Pazifik Exil von Michael Lentz, 2007, S.Fischer1.) - 3.)

Pazifik Exil.
Roman von Michael Lentz (2007, S. Fischer).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 1.9.2007:

Herzasthma des Exils

Aus einer amerikanischen Zeitschrift hatte Heinrich Mann das kolorierte Bild seines Bruders herausgeschnitten. Er liess es rahmen und hängte es in seiner Wohnung in Nizza auf. Viel zu hoch, wie er nun findet. Also holt er es herunter, hängt es einen halben Meter tiefer. Nun muss er den Kopf nicht mehr in den Nacken legen, wenn er seinen Bruder anschaut. Und auch beim Essen wird er sich fortan nicht mehr beobachtet fühlen. Dass Heinrich Mann und seine zweite Frau Nelly kurz...

Aus einer amerikanischen Zeitschrift hatte Heinrich Mann das kolorierte Bild seines Bruders herausgeschnitten. Er liess es rahmen und hängte es in seiner Wohnung in Nizza auf. Viel zu hoch, wie er nun findet. Also holt er es herunter, hängt es einen halben Meter tiefer. Nun muss er den Kopf nicht mehr in den Nacken legen, wenn er seinen Bruder anschaut. Und auch beim Essen wird er sich fortan nicht mehr beobachtet fühlen. Dass Heinrich Mann und seine zweite Frau Nelly kurz darauf aus ihrer Wohnung vertrieben werden und sich erneut auf der Flucht befinden – bald schon auch zu Fuss über die Pyrenäen: Daran lässt sich ermessen, wie grotesk hier die Wirklichkeit jeden noch so lächerlichen Versuch, sich im Alltag einzurichten, zunichte macht.

Einige Zeit später und in Pacific Palisades wiederholt sich die Szene. Bert Brecht ist zu einer Cocktailparty geladen, geht hin, kein Aas kennt ihn, er ärgert sich, ist deprimiert und straft die Amerikaner mit angestrengter Verachtung. Immerhin trifft er seinen Freund Hanns Eisler, und sie kommen auf Thomas Mann zu reden, den «Stehkragen», wie Brecht ihn nennt. Und da erzählt Brecht von Lion Feuchtwangers Villa und dass in dessen Arbeitszimmer Thomas Manns Foto über seiner, Brechts Foto, gehangen habe (wo die Bilder übrigens noch heute hängen). Kurzerhand habe er bei seinem letzten Besuch «den Brecht über den Stehkragen gehängt» und er werde nicht müde, «das jedes Mal zu kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren».

Leverkühn im Ohrensessel

Dann sehen wir Arnold Schönberg. Er sitzt in seinem geliebten Ohrensessel, dem einzigen Möbelstück, das er ins kalifornische Exil mitgenommen hat. Schon Wagner habe darin gesessen. Doch er spürt eine Kuhle im Polster, nur notdürftig repariert, fast unsichtbar und doch so, dass ihn die Unregelmässigkeit irritiert. Und nun beginnen seine Gedanken zu schweifen: Thomas Mann habe sich, kaum in Amerika, den Sessel ausgeliehen, weil er darin, so Thomas Mann zu Schönberg, etwas abarbeiten wolle. Und was tut er in Wahrheit? Er schreibt darin den Roman «Doktor Faustus», kupfert bei Schönberg ab, lässt sich von Adorno die Zwölftonmusik erklären, von Schönberg aber im ganzen Roman kein Wort. Und nun sitzt dieser Leverkühn in dem Ohrensessel, hat sich geradezu in ihn hineingefressen und tönt nun auf alle Zeiten aus ihm heraus. Setzt sich Schönberg in den Sessel, hört er, wie zum Hohn, Leverkühns Musik. So wandern, nein rasen Schönbergs Gedanken; Klagen und Selbstvorwürfe, Zorn und Trauer fressen sich in sein Herz. Freunde, die ihn sehen, zweifeln dann manchmal an seinem Verstand.

