Pauls
Fall.
Roman von Arne
Ross (2006, Schöffling&Co.).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom 15.3.2006:
Alles unterstreichen
Arne Roß über einen rätselhaften Tag im
Leben eines alten Mannes
Warnung: Dieses Buch ist eine Zumutung. Es geschieht darin im Grunde nichts. Es erzählt einen Tag aus dem Leben eines alten Mannes. Der alte Mann heißt Paul und hat noch nicht einmal eine interessante Biografie. Kein Geheimagent im Ruhestand, kein berühmter Jazz-Musiker, kein ausgefallener Mörder oder ähnliches. Obwohl - das wissen wir nicht so genau. Wir wissen ohnehin nicht viel. Wir sehen Paul beim Zeitunglesen, beim Spazierengehen durch die offensichtlich recht idyllische Siedlung, in der sein Haus steht, gutbürgerliches Ambiente; verfolgen nicht sonderlich ergiebige Gespräche zwischen ihm und seiner Frau oder irgendwelchen Nachbarn, begleiten ihn bei seinem abendlichen Bad. Das war es. Jedenfalls beinahe.
Warnung: In diesem Buch geschieht ungeheuer viel.
Es dehnt die Zeit bis an die Grenze der Zerreißbarkeit und den Rand des Erträglichen;
es quält uns mit seinem Protagonisten, weil er sich selbst mit seinen alltäglichen
Verrichtungen quält, seziert jedes Detail dieses merkwürdigen Tages und endet,
beinahe unmerklich, in einer Katastrophe. Es zeigt uns mit Subtilität und
Raffinesse einen Menschen am Rande des Abgrunds. Ein solcher Mensch muss nicht
unbedingt interessant sein, damit uns das als Leser interessiert.
Für die ersten beiden Kapitel von Pauls Fall wurde Arne Roß im Jahr
2004 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt mit dem Preis
der Jury ausgezeichnet. Das war im Grunde zu wenig, doch der damalige Gewinner
war pompöser, effektvoller, seine Prosa donnernder als dieser unspektakuläre,
hochspannende Text. Jetzt, da Roß' Roman komplett vorliegt, zeigt sich dessen
psychologische (und gerontologische) Doppelbödigkeit in all ihren Spielarten.
Einen knappen Tag und eine halbe Nacht lang begleiten wir also Paul. Zu Beginn löst
das Bedauern aus. Er sitzt am Küchentisch. Er liest die Zeitung. Sucht ein
Lineal. Mit einem roten Kugelschreiber unterstreicht er in dem Artikel, was ihm
wichtig erscheint. Als er den Artikel fertig gelesen hat, ist er beinahe
komplett unterstrichen. Also nimmt er einen blauen Kugelschreiber und fängt
noch einmal von vorne an. Zwischendurch blickt er aus dem Fenster, auf die Birke
vor dem Haus, auf die Kastanie. Er schiebt das Kästchen am Kalender weiter auf
Sonntag, den 19. Oktober. Er rettet einen Kuchen aus dem Ofen vor dem
Verbrennen. Er kratzt sich mit dem linken Zeigefinger am Kopf, "der
Zeigefinger hatte einen verformten, krallenartigen Nagel, die Haut der
Fingerkuppe sah aus wie stümperhaft genäht, kleine Falten, die nicht mehr zu
glätten waren". G., Pauls Frau, kommt mit den Einkäufen zurück; das mit
dem Sonntag stimmt wohl also auch nicht, ist es doch schon Montag? So geht das
immer weiter, mit einer Detailbesessenheit, hinter der Methode steckt.
Arne Roß schreibt Passagen über das Altern, die man erschütternd nennen kann
- die zunehmende Senilität, der Kontrollverlust, bei dem der Betreffende sich
selbst zuschauen muss. All das wird genau protokolliert: der Spuckefaden, der
ihm beim Lutschen eines Bonbons aus dem Mundwinkel läuft, die
Ungeschicklichkeit beim Anziehen, beim Umgang mit Menschen. Pauls Fall
ist grundiert von stiller Verzweiflung, von jenem "Schauer der
Vereinzelung", der auch durch die Straßen der Siedlung weht. Paul verlässt
das Haus, "als er seinen Mantel, der mit einem blauen Beutel auf dem Bügel
hing, von der Garderobe nehmen wollte, sah er sich im Spiegel, einen alten,
ungekämmten Mann, dem das Hemd unter dem Pullover heraushing".
