Gedichte von Pablo Picasso, 2007, DVAGedichte.
Gedichte von Pablo Picasso (2007, DVA - Übertragung Holger Fock).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 25.05.2007:

Ein echter Picasso

Bilder können Gedichte sein. Und umgekehrt. Poesie und Malerei, Tanz und Musik - sie alle folgen ähnlichen Regeln. Binden sich in Rhythmen. Es kann nicht überraschen, dass Picasso auch mit Worten gemalt hat.

schüttelt wie verrückt ihre lodernden Bettlaken flügellahme Hüften Bettgenossin Taube voll klarem Wasser

Als er zu schreiben begann, war er 54. Die Texte, die jetzt effektvoll "Gedichte" genannt werden, waren ihm wohl auch ein Ausweg; sein Leben änderte sich rasant, er hatte die Bürgerlichkeit, die Ehe mit Olga verlassen, empfand sich als künstlerisch matt. Mit Worten gelang ihm, was in der Bildenden Kunst stockte. Er drückte sich aus. In manchen frühen Texten finden sich Hinweise auf Marie Thérèse Walter, die Geliebte dieser Jahre.

Blume süßer als Honig MT du bist mein Freudenfeuer

Viele Texte sind stark. Manche fremd. Dabei sind die seitenlang hinstürzenden Wortgetüme die schönsten - schon deshalb, weil man sich bei den andern einbilden kann, durch Dreimallesen lasse sich ein vorzeigbarer Sinn konstruieren. Welcher Irrtum. Die Worte ergreifen und verwehen und stieben hinaus in die Ewigkeit.

Tropfen für
Tropfen
stetig
stirbt das
Blassblau
zwischen den
Klauen des
Mandelgrüns
auf der Skala
des Rosas


Schöne Worte. Aber Picasso fühlt politisch, auch in den Bildern, die er mit Sprache malt. Der Spanische Bürgerkrieg findet darin ebenso Ausdruck.

trunkene Sonne zum Trocknen ausgebreitet stummes feuriges Bild malvenrote Liebe Stern entstanden durch den Gewehrschuss in den fahlgelben Spiegel zieht die Fetzen ihres bitteren Kleids in der erdigen Farbe ihres Schmerzes nach azurne Windhose angerührt in roter Milch

Das klagt und brennt; Picasso ist auch hier ein schaffender Geist. Und doch erreichen die Gedichte kaum die Kraft der Bilder. Die Übersetzung steuert ihr Teil bei; Spanisch und Französisch folgen eigenen Melodien. Und die analytische Zerlegung der Sprache ähnelt zwar dem Prozess beim kubistischen Malen, das Ergebnis aber ist anders. Picasso verlässt auch beim Schreiben gewohnte Perspektiven, er umkreist, nähert sich schwebend, wütet wortreich, lässt Eindrücke magisch vorüberpreschen. Und doch ist das Gemalte eindrucksvoller. Ein "richtiger" Dichter ist Picasso, pardon, nicht. Warum sollte er auch? Experten zählen die Texte trotzdem zum Werk. Sie sind Ausdruck desselben Geistes.

die Uhr - kann sich noch einen ganz kurzen Moment zurückhalten - und durch das Fenster eine Pirouette drehen - und sich auf meine Schulter setzen

Manches ist Programm, und Provokation. Dies ist der erste Text, der den Band eröffnet:

wenn ich in einer Sprache denke und schreibe ,der Hund rennt dem Hasen hinterher in den Wald' und das in eine andere Sprache übersetzen will muss ich sagen ,der weiße Holztisch drückt seine Pfoten in den Sand und stirbt fast vor Angst dass er so dumm sein könnte'
Das klingt verrückt, trägt aber seine faszinierende Logik in sich. Hund und Hase haben Pfoten; mindestens einer von ihnen hat Angst, und der Holztisch ist der natürliche Sohn des Waldes. Und - was fangen wir mit dieser Erkenntnis an?

Manches ist sanft wachsende Verwirrung:

Lust auf nie mehr etwas sagen und Geschirr spülen Maus spielen die schneit und das Wort ausbacken das im Schlaf entfährt Zwangsjacke Nest von Rechnungen der Pariser Gas- und Beleuchtungsbetriebe etcetera sitzt an der Ecke des weißen Holztischs in ihrem blauen Kostüm der Lachs unterwirft die Nelken seinem Willen

Wer da erschöpft innehält, ist im Recht. Verstehen? Nicht inbegriffen. Oder?

Ja, geht das denn überhaupt, Gedichte verstehen? Aber sicher. Sogar zweifach.

Wer den Sinn entschlüsselt, erlebt die Zufriedenheit der Erkenntnis. Aber wenn dem Verstand das Begreifen mit der Seele folgt: Das ist der Moment des Glücks.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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