Es sind solche Szenen, die Michael Lentz' Roman «Pazifik Exil» zu einem grossartigen Buch machen. Sie treiben aus der Banalität das Groteske und aus der Farce die Verzweiflung hervor. In solchem «Herzasthma des Exils», wie es Thomas Mann einmal nannte, tritt das Elend der Emigration ergreifender hervor als als in den dramatischen Einschnitten: der Flucht aus Frankreich über die Pyrenäen, der nicht ungefährlichen Schiffsreise, dem Kriegseintritt der USA und dem darauf gegen die Flüchtlinge verhängten Ausgehverbot. Das fehlt zwar nicht in dem Roman. Michael Lentz aber entdeckt in ihnen gleichsam das parodistische Potenzial. In diesen Momenten, wenn die Lage der Flüchtlinge sich existenziell zuspitzt, bricht der Erzähler die Tragödie ins Satyrspiel. In der alltäglichen Lächerlichkeit jedoch – Brecht in den Hausschuhen und in einem mit Eigelb verschmierten Hemd unterwegs zu einer Cocktailparty, Franz Werfel mit der gegen ihn und die Juden Gift und Galle spuckenden Alma – öffnen sich die Abgründe.

Das Exil deutscher Intellektueller während der Naziherrschaft zählt vielleicht zu den am besten erforschten und am ergiebigsten dokumentierten Perioden der Literatur- und Geistesgeschichte. Umso erstaunlicher ist es, dass es bisher kaum Versuche gegeben hat, die authentische Geschichte in fiktionale Geschichten zu verwandeln. Seit 1995 steht Lion Feuchtwangers Villa Aurora, die der auch im Exil erfolgreiche Schriftsteller 1943 in Pacific Palisades erworben hatte, für Stipendiaten offen. Einige (auch literarische) Texte über das Exil in Kalifornien sind daraus hervorgegangen. Michael Lentz aber hat sich von dem Aufenthalt in der Villa Aurora zu einer weit ausgreifenden Romanerzählung anregen lassen, in der einige Emigranten – Brecht und Schönberg, Feuchtwanger und Werfel, Heinrich und Thomas Mann – die Hauptrolle spielen.

Gewiss hat er viel Material – aus Briefen, Tagebüchern, Aufzeichnungen – verarbeitet, aber er hat es souverän in Sprache und Handlung verwandelt. Wie in früheren Texten – in «Muttersterben» oder in dem Roman «Liebeserklärung» – erweist er sich auch hier als ein Meister des inneren Monologs. In langen Selbstgesprächen erhalten seine Figuren Stimme und Gesicht. Diese konsequente Innenperspektive ist der radikale Versuch, das Exil nicht aus den Dokumenten, sondern aus der Imagination erstehen zu lassen.

Katia Manns Epilog

Am Ende sterben sie alle. Und es gehört zum Bewegendsten an diesem Buch, dass nun das Sterben aus einer nun auch in der Grenzerfahrung glaubhaft gewordenen Innensicht gezeigt wird. Werfel bricht – nach einer letzten fieberhaften Anstrengung am Schreibtisch – über der vergeblichen Arbeit an einem Gedicht zusammen, streicht in einer schon nicht mehr willentlichen Bewegung mit einem Bleistift das eben Geschriebene durch, kippt nach vorne und sinkt leblos vom Stuhl. Am Ende sind sie alle gestorben. Nur Katia Mann lebt noch. Sie, die zuvor auf 450 Seiten mit keinem Wort erwähnt wurde, die auch sonst immer im Schatten der Männer stand und steht, sie spricht das Schlusswort. Dieser Epilog zu diesem hinreissenden Roman ist zugleich ein denkwürdiges Epitaph auf eine Epoche.

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Pazifik Exil von Michael Lentz, 2007, S.Fischer2.)

Pazifik Exil.
Roman von Michael Lentz (2007, S. Fischer).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 22.9.2007:

Lieschen Müller in Kalifornien
Mit Michael Lentz zu Gast bei den deutschen Emigranten in den USA

Es herrschten nachgerade mitteleuropäische Fröste unter Kaliforniens Sonne, als die deutschen Emigranten, ihrer heimatlichen Kunstexistenzen beraubt, einander auf die Pelle rückten: auf Cocktailpartys (Brecht hat vergessen, seine Straßenschuhe anzuziehen, und gibt den Partyschreck in Filzpantoffeln!), in vergleichsweise komfortablen Einfamilienhäusern, auf Sofas (die Sterbelager der heimatlos Gewordenen), auf durchgesessenen Sorgenstühlen, die geruchlose Luft der kalifornischen Wohlstandskultur in den Nasen.

