Pausenpoesie.
Gedichte zum Neustarten von Anton Leitner, als Hrsg. (
2015, Anton G. Leitner Verlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Januar 2016:

Warten, bis ich weiß worauf

Gemeinsam hatten Anton G. Leitner (Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“) und Christian Düfel (Projektbüro Lutherdekade/ Reformationsjubiläum 2017 der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern) im Jahr 2015 Lyrikerinnen und Lyriker zu einem Anthologie-Projekt unter dem Motto „Reformatio |Reset – Pausenpoesie zum Neustarten“ eingeladen. 80 zeitgenössische Dichterinnen und Dichter aus zwölf Nationen sind diesem Aufruf gefolgt und haben einhundert Gedichte rund ums Innehalten und Neustarten geschrieben, die vom 21. März - 28. Juni 2015 mit täglich einem Gedicht auf www.luther2017-bayern.de, www.luther2017.de und auf www.dasgdichtblog.de veröffentlicht wurden und nun auch gedruckt als Buch vorliegen.

Die versammelten Dichterinnen und Dichter haben die unterschiedlichsten Gedichte verfasst, welche schon durch ihre breitgefächerte Vielfalt imponieren und zeigen, was die Arbeit mit Worten und am Wort für Kleinods hervorbringen, bzw. hervorzaubern kann.

Jedes der Gedichte besticht durch seinen eigenen Stil, kommt mal gereimt oder in freien Versen, mit oder ohne Interpunktion, daher, ist mal klein geschrieben oder findet sich, den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung folgend, mit ausgeprägtem Sinn für die Poesie gedruckt auf Papier. Jedes dieser Gedichte beinhaltet die Beobachtungen und Eindrücke und die persönlichen Gedanken ihrer Verfasser, Wortpoeten, wie auch Martin Luther einer gewesen ist, der durch die Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Deutsche nicht nur Glauben und Religion, sondern auch die Sprache prägend beeinflusst hat, wie Anton G. Leitner und Christian Düfel in ihrem Vorwort schreiben.

Die versammelten Dichterinnen und Dichter nähern sich dem vorgegebenen Thema alle auf ihre eigene, unverwechselbare Art und Weise.

Sie politisieren, polemisieren, lästern, spötteln, beziehen Position. Sie hadern, lassen Luft ab, witzeln oder sind ernst, provozieren oder nehmen sich scheu zurück. Sie lästern über Technik, Umweltzerstörung, den lieblosen Umgang mit Mensch und Natur, der sie ihr persönliches Denkmal in Worten errichten, die sich in Herz und Kopf einprägen. Sie kommen auf eigensinnige Ideen, eigenwillig wie ihre Träume, als beabsichtigten sie, die Welt neu zu erfinden. Sie kommunizieren mit Künftigem und Gewesenem, mit Zukunft und Vergangenheit, mit Landschaften, Bäumen und Vögeln, mit den Möglichkeiten der Metamorphose. Sie versuchen, sich ihrer selbst zu versichern, stellen ungläubige Fragen, um manchmal verwundert Glaubensantworten zu finden. Sie drücken sich nicht um die Frage nach Gott, haben ihre persönliche Meinung dazu, ringen mit sich und den Religionen weltweit. Sie schreiben Liebesgedichte und beschäftigen sich mit Sterben und Tod, reisen, kriseln, mit mancher Weisheit am Ende, um euphorisch eine neue zu kreieren. Sie schöpfen Mut oder sind verzweifelt, untersuchen das Geflecht von Erde und Welt, sind verwirrt oder weise und, wie mir auffiel, wohltuend selbstironisch im Hier und Jetzt. Manchmal nehmen sie sich die Zeit, wie man sagt, um zu entschleunigen, vielleicht, um ihre Fantasie zu beschleunigen und mit der Einsicht zu stärken, dass Poesie ein Anker ist, wie es Anton G. Leitner formuliert.

Bekannte und weniger bekannte Dichterinnen und Dichter haben in dieser lesenswerten und zum Nachdenken anregenden Anthologie „Pausenpoesie“ zusammengefunden, der viele begeisterte Leser zu wünschen sind mit den Gedichten zum Neustarten. Stellvertretend für alle möchte ich beispielhaft das Gedicht von Hellmuth Opitz „Madrigal“ anhängen:

Madrigal

Die Kathedrale dieses Wintermorgens betreten,
aufschauen zur Empore schneebestäubter Bäume.

Eiszapfen wie Orgelpfeifen,
der Nordost zieht alle Register.

Mit den Augen Krähen folgen,
den verwischten, flüchtigen Kajal-Strichen ihrer Flüge.

Ein Kopfschmerz füllt diesen Raum aus, klar wie
Die Kopfstimme dieses Sängers, der ein Lied singt,

das nicht im Gesangbuch steht, ein Lied
mit dem Refrain: Oh mein Gott, Charles Darwin.

Die Stimme so hoch, es ist zum Niederknien
Und fragte mich jetzt jemand im Krähenschwarz

des Talars, ob ich ein Glaubender sei,
ich würde sagen: Heute morgen ja.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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