diese Verrückten sind noch erträglich gegenüber den ganz normalen Tennispartnern, die ihre Frauen betrügen, den Müttern, die ihren Kindern ewig gegen deren Widerstand Jacken anziehen, obwohl es dafür viel zu warm ist, und den Familienvätern, die für kleine Hosenscheißer immer eine Kopfnuss bereit haben. "Hassen lernen", scheint das Motto bei den Beschreibungen dieser Durchschnittsspießer, die vom Erzähler genüsslich mit abstoßenden Details ausgestattet wurden. So zeichnet er ein skurriles Panorama von Verlierern und Charakterschweinen am Rande des Ruhrschnellwegs, ohne dabei allzu sehr ins Pittoreske abzugleiten. Mit Pink Moon ist Frank Goosen, der versierte Entertainer, erstmals richtig fies geworden, und es steht ihm gar nicht schlecht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1105 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Pink Moon von Frank Goosen, 2005, Eichborn-Verlag4.)

Pink Moon.
Roman von Frank Goosen (2005, Eichborn).
Besprechung von Renate Langer aus Rezensionen-online *bn*:

Auf der Suche nach dem unbekannten, tot geglaubten Vater. (DR)

Felix Nowak ist Mitte dreißig und lebt in einer Industriestadt im Ruhrgebiet. Trotz der sozialen Tristesse in seiner Umgebung, die nur als Hintergrund skizziert ist, hat er keinen Grund zur Klage. Genügend Frauen und auch Männer finden ihn attraktiv, er besitzt ein schickes Restaurant und fühlt sich frei von "Sachzwängen", wie er selber feststellt. Dennoch ist er nicht glücklich. Als eine Art Mann ohne Eigenschaften ist er meist unverbindlich freundlich, "ein wunderbar nichts sagender Mensch", wie ihn eine Bekannte charakterisiert. Sein Leben ist seltsam leer und freudlos. Psychosomatische Beschwerden plagen ihn. Irgendwie ist er nicht richtig erwachsen geworden, er scheint in einer verlängerten Adoleszenz wie in einer Endlosschleife festzuhängen. Die Wurzel all dieser Übel scheint seine Vaterlosigkeit zu sein. Die Mutter, eine in ihrer Jugend ziemlich ausgeflippte Achtundsechzigerin, hat ihn, unterstützt von wechselnden Ersatzvätern, aufgezogen. Vom leiblichen Vater vermittelte sie ihm ein idealisiertes Bild. Felix weiß nicht viel mehr von ihm, als dass er ein Held und ein hervorragender Tänzer war. Die Suche nach diesem Vater wird für Felix, diesen modernen Parzival, zum Anstoß, sein gesamtes Leben zu ändern.

Was diesen Roman vor anderen Texten zum Thema Vatersuche auszeichnet, ist Goosens Erzähltalent, gleichgültig, ob er die latente Depressivität seines Protagonisten indirekt zum Ausdruck bringt oder desolate Paar- und Familienbeziehungen darstellt. Selbst Nebenfiguren haben präzise Konturen und hohen Wiedererkennungswert. Mit scharfem Blick für aussagekräftige Details wie Kleidungs- und Spracheigenheiten versteht es der Autor meisterhaft, Menschen gleichsam im Vorbeigehen mit wenigen Strichen zu porträtieren. Während er hinter groß- und kleinbürgerlichen Fassaden Lüge, Gewalt und Selbstbetrug ortet, hegt er warme Sympathien für Außenseiter und Verrückte, die sich mehr Menschlichkeit bewahrt haben als die angepassten Erfolgsmenschen. Goosen wird aber nie belehrend oder moralisierend. Trotz der Melancholie des Icherzählers fehlt es seinem Buch nicht an Witz und Humor. Absolut empfehlenswert - auch für junge LeserInnen!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0807 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-online