Thomas und Heinrich (und Golo) Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Franz und Alma Werfel, Arnold Schönberg, Hanns Eisler bilden das Kunstpersonal in Michael Lentz’ "historischem" Roman Pazifik Exil. Und man wird nicht ganz fehlgehen in der Annahme, dass Lentz mit der Ausgesetztheit seiner Protagonisten so etwas wie die "Geworfenheit" schlechthin thematisiert: die Entwurzelung der Moderne, deren Verfechter nolens volens zu heimatvertriebenen Antagonisten des "Schnurrbarts" werden, wie Lentz den "Anstreicher" Hitler durch den Mund Brechts zu nennen pflegt.

Was aber treibt Lentz um? Welche Weltverfassung ruft er in seiner Prosa wach, die sich tief in die Gemüter der Prominenten eingräbt, um in einer "fremdbeherrschten Kulisse" die 1940er-Jahre Revue passieren zu lassen? Der Schlüssel zu diesem seltsam geschwätzigen Buch, das keinesfalls die Lektüre von Brechts Arbeitsjournal ersetzt, liegt in einem Kryptozitat. Lentz hält auf leicht zu überlesende Weise einen kalifornischen Nekrolog auf den Lyriker "Oskar", hinter welchem Namen sich nicht etwa Kokoschka, sondern der 2006 verstorbene Dichter und Büchner-Preisträger Oskar Pastior verbirgt: ein rumänien-deutsches Genie, dessen Poesie einen Internationalismus und eine Welthaltigkeit verbürgt, die einzig durch das Schweifen der Tonlagen und der Idiome zu Stande kommt, nicht durch das (erzwungene) Einlösen von Reisebillets. Die dichterisch gebrauchte Sprache ist das Transportmittel schlechthin; sie ermöglicht jenes Transitorische, das eine Anteilnahme an einer (wie auch immer exotischen) Welt garantiert, ohne doch das Paradoxon von Dichtung befriedigend auflösen zu können. Indem man nämlich die Welt benennt und ihren Zauber, ihre Schrecken überzeugend wachruft, hält man sie sich auch ein Stück weit vom Leib – so weit eben, wie die sprachlichen Mittel reichen.

Es stimmt einen daher mitunter auch fassungslos, wie ein "Avantgarde-Dichter" wie Lentz sein Thema sprachlich weitschweifig umkreist, ohne jenes "Transitorische", das doch eben durch das Thema des Exils aufgeworfen wird, jeweils dingfest machen zu können. Menschen wie Brecht, deren besonderer (literarischer) Wert doch darin bestünde, dass ihre Existenzen wohl belegt sind, deren Kalküle und Hilflosigkeiten in zahllose Werke eingeflossen sind, die zum eisernen Bestand der Moderne gehören, reden in Lentz’ Roman wie Lieschen Müller – respektive wie deren spaßkulturelle Nachfahren in TV-Mittagsshows wie "Bärbel" oder "Britt".

Für Brecht, der 1941 an Bord eines Frachters von Wladiwostok nach San Pedro reist und dabei seine todkranke Mitarbeiterin Margarete Steffin zurücklässt, muss "Klartext her". Ihn, den großen Nüchternen und Unsentimentalen, "machen Kriminalromane geradezu an". Dermaßen angemacht, möchte Lentz auch sonst nicht an sich halten: "Was die eine nicht kann besorgen, verschiebt Brecht auf die andere", kalauert der Romancier – und meint damit natürlich Brechts wohl verbürgte Manie, in Herzensdingen eine gewisse Lockerheit an den Tag zu legen, die ihm von Moralaposteln aller Couleurs seit je übel angekreidet wird.

Manche Kapitel in Lentz’ dickleibiger "Vergegenwärtigung" wiederum lesen sich als Nachtrag zum Geschwister-Mann-Bio-Picture aus dem Hause Breloer: Heinrich Mann lebt mehr schlecht als recht an der Seite seiner Nelly, deren Brüsten er auf Zeichenpapier huldigt (Lentz zeigt sich dabei ganz auf der Höhe der Mann-Forschung!), die aber auch die Verachtung des steifkragigen Bruders Thomas auf sich zieht. Auch Promis sind schließlich nur arme Würstchen; sie bekommen die Flatter, ihre Herzpumpen setzen gelegentlich aus, oder sie reden wie die olle Alma Mahler-Werfel in Likörlaune antisemitischen Schwachsinn daher. Ein armseliges Pack, diese Exilanten!

Was also könnte Lentz – außer die Verwendung eines einschlägigen Stipendiums – dazu veranlasst haben, die erzwungene Nichtsesshaftigkeit seiner Protagonisten als Lore-Roman nachzuerzählen? In zwei Kapiteln scheint, wie in einem Palimpsest, das Können des Autors durch: Brecht, in der Kantine des Frachters sitzend, wälzt den Verrat an der Steffin als Gedankenexperiment im Kopf herum. Er kreuzt mit Friedrich Schiller spekulativ die Klinge; er dichtet, säuft Whiskey – ehe ihn Mitarbeiterin Nummer zwei, Ruth Berlau, aus der Brüterei herausreißt. Ein Orpheus im Vorhof der Hölle erhält Besuch von der (falschen) Eurydike – so hätte es gehen können.

Bewegend auch die Schilderung von Franz Werfels letzten Lebenstagen: das Delirium eines Herzkranken, der seiner Lebenspumpe beim "Gerade-Ausgehen" nachlauscht. Der seine eigenen Gedichte revidiert, der seiner Existenz seltsam ungerührt beim Verlöschen zusieht. Heimat ist nirgends. Eitel bleibt die Hoffnung auf "künstlerische Relevanz", hoffärtig der Irrglaube, im Welttheater eine Protagonistenrolle zugewiesen zu bekommen. Lentz, eine der großen Begabungen seiner Generation, hätte seinen Roman vielleicht nur eindicken müssen – ein Konzentrat herstellen. Er hat es vorgezogen, mit den Großen der Moderne eine Duz-Freundschaft zu begründen. Sie wurde ihm, Gott sei’s geklagt, nicht eben herzlich erwidert. Auch wenn die Konturen des unvergessenen Oskar Pastior hindurchschimmern.

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Pazifik Exil von Michael Lentz, 2007, S.Fischer3.)

Pazifik Exil.
Roman von Michael Lentz (2007, S. Fischer).
Besprechung von Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 4.11.2007:

«Das Ganze ist ein Quark geworden»
Spektakulär erzählt: fiktive Gedanken deutscher Intellektueller im Kalifornien-Exil

Was sind die Künstler? «Wenn es ans Leben geht, werden sie Dilettanten!»
Nicht nur in ihrem Tagebuch hat die resolute Wiener Dame immer das letzte Wort. Bei den Lebensdingen kennt sich Alma, verwitwete Mahler, geschiedene Gropius und verheiratete Werfel, eben aus. Über die staubigen Pyrenäen und zu Fuss führt sie im Herbst 1940 ein illustres Trüppchen von Exilanten. Die opulente Garderobe für die neue Heimat wird ihr in einem Dutzend Koffern
hinterhergetragen.
Wenn diese authentische Reise des Jahres 1940 nicht selbst schon ein Roman war, dann hat Michael Lentz jetzt einen daraus gemacht. «Pazifik Exil» heisst das Buch, das in breitem Cinemascope zeigen will, wie eng die Welt in einer Epoche des Untergangs wird. Dass die Komik kein Trost, sondern die nicht minder bedrohliche Kehrseite des Tragischen ist, zeigt der Roman in einer furiosen Sprache.
Alle sind sie da, im kalifornischen Exil zwischen Pacific Palisades und Santa Monica: Alma und Franz Werfel, die Manns und die Feuchtwangers, Bertolt Brecht, Arnold Schönberg und Hanns Eisler. Es sind verzweifelte Zeitdiagnostiker und versierte Hypochonder.

Brecht, Mann, Werfel

Was sie ausmacht, zeigt Lentz nicht in einer fortlaufenden Handlung, sondern in monologischen Sentenzen oder in subtil beobachteten Szenen. Was dabei herauskommt, sind Vignetten voller Melancholie. Lange und im Stil seiner wie hingeknallten Sprache kann Bertolt Brecht das Los des sportlichen Autofahrers oder der Weltrevolution beklagen.
Wenn er auf halbem Wege zur Cocktailparty bemerkt, dass er noch die Hausschuhe an den Füssen hat, dann denkt er nur: Was soll’s. Er ist doch der berühmte Brecht, und das ist schliesslich keine Frage der Toilette. Noch berühmter aber ist Thomas Mann, den Lentz als Poseur vor dem Spiegel der Welt zeigt. «Wo ich bin, ist Deutschland», lautet der notorische Satz des exilierten Grossschriftstellers.
Etwas leiser klingt das Echo Brechts: «Wo ich bin, kann Thomas Mann nicht sein.»
Wenn Lentz’ Roman satirisch ist, dann an solchen Stellen. Die Grossen lässt er auf die Details ihrer Eitelkeit schrumpfen, den Bescheidenen gibt er Grösse.
Mögen die Spiegelfechtereien zwischen Brecht und Thomas Mann im Blutvergiessen der Ehrabschneidung gipfeln, anderswo geht es elender zu. Heinrich Mann macht sich keine Illusionen über die Chancen des Exils. Erfolglos und verarmt steht er endgültig im Schatten des auch in Amerika umworbenen Bruders.
Was bleibt ihm? Wenn Heinrich Mann seine Zeichnungen nackter Frauen kritzelt, dann ist das zumindest erotische Versöhnung mit der Welt. Haben nicht all die sinnlich Hingestreckten die Brüste seiner eigenen Frau? Nelly Mann, die Mesalliance der Familie, die ewige Zielscheibe des Bruders Thomas Mann, verdämmert im Exil. Das trostlose Leben und der Alkohol setzten ihr nicht weniger zu als der Spott einer in der
Fremde noch schwerer zu ertragenden Verwandtschaft. 1944 begeht Nelly in Los Angeles Selbstmord. Ihr Schicksal ist ein stilles. Stiller jedenfalls als das der omnipräsenten Alma Mahler-Werfel, deren Ceterum censeo aus den Seiten des Romans dröhnt. «Die Juden sind mein
Schicksal», heisst es immer wieder, bis dem herzkranken Franz Werfel die antisemitischen Tiraden auch einmal zu viel werden. «Meine Frau Hitler» nennt er das böse dahinschwadronierende Weib, das Werfel seine Verfolgung durch die Nazis nicht verzeihen will.

Brillant verdichtet

«Das Ganze, von Tod und Leben, ist ein Quark geworden.» Wenn dieser verzweifelt direkte Satz Heinrich Manns eine Abbreviatur des Exils ist, was ist dann Lentz’ fast fünfhundert Seiten dicker Roman?
«Pazifik Exil» ist masslos. Für die politische Lage der dreissiger und vierziger Jahre interessiert sich der Roman weniger als für eine in Bildern verdichtete Psychologie dieser Zeit. Man wird im brillanten Projekt «Pazifik Exil» die avantgardistische Schreibstube erkennen, aus der der 43-jährige deutsche Schriftsteller kommt, und auch den Versuch, munter draufloszuerzählen. Denn das kann Lentz auch. Die Suada seiner Figuren, den stets zur Selbstrechtfertigung aufgestachelten Zorn, macht Lentz zu einem Spektakel von surrealer Wahrheit.
Aus der Welt sind die Sätze, Mutmassungen und Daseinserklärungen der aus der Welt gefallenen Manns, Feuchtwangers, Schönbergs und Werfels. Künstler auf verlorenem Posten. «Ich frage mich oft, ob wir mit dem Verlassen Deutschlands nicht die Wirklichkeit verlassen hatten», lässt Lentz Heinrich Mann sagen, und das ist ein Satz, der wohl für den ganzen Roman steht.
Das Exil ist ein Laboratorium für das eigene Leben, der Ausgang dieses unfreiwilligen Experiments ist ungewiss. In einer der beindruckendsten Szenen des Buches – einer Szene, die zeigt, wie brillant der Autor seinen voll aus biografischen Quellen schöpfenden Stoff verdichten kann – trauert Arnold Schönberg seinem «Wagner-Sessel» nach. Den von Schönberg in Deutschland erstandenen Ohrenfauteuil, auf dem schon Richard Wagner gesessen sein soll, nimmt Thomas Mann dem Komponisten ab, um darin den «Doktor Faustus» zu schreiben. Doch nicht nur das: Auch die Idee der Zwölftonmusik wandert unversehens in seinen Roman.
Der von Schönberg schmerzlich vermisste und bis dahin überallhin mitgeschleppte Sessel ist der kleinste gemeinsame Nenner einer Lebensreise.
Während der Komponist zu einer Klage anhebt, die allen Weltverwünschern Thomas Bernhards zur Ehre gereicht hätte, ahnt man, was ein Exil im Exil war. «Dieser Sessel ist Heimat», sagt Arnold Schönberg. Da sitzt ganz behaglich schon Thomas Mann in seinem Fauteuil.

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