Perlmutterfarbe.
Ein Kinderroman für fast alle Leute von Anna
Maria Jokl (2004, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag).
Besprechung von Carsten Hueck in der Frankfurter Rundschau, 13.10.2004:
Bis auf weiteres
gültig
Anna Maria Jokls schon
klassischer Kinderroman für fast alle Leute: "Perlmutterfarbe", neu
aufgelegt
Obwohl Anna Maria
Jokl zeitlebens publiziert hat, war sie als deutschsprachige Autorin bis zu
Beginn der 1990er Jahre nur wenigen ein Begriff. Dann wurden plötzlich ihre
Kinderbücher wieder aufgelegt, es erschienen ihre Erinnerungen und
Prosaminiaturen. 1995, damals war sie vierundachtzig Jahre alt, ehrte man die
gebürtige Wienerin für ihr Lebenswerk mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis.
Die späte Entdeckung der Autorin Jokl, ihr Erfolg in der Öffentlichkeit, um
den sie - stolz und mit souveräner Entschiedenheit - nie gebuhlt hatte,
verdankt sich vor allem einem Buch: Perlmutterfarbe. Seit 1992 erscheint
es bei Suhrkamp in immer neuen Ausgaben. Diesen "Kinderroman für fast alle
Leute" schrieb Anna Maria Jokl 1937 in Prag. Aus Berlin war sie dorthin vor
den Nazis geflohen. Ein Jahr später besetzte die Deutsche Wehrmacht die
Tschechoslowakei. Das Buch konnte nicht mehr erscheinen, die Flucht musste
fortgesetzt werden. Außer den Kleidern am Leib konnte Jokl nichts mitnehmen.
Ein tschechischer Schmuggler
brachte sie nachts über die Grenze nach Polen. Ihm erzählte sie mit Bedauern
vom zurückgelassenen Manuskript. Nach wenigen Wochen stand er plötzlich vor
ihr im polnischen Flüchtlingslager. In den Händen ein Paket, mit
Zeitungspapier umwickelt. Darin das Manuskript der Perlmutterfarbe. 1948
wurde es zum ersten Mal vom Berliner Dietz Verlag gedruckt und sogleich ein
Bestseller. Zwei Jahre später sorgten die Regierenden der DDR dafür, dass es
wieder verschwand.
Denn die Perlmutterfarbe ist Schulroman und Kinderbuch, doch auch weitaus
mehr. Ein historisches Dokument, entstanden aus der Erfahrung des Totalitarismus
im Deutschland der Nationalsozialisten. Doch gültig überall. Zeitlos wie Orwells
Farm der Tiere oder Goldings
Herr der Fliegen ist Perlmutterfarbe eine Beschreibung von
Machtgier und Mitläufertum, Ausgrenzung und Gewaltherrschaft.
Zwei Schulklassen stellt Jokl vor, die A und die B. Einige Schüler der A
beschließen, dass sie denen der B überlegen seien. Vernünftige Stimmen aus
den eigenen Reihen werden zum Verstummen gebracht. Anstand zählt nicht mehr.
Furcht höhlt Freundschaft aus. Im Flur werden in den Pausen Wachen aufgestellt,
der Kontakt zwischen den Parallelklassen - vor allem den wohlmeinenden Schülern
beider Seiten - wird unterbunden. Katalysator dieser Entwicklung ist die
Perlmutterfarbe. Maulwurf, ein Schüler der A, hat sie erfunden. Eine graue
Tunke, die nach dem Trocknen hell schimmert. Alexander, sein Klassenkamerad,
steckt sie im Pausentrubel versehentlich ein.
Zuhause probiert er die Farbe aus. Dabei verschüttet er sie über ein
geliehenes Buch. Angst- und schamvoll bestreitet er gegenüber dessen Besitzer,
dem B-Karli, das Buch jemals erhalten zu haben. Derweil vermisst Maulwurf seine
Farbe. B-Karli wird als Dieb verdächtigt, Alexander schweigt. Die Hetze gegen
die angeblich räuberische B nimmt ihren Lauf. Am stärksten exponiert sich
dabei der lange Gruber, bislang Außenseiter in der A. Er versteht es durch
Schmeichelei, Bestechung, später auch Gewalt, sich eine Führungsposition und
gehorsame Gefolgschaft zu verschaffen. Alexander, eigentlich kein schlechter
Kerl, sucht sein Heil beim mächtigen Gruber.
Die Veränderung des Klimas in der Schule beschreibt Jokl über einen Zeitraum
von wenigen Wochen. Sie zeigt, wie ein überheblicher Führer sich geschickt
Neid und Ressentiments zunutze macht. Wie ein Sündenbock erfunden und mit gefälschten
Beweismitteln scheinbar überführt wird. Wie der Ruf nach Strafe oder
Gerechtigkeit hier nicht in Moral, sondern Eigennutz begründet ist. Wie
kritische Geister als Verräter denunziert werden. Schüler, die den Lügen des
langen Gruber nicht glauben, müssen sich im Heizungskeller treffen. Sie haben
keinen Raum mehr zu diskutieren, weichen folglich in den "Untergrund"
aus. Jokls Bilder sind klar, ohne symbolisch zu sein. Die Autorin entwickelt
ihre Geschichte mit psychologischem Feingefühl und Empathie für die
verschiedenen Persönlichkeiten. Dezent schreibt sie den Hauptfiguren einen
sozialen Hintergrund zu. Schildert detailliert, doch nie langatmig, innere und
äußere Vorgänge, zeigt ambivalente Gefühle und Zweifel von Tätern,
Unentschiedenen, Opfern. Im Mikrokosmos der Schulklasse setzt Anna Maria Jokl
literarisch raffiniert und präzise wie eine Naturwissenschaftlerin ein
Experiment in Gang.
Die Möglichkeit zu wählen
Die Versuchsanordnung ist vorgegeben durch die verschwundene Perlmutterfarbe. Sie löst die Reihe von Reaktionen aus: emotionaler Druck verursacht wie ein Gas Explosionen. Schuld und Schuld gehen eine Verbindung ein, gutwilliges Reden erweist sich als substanzloses Element, wenn es nicht mit Tatkraft zusammengeführt wird. Das Ergebnis dieses Versuchs nimmt spätere Erkenntnisse der Sozialwissenschaften und Psychologie vorweg. Es zeigt die Struktur autoritärer Charaktere und Funktionsweise totalitärer Systeme. Aber auch, dass der Mensch die Möglichkeit hat, zu wählen. Jokls Buch beschönigt nichts. Unsentimental stellt es die Möglichkeit des Ungeheuerlichen dar. In der Perlmutterfarbe siegen am Ende Gerechtigkeit und Vernunft. In einem Kinderroman muss das so sein.
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