Pierre oder
Die Doppeldeutigkeiten.
Roman von Herman
Melville (2002, Hanser - Übertragung Christa Schuenke, hrsg.
von Daniel Göske).
Besprechung von Niels Werber in der Frankfurter Rundschau, 25.01.2003:
Untergang auf
festem Boden
![]()
Mit dem jetzt neu übersetzten
Familienroman "Pierre" geht Herman Melville an Land. Und siehe, auch
dort herrschen die Gesetze des Meeres
Für Sozialexperimente muss man die Probanden
isolieren. "Sechs Monate auf See!" Die Geschehnisse an Bord dürfen
als exemplarisch gelten, weil hier alles Menschliche auf wenige Kubikmeter
Lebensraum verdichtet wird und alles Erleben und Handeln unter Hochdruck
stattfindet. Herman Melville jedenfalls hat für viele Jahre im Schiff sein
soziales Laboratorium gefunden. Es ist, schreibt er in White-Jacket
(1850), "ein Staat in sich". Wie bei einem Laborversuch lassen sich
an, über und unter Deck soziale Prozesse unterscheiden, beobachten und
untersuchen. Sowohl die Fregatte Callao als auch der Walfänger Pequod aus Moby
Dick (1851) dienen als schwimmende Gemeinwesen, als Leviathane. Melville
observiert am Modell der Schiffsgesellschaften allgemeine Gesetze des
Machterhalts und der Rebellion, der Ordnung und der Subversion, der Opportunität
und der Ethik. Zusammengeballt auf engstem Raum, auf einander angewiesen in der
absoluten Gefangenschaft der hohen See, deklinieren Kapitän, Offiziere und
Mannschaften die gesamte Syntax des Politischen. Wenn für Melville "das
Schiff" also den "Staat" repräsentiert, was mag dann die Familie
sein, von der Pierre (1852) handelt?
Melville hat in seinen Südseeromanen festgehalten, dass eine Familie unter Umständen
"ein ganzer Stamm" sein kann, was auf Inseln wie den polynesischen
Marquesas bedeutet, dass dieser Stamm zugleich die gesamte Gesellschaft
ausmacht. Neben ethnologischen gibt es auch philosophische Gründe für eine
Gleichsetzung von Familie und Gesellschaft. Für Thomas Hobbes, dessen
politische Philosophie Melville beeinflusst hat, ist "eine große Familie
ein Königreich, und ein kleines Königreich eine Familie". Gilt die
Familie als quasi natürliches Modell und "Keimzelle" der
Gesellschaft, so liefert das Schiff ein Muster des Zusammenlebens unter künstlichen
Bedingungen. So gewachsen und einheitlich die Familie von Natur aus zu sein
scheint, so zusammengewürfelt aus allen Klassen und Rassen sind die
Schiffsmannschaften. Diesen scheinbar evidenten Gegensatz von Familie und Schiff
wird Melville dekonstruieren, wenn er in Pierre oder die Doppeldeutigkeiten
vorführt, wie artifiziell und brüchig die familiäre Ordnung sein kann.
Pierre also ist ein Familienroman. Er spielt auf dem festen Land, und
zwar auf einem Herrensitz der Ostküste und in der Stadt New York. Die maritime
Existenz hatte Melville als nomadisch, gesetzlos, riskant, international und
imperialistisch beschrieben, und man könnte vermuten, das Land sei im Gegensatz
dazu der Ort fest verwurzelter Ordnungen, gewachsener Traditionen, sicherer
Grenzen und vererbter Bestände. Tatsächlich singt Melville dieses Lied vom
Land in den ersten Kapiteln, die uns Pierre Glendinning, seine Verwandtschaft,
sein Herkommen, seinen Besitz und seine Erwartungen schildern. Boden und
Blutslinie erscheinen verschwistert: "Wir haben schon gesagt, dass die schöne
Landschaft, die Pierre umgab, stolze Erinnerungen wachrief. Für Pierre war es
indes kein bloßer Zufall, dass seine Vorfahren jene anmutige Gegend mit ihren
Taten geadelt hatten; vielmehr waren in seinen Augen all diese Berge und
Talmulden gleichsam geheiligt durch den Tatbestand, dass sie sich schon seit
einer so langen ununterbrochenen Frist im Besitz der Seinen befanden."
Was deutsche Philosophen wie Herder oder Hegel angesichts der ozeanischen Größe
Amerikas nicht für möglich hielten, haben die Glendinnings vorgeführt: die
Aneignung des Raums, die Stiftung von Kultur und Geschichte. Gegen europäische
Vorurteile, Amerika errichte der "Vergangenheit" deshalb keine
"Denkmale", da es allein in der "Gegenwart" lebe, setzt
Melville "Pflanzerfamilien" auf "Landgütern" entgegen, die
"Verträge", "Pflöcke und Grenzsteine" vorzeigen können,
die älter sind als die englische, französische und deutsche Revolution.
"Diese altvererbten holländischen Wiesen" machen
"Besitzungen" aus, die dem "Zahn der Zeit zu trotzen"
scheinen. Hier wurden Rechtsverhältnisse geschaffen, die gelten, "solange
das Gras wächst und das Wasser fließt, was in der Tat auf eine überraschende
Langlebigkeit für einen Vertrag schließen lässt". Auf dem festen Land
hat der auf den "lawless seas" tobende tägliche Kampf "aller
gegen alle" ein Ende.
Wenig erfährt der Leser über das Leben, das Ahab und Ismael, Queequeg und
Tashtego, Starbuck und Stubb an Land führen mögen. Genealogien haben an Bord
keinen Nutzen, denn sie führen nicht dazu, dass irgendjemand die anstehende
Arbeit besser zu verrichten vermöchte. Pierre Glendinning dagegen wird ganz und
gar definiert durch "Stammbaum und Grundbesitz", und diese doppelte
Erbschaft scheint völlig ausreichend zu sein, um ein großes Vermögen zu erben
und die Hand der hübschen und reichen Lucy zu erwerben. In seiner Schicht führt
kluge "Vermittlung die Menschen zum Altar". Seine
"Ahnenreihe" scheint gar nichts anderes zuzulassen, als dass auch er
eine passende Ehe schließt, um derart das Familienkapital zu mehren und dem
Stammbaum einen weiteren Zweig hinzuzufügen. "Da steht nun unser Pierre
auf diesem edlen Sockel; wir werden sehen, ob er die hehre Stelle halten
kann". Selbstverständlich nicht.
Nicht die Familie ist in Gefahr, die Familie ist die Gefahr. Am Ende des Romans erwerben Isabel und Pierre ein Gemälde einer jungen Italienerin, die von ihrem Vater verführt wurde und ihn aus Rache tötete. Und jene nymphomane Ninon de Lenclos wird erwähnt, die von einem ihrer unehelichen Söhne derart begehrt wurde, dass er sich tötete, als er sie nicht haben konnte. All diese Familienverhältnisse münden in Mord und Selbstmord. Und genau so endet auch Pierre. Mit der Konvention, dass am Ende eines "Romans" gattungsgemäß "immer Hochzeitsglocken läuten" und sich alle "Geheimnisse" in "Wohlgefallen auflösen", hat Melville gebrochen. In den puritanischen USA hat er sich mit seinen Doppeldeutigkeiten keine Freunde gemacht.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0103 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau