Pigafetta von Felicitas HoppePigafetta.
Roman von Felicitas Hoppe (
2001, S. Fischer).
Besprechung von Sascha Michel in der Frankfurter Rundschau, 28.5.2002:

Von Zufall zu Zufall
Felicitas Hoppe sprach über "Die Sprache des Reisens"

Ob im Märchen, im Abenteuer- oder Bildungsroman: Geschichtenerzählen heißt, vom Reisen zu erzählen. Und selbst wenn die Romanhelden lieber zu Hause im Bett liegen bleiben, haben sie immer noch die Möglichkeit, wenigstens Erinnerungs- und Traumreisen zu unternehmen. Ensprechend gilt aber auch umgekehrt: Wer vom Reisen spricht, wird zwangsläufig zum Geschichtenerzähler.

Nur konsequent war es daher, dass das Frankfurter Literaturhaus am Mittwoch mit Felicitas Hoppe eine Erzählerin zum Vortrag über "Die Sprache des Reisens" in der wieder aufgenommenen Reihe "Psychoanalyse in der Literatur - Literatur in der Psychoanalyse" eingeladen hatte. Felicitas Hoppe, seit ihrem "ehrlich erfundenen" Reiseroman Pigafetta ohnehin eine literarische Expertin zum Thema, hielt sich nicht lange mit irgendwelchen abstrakten Thesen auf, sondern schickte die Zuhörer auf eine Reise durch die Weltliteratur.

Dass Reisen mit dem Wunsch nach Freiheit zu tun hat, dass Flucht vor der Langeweile ein wichtiges Motiv darstellt oder dass wirkliche Erfahrungen unterwegs immer wieder durch Baedeker-Schablonen und eigene Sicherheitsbedürfnisse unmöglich gemacht werden, waren keine neuen Erkenntnisse. Was die Ausführungen von Felicitas Hoppe aber so spannend machte, waren die vielen kleinen Fragmente von Geschichten, mit denen sie das Thema umkreiste und veranschaulichte, ohne dabei zu fertigen Antworten zu gelangen. Vom Iwein bis zu Marco Polos Die Wunder der Welt, von Rilkes Duineser Elegien bis zum Pfadfinderhandbuch von Tick, Trick und Track: Das bunte Panorama, das Hoppe ausbreitete und bei dem sie selbst wie eine Abenteurerin "von Zufall zu Zufall" zu stolpern schien, ließ dem Thema seinen Zauber und sein Geheimnis. Wie die Freiheit des Reisenden nach Hoppe in der Freiheit eines Reiters besteht, dessen Pferd mehr weiß als er selbst, so bestand auch die beeindruckende Freiheit von Hoppes Vortrag paradoxerweise gerade darin, dass all die zitierten Texte mehr wussten als die Vortragende. Dadurch dass sie all die Stimmen und Texte sprechen ließ, gelang Felicitas Hoppe doch ein Stück weit das, was sie selbst zu Recht für unmöglich erklärte: sich von der Last der Autorschaft zu befreien, die für die Erfahrung der Reisens so hinderlich sein kann.

Deutlich wurde das zum Beispiel daran, dass die verlesenen Passagen aus ihren eigenen Texten genauso wirkten wie die fremden Zitate: wie eine Stimme unter anderen. Und es zeigte sich vor allem an der Souveränität, mit der Hoppe etwa auf die Kritik an Pigafetta einging: Während die einen ihrem Reisebericht vom Containerschiff mangelnde Exotik und die anderen zu große Realitätsnähe vorgeworfen hatten, bekannte sich die Autorin zu dem, was die Reise sein sollte: nicht mehr als eine langweilige Geschichte über eine bequeme Reisende, die nur aufbricht, um wieder nach Hause zu kommen.

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