Gesammelte Schriften.
In sieben Bänden von Ernst Penzoldt (1992, Suhrkamp, hrsg. von Ulla Penzoldt und Volker Michels).
Besprechung von Roswitha Schieb in der FAZ, 24.9.1992:

Die Gazelle in mir
Ernst Petzoldts "Gesammelte Schriften" in sieben Bänden

Zum drittenmal macht es sich der Suhrkamp Verlag mit Ernst Petzold zu leicht: Denn den beiden bereits existierenden Ausgaben - einer vierbändigen zwischen 1952 und 1962 und einer fünfbändigen von 1981 - folgt nun eine dritte, siebenbändige Penzoldt-Ausgabe, die sich, abgesehen von einem größeren Textvolumen, in nichts von den früheren unterscheidet. Immer noch wird darauf verzichtet, etwa über den Fragmentcharakter einiger bisher unveröffentlichter Romane und über selbstzensorischen Maßnahmen während der NS-Zeit Auskunft zu geben. Statt dessen wird mit huldigenden Klappentexten der Rahmen abgesteckt, in dem Ernst Penzoldt gelesen werden soll: als ein humoriger, heiterer, zeitenthobener Autor nämlich, mit dessen Texten man sich rundum behaglich einrichten kann.

Kaum jemand reflektiert über die Gründe namhafter Schriftstellerkollegen, Penzoldt zu einer "stachellosen" (Thomas Mann) Projektionsfigur aufzubauen. Dabei lassen sich die Motive, um die das gesamte literarische Werk Petzolds unablässig kreist, keineswegs als spannungslos bezeichnen. Sie sind Ausdruck nonkonformer Wünsche und durchaus existentieller Grunderfahrungen: So ist beinahe jeder der Romane grundlegend geprägt von gestörten Eltern-Sohn-Beziehungen, sei es, daß die Eltern sich durch Tod entziehen und den Sohn in der Ungeborgenheit und zugleich befreienden Verantwortungslosigkeit der Waisenkinderexistenz zurücklassen, sei es, daß sogar späte Rache für nicht erfüllte Wünsche zugegeben wird (am radikalsten im frühen Roman "Der arme Chatterton").

Ruhelose Ungestilltheit korrespondiert mit dem Motiv jugendlicher Amorfiguren, die als erotische Faszinosa die Petzoldtschen Romane bevölkern. In ihrer verlockenden Schönheit und verwegenen Unabhängigkeit bieten sie Schlupflöcher aus dem Gefängnis bürgerlicher Wohlanständigkeit. Die Freundschaftsbeziehungen zwischen äußerlich angepaßten, aber latent anarchischen Jugendlichen und solchen Erosfiguren sind deutlich homophilen Charakters, was auch in der oft wiederkehrenden Wunschkonstellationen "pubertierender Jugendlicher - väterlicher Freund" spürbar ist. Diese vertrauenerheischenden Ersatz- oder Wunschväter - es handelt sich tatsächlich meist um den Vormund - sind in der Lage, die Empfindlichkeiten der Adoleszenz zu respektieren.

Gerade das Beharren auf Empfindlichkeiten, gesteigert noch in Zuständen des Krankseins, bedeutet einen Einspruch gegen Konformität; sowohl Penzoldts Plädoyer dafür, krank sein zu dürfen - das Krankenbett als Ort des Rückzugs und der Reflexion -, als auch die Schilderungen reígenartig wiederkehrender Kriegsopfer (wie der "Zwerg" ohne Beine und der Mann ohne Gesicht) stellen eindringliche Versuche dar, Grenzerfahrungen bis hinein ins Totenreich zu verbalisieren und die betrügerischen Oberflächen der Welt zu durchdringen.

All diese Topoi der Zerrissenheit und der Nichtkonformität - Elternlosigkeit, Homosexualität, Angst vor der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers - sollen durch teils nivelliernde, teils äußerst radikale Heilmachungssehnsüchte gekittet werden: doch hinter dem unablässigen Wunsch, große Polaritäten wie Leben und Tod, Mann und Frau (Traktat über den "Beidermensch"), Fressen und Gefressenwerden ineinanderzuschmelzen und dadurch aufzulösen, schimmert das Bedrohliche hindurch, das zwanghaft entschärft werden muß. Einen Ausweg nietet dabei das Bekenntnis zum Panerotismus, einen anderen Penoldts höchst charakteristischer, beschwichtigender Ton. Nun ist aber gerade dieser Ton, der vor allem dem Autor das Prädikat heiter-humorig einträgt, in der Werkchronologie starken Schwankungen unterworfen. Drei Phasen lassen sich grob unterscheiden: eine frühe (1925 bis 1930) unter dem Stichwort "nicht versöhnt", eine mittlere (1930 bis 1945), geprägt von Selbstzensur und Versöhnungszwang, und eine späte (1945 bis 1955), deren Texte in entspannter Weise Wunschreflexion zulassen.

Der 1928 erschienene Roman "Der arme Chatterton" war zu seinem Zeitpunkt entstanden, da Penzoldt sich gegen die bildhauerische Tätigkeit zugungsten des Schreibens entschieden und sein Privatleben durch Familiengründung in eine bürgerliche Ordnung gebracht hatte. Anders als dem Romanerstling "Der Zwerg" (1927) eignet diesem "Roman eines Wunderkindes" etwas bei Penzoldt einmalig Rauhes, Nervös-Gieriges, beinahe Böses. Der jugendliche Schriftsteller und Fälscher Chatterton, der nur besessen zu schreiben wie auch zu lieben vermag, sich unablässig im Teerausch befindet und in dem wenigen Schlaf, der er sich zugesteht, noch schlafwandelt, ja, dessen rote Lippen vor Unruhe blutig aufspringen können, zerbricht schließlich an der Einsicht, daß auch der sublimierte Schutzmantel der literarischen Fiktion alle grundlegenden Ambivalenzen nicht zu kitten vermag. Hubert Fichte bemerkte zu diesem Roman, dessen Sprache er als "expressionistisch-altertümelnd" bezeichnete: "Nie ist Pubertät und Ambivalenz in deutscher Prosa so zusammengeknüpft worden, nicht einmal bei Thomas Mann, der die 'Powenzbande' so über den grünen Klee lobte, vielleicht um durch sein Lob, wie er es gerne tat, von einem für ihn gefährlicheren Text abzulenken."

Mit der "Powenzbande" (1930), dieser "furchterregenden Altertümelei" (Hubert Fichte), beginnt die zweite, die vermeintlich humorig-versöhnte Phase: hilflos versucht Penzoldt, sich mit seiner alttestamentarisch-zeugungskräftigen Patriarchenfigur Baltus Powenz einem schutzverheißenden Vitalismus anzubiedern; dabei wird die empfindliche Sohnesfigur Heinrich der Lächerlichkeit preisgegeben. Zwanghafte Harmonisierungstendenzen finden sich im betont devoten Prosastück "Der dankbare Patient" (1937), wo aber - wie auch in der "Powenzbande" - an besonderen Stellen die Oberfläche des ewigen Lächelns einbricht und authentische Erfahrungen - Kindheitsängste und traumatische Kriegs- und Lazarettbilder - erahnbar werden.

Besonders aufschlußreich ist die selbstzensierte Neufassung des Romans "Der Zwerg" unter dem Titel "Die Leute aus der Mohrenapotheke" (1938): alle dort oft nur angedeuteten Tabubrüche wie Sexualaufklärung, die letzte Umarmung zweier sterbender Soldaten, das Liebesbegehren und die sportliche Betätigung eines Krüppels werden nun während der NS-Diktatur aufgrund einer Mischung aus äußerem Druck und vorauseilendem Gehorsam gestrichen. Gerade deswegen ist es unverzeihlich, auf diese sehr spezifischen Veränderungen jetzt nicht einmal in Anmerkungen hinzuweisen, wo doch den oftmals unergiebigen Zeitschriftenartikeln immerhin ein sechshundert Seiten starker Band eingeräumt wird.

Eine Entdeckung aber ist das bisher unveröffentlichte Romanfragment "Lazarus" (1950), das, flankiert von "Niemandskind" (1950) und "Aquirrel" (1954), als Herzstück des späten Penzoldtschen Schaffens angesehen werden kann: Das Erwachen männlicher Sexualität als Bekenntnis zum großen Pan, homophile Begegnungen und das Interesse an existentiellen Grenzerfahrungen transzendieren in poetischer Weise schamhafte Anpassung und Selbstverleugnung. Und hier schließlich können jugendliche Empfindlichkeiten von der muldenreichen Sylter Dünenlandschaft wie von einem großen Polster aufgefangen werden - Empfindlichkeiten, die poetisch zu fassen Penzoldts stärkstes Anliegen ist: "Es ist so etwas wie ein Reh in mir oder eine Gazelle, die der Wind gegen den Strich streichelt."

Leseprobe I Buchbestellung I home 0710 LYRIKwelt © Roswitha Schieb