Pedro
Páramo.
Roman von Juan Rulfo (2008, Hanser, Nachwort
Gabriel Garcia Márquez - Übertragung
Dagmar Ploetz)
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom
20.12.2008:
Am Eingang zur Hölle
Pedro Páramo: Juan Rulfos Meisterwerk der Weltliteratur in neuer Übersetzung
Als er 1961 in Mexiko ankam, fühlte sich Gabriel García Márquez als Romancier in einer Sackgasse. Den Weg habe ihm hier Juan Rulfos Pedro Páramo gewiesen: In einer Nacht habe er das Buch zweimal gelesen, seit der Lektüre von Kafkas Verwandlung sei er nicht mehr so bewegt gewesen. Das höllisch heiße mexikanische Dorf Comala erlangte ähnlich mythisch-poetische Bedeutung wie Macondo.
Nicht nur den Großen lateinamerikanischer Sprachkunst gilt Rulfos 1955 erschienener Roman als Meisterwerk der Weltliteratur und wesentliche Anregung, sondern jüngst etwa auch dem französischen Goncourt-Preisträger Gilles Leroy oder Daniel Kehlmann. Nun liegt Pedro Páramo in einer neuen kongenialen Übersetzung von Dagmar Ploetz wieder vor.
Das Unerhörte und Eigentümliche des Buches sind die trüb-schwankende Stimmung bei klarem Tonfall und die zersplitterte wiewohl kompakt wirksame Struktur, sind scharfer Tiefgang knapper Dialoge und das in Schwebe gehaltene Reale und Irreale, Wachen und Traum. Die Grenzlinie zwischen Toten und Lebenden sei unmöglich genau zu ziehen, vermerkt García Márquez, "niemand weiß, wie lange die Jahre des Sterbens in Wirklichkeit dauern".
Die Welt im Kleinen ist weitgehend von der Machtordnung des Pedro Páramo bestimmt, während existenzielle Ordnungen außer Kraft gesetzt scheinen. Diesem Aufeinanderprallen wird der Aufbau des Romans gerecht, der nicht einer Chronologie, sondern einer eigenen Logik teils sprunghaft erscheinender Sequenzen folgt. Er habe besonders an der Struktur gearbeitet, erklärt Rulfo; die Geschichte eines Großgrundbesitzers und eines Dorfes, durch das nur tote Seelen und die Echos treiben, habe er "aus Not" geschrieben.
In eine immense Lebensnot weist der Weg nach Comala, den der Ich-Erzähler Juan Preciado, ein Sohn des Pedro Páramo, der Mutter und Kind im Stich gelassen hatte, beschreitet. Er führt "immer weiter hinunter" , in "reine Hitze". Das Dorf liege auf glühender Erde "am Eingang zur Hölle", erfährt er - und bei der Lektüre dämmert es einem, dass alle, die da sprechen, gestorben sind, sogar der Erzähler. Comala wirkt leer, dennoch tauchen Figuren auf, lassen sich Geräusche seltsam vernehmen.
Geschrumpfte Zeit
Eine Frau ist in ein Umschlagtuch gehüllt, "doch dann war sie verschwunden, als habe es sie nie gegeben" . Das Antlitz einer anderen ist durchsichtig, wie blutleer, die Hände sind welk, die Augen nicht zu sehen. Es ist ein Schattenort, so beschrieben, als hätten die Schatten Konsistenz und schleppten sich weiter durch Hitze und Unterdrückung. Und wenn es in diesem dürren Landstrich regnet, dann strömt das Wasser als "blasenwerfende Sintflut" . Der Himmel liegt grau und bleiern über allem, der Morgen graut, "als breche nicht der Tag an, sondern als beginne eben erst die Nacht". Die Kirchturmuhr schlägt, "als wäre die Zeit geschrumpft" , später scheint sie dem Erzähler rückwärts gelaufen zu sein.
Dem entsprechen Konzentration und Anordnung des Romans, der mit den Toten einsetzt. Während Juan Preciado nach Comala kommt, hier eine Nacht verbringt, tauchen kurze Szenen aus anderer Sicht auf, Dialoge des kleinen Pedro mit Mutter und Großmutter. Blitzlichtartig, zunehmend stärker erstehen die Auswirkungen der Herrschaft Páramos, sodann Momente seines Weges zur Tyrannei. "Wenn nötig, reißt du die Mauer ein" , befiehlt er dem Verwalter seines Gutes Media Luna. "Und die Gesetze?" , fragt der. "Von jetzt ab machen wir das Gesetz."
Dies schildert Juan Rulfo im zweiten Teil in aller Eindringlichkeit, ohne ausführliche Szenen der Brutalität bemühen zu müssen. Den Übergang bildet in der Mitte des Romans ein Gespräch des Erzählers mit einer der Dorffrauen, und zwar im Grab, in geradezu nüchterner Diktion. Dort draußen falle Regen, ob er ihn nicht spüre? "Es fühlt sich an, als ob jemand auf uns herumginge". Er solle an Angenehmes denken, "denn wir werden sehr lange in der Erde liegen". Der folgende Abschnitt setzt mit dicken Tropfen ein - es klingt hohl, wenn sie sich in den Staub der Furchen bohren - und mit dem Verwalter des Unterdrückers, der nur Kampf kennt. Er lässt Menschen umbringen, zunächst all jene, die auf der Hochzeit waren, bei der sein Vater erschossen wurde. Damit er seine frühe Geliebte Susana San Juan endlich nach Media Luna entführen kann, bringt er ihrem Vater den Tod. Zwischen Gutsherrn und Dorf, Rebellen, Männern und Frauen herrscht anhaltender Krieg, dem sich auch der Pfarrer nicht entzieht. Am Ende stürzt der Tyrann, wortlos, zu ebenso trockener Leere wie seine Umgebung: "Er schlug hart auf die Erde auf und brach auseinander wie ein Haufen Steine."
Als er das Buch später wieder gelesen habe, schreibt García Márquez, habe es ihn neuerlich erschüttert. Juan Rulfo hat mit Pedro Páramo nicht nur eine Verdichtung von Lebensverhältnissen und tödlichen Zuständen, besonders in Lateinamerika, geschaffen, darüber hinaus eine universelle Erzählung zwischen Alptraum und Lebensalp, die zu verstören wie zu beeindrucken vermag, existenziell wie ästhetisch.
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