Scheinbar planlos ist sein Weg: Er führt Unterhaltungen mit Nachbarn, die im
Nichts enden, plaudern kann man das noch nicht nennen, dafür ist es zu mühsam;
den Kuchen, den er für einen Besuch mitgenommen hat, verspeist er allein und
nahezu restlos auf einer Lichtung im Wald; den Besuch macht er anschließend
dennoch.
Ganz allmählich beginnt die Figur, der Arne Roß nicht von der Seite weicht und
zu der er dennoch Distanz hält, zu kippen. So richtig sympathisch ist dieser
Paul doch wieder nicht, bei allem Bedauern, das man mit ihm hat. Zu seiner Frau
ist er nicht sonderlich freundlich; er tritt den Hund seines Gastgebers,
klingelt Sturm an einem Haus, an dem er vorbeikommt, tastet im Zeitungsrohr
herum, untersucht dessen Inhalt und geht weiter. Kein Wort darüber, ob er die
Besitzer kennt oder nicht. Schließlich ist da auch noch eine Frau, Ingeborg,
die er besucht, die für ihn kocht, regelmäßig offenbar. Eine Freundin? Oder
mehr? Sie trinken Tee, essen gemeinsam, auf dem Sofa schlafen sie ein, dann geht
er nach Hause, zurück zu G. Nein, irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht.
So raffiniert ist man zuvor in den Mikro-Mikrokosmos dieser Figur eingeführt
worden, dass es eine Zeitlang braucht, bis man bemerkt, wie wenig man über sie
weiß, wie riesig die Leerstellen sind, die unausgefüllt bleiben; wie rätselhaft
dieses auf den ersten Blick gar nicht rätselhafte, auf sein Ende zugehende
Leben ist. Andeutungen gibt es, von Kindern, von fernen Ereignissen. Das
geschlossene System Paul, das vor der Implosion zu stehen scheint, ist ein Rätsel,
obwohl man ihm so nahe kommt wie nur möglich. Allein der Code, den es bräuchte,
um diese Rätsel zu lösen, bleibt uns verborgen - der schweigsame Paul selbst
verrät ihn uns nicht; er ist eine literarische Figur unter der Lupe, in
Zeitlupe. Durch seinen unzuverlässigen Filter blickt man auf die Welt. Ist die
Trübung seines Blicks schon ein Krankheitsbild, ein Fall?
Äußerst kunstvoll hält Arne Roß einen Schwebezustand, hinter dem eine
unausgesprochene Bedrohung lauert. Rund um die Siedlung entstehen Neubaugebiete,
von einem Atomunfall ist einmal kurz die Rede (mutmaßlich schreiben wir das
Tschernobyl-Jahr 1986); im angrenzenden Wald finden gerade Herbstmanöver der
Bundeswehr statt, Tiefflieger donnern über die Siedlung: "Die Kühe hatten
sich währenddessen am Gatter zusammengedrängt, sie schauten jetzt hoch zu
Paul, dem alten, hingekauerten Mann, der, als die dritte Angriffswelle über den
See hinweggejagt war, seinen Kopf langsam aus der Höhle zog, bleich und verängstigt,
zutiefst erschrocken über etwas, das er nicht verstand, und sich mit zögernder
Hand über die Stirn wischte, ein Schweißtropfen hing an seiner Nase und
fiel." Alles scheint plötzlich zum Zeichen werden zu können. Eine
unheilvolle Endzeitstimmung durchzieht das Buch, eine atmosphärische
Aufgeladenheit, die die vermeintliche äußere Ereignislosigkeit so anspannend
macht.
Und was bleibt am Ende? Die Frage nach einem Leben, das gelebt oder auch nicht
gelebt wurde und schließlich in einem solchen Zustand endet? Kinder, die nicht
mehr da sind? Eine indifferente Vergangenheit und schale Gefühle. Ein quälender
Tag, von der Zeitungslektüre bis zur mühsamen Fußwaschung im Waschbecken? Man
trauert hin und wieder mit Paul, aber würde man auch um ihn trauern? Die
konsequent durchgehaltene Ambivalenz und die Dezenz, in der Pauls Fall Fragen
aufwirft, die an die Existenz gehen, machen diesen schmalen, stillen Roman zum
Erlebnis.
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