Pawels
Briefe.
Erzählung von Monika
Maron (1999, S. Fischer).
Besprechung von Rita Utzenrath für die Rezensionen-Welt,
1999:
„Erinnerungen haben ihre Zeit“. Dies ist ein zentraler Satz im neuesten Buch von Monika Maron, die durch ihre Werke „Flugasche“, „Stille Zeile 6“ oder „Animal triste“ einem großen Lesepublikum als anspruchsvolle und hochkarätige Autorin bekannt ist. Und so nimmt sie sich auch jetzt nichts Leichtes vor: Monika Maron will Erinnerungen bewahren. Erinnerungen an ihre eigene Familiengeschichte, vor allem an ihre Großeltern, die viel zu früh starben - zu einer Zeit, als sie, Monika Maron, geboren 1941, noch nicht einmal ein paar Jahre alt war.
Ihr Großvater Pawel Iglarz, konvertierter Jude aus einem kleinen polnischen Dorf, der in Berlin mit seiner Frau Josefa sein Leben verbessern wollte, wurde im Ghetto Belchatow auf unbekannte Weise ermordet. Auffallend liebevoll rekonstruiert Monika Maron das Leben dieses kultivierten und nachdenklichen Menschen, der noch in seinen Briefen aus dem Ghetto darum bittet, man solle der kleinen Monika niemals zeigen, daß es Haß, Neid und Rache gebe. „Sie soll ein wertvoller Mensch werden“, ist sein rührender Wunsch, geäußert kurz vor seinem Tod.
Monika Maron begibt sich auf Spurensuche, beschreibt, so weit es geht, die Lebensverhältnisse und das furchtbare Sterben ihrer Großeltern, geht den Weg von deren Kindern nach, zu denen auch ihre Mutter Hella gehört und gelangt so zu ihrer eigenen Person. „Pawels Briefe“ ist ein ehrliches Buch, in welchem Monika Maron es sich nicht einfach macht. Unangenehme Dinge werden keinesfalls ausgespart. Der Konflikt zwischen ihrer Mutter, treuer Kommunstin, und ihr, die 1988 die DDR verließ, wird nicht verschwiegen. In klarer, präziser Sprache und trotzdem sehr poetisch reflektiert sie über Schwierigkeiten des Erinnerns und Vergessens. Für sie war die Zeit des Erinnerns nun da. So werden Pawels Briefe vielleicht doch nicht in Vergessenheit geraten. Wenigstens dieses Stückchen Familiengeschichte nicht, dieses Stück Zeitgeschichte nicht.
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