Jean Paul. Eine Reisebiographie von Dieter Richter, 2012, TransitJean Paul.
Eine Reisebiographie von Dieter Richter,
(2012, Transit Verlag).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 12.9.2012:

„Wär’ ich doch nur zuhause geblieben“
Dieter Richters originelles Buch über den fränkischen Klassiker
Jean Paul

Im nächsten Jahr wird der 250. Geburtstag des fränkischen Klassikers Jean Paul (1763-1825) gefeiert. Zur Einstimmung empfiehlt sich die originelle Reise-Biographie von Dieter Richter. Demnächst liest er in Nürnberg aus seinem Buch.

Johann Paul Friedrich Richter, der sich als Schriftsteller Jean Paul nannte, ist in seinem Leben viel gereist, aber nicht weit gekommen. Das Meer hat er nie gesehen. Rund 75 Reisen zwischen Berlin und München, Leipzig und Frankfurt listet Dieter Richter auf, der für sein lesensertes Buch vor allem die Briefe des Schriftstellers ausgewertet hat. Der in Hof geborene Germanist hat zuletzt die viel beachteten Bücher „Der Süden. Geschichte einer Himmelsrichtung“ und „Goethe in Neapel“ veröffentlicht.

Die klug und kenntnisreich zusammengestellte und kommentierte Reise-Biographie ermöglicht einen ganz neuen Zugang zum Leben und Werk des fränkischen Schriftstellers, der zu Lebzeiten mehr gelesen wurde als Goethe. Anders als dieser unternahm Jean Paul, der für seine überschäumende Phantasie bekannt ist, keine Bildungsreisen, seine Reiseabenteuer fanden vor allem im Kopf statt. Immerhin lernte er bei einer Reise nach Weimar sogar Goethe und Schiller persönlich kennen, die mit dem Sonderling allerdings wenig anfangen konnten.

Drei Dinge brauchte Jean Paul zum Leben: „Berge, Bücher und bitteres, braunes Bier.“ Auf die gewohnte Umgebung und seine Gewohnheiten (vor allem das Biertrinken) verzichtete der Dichter äußerst ungern, wie ein Brief beweist, den er 1823 im Gasthof „Zum Walfisch“ in Erlangen schrieb: „Wie immer hab ich eine besondere Wollust, am fremden Orte zu Hause zu bleiben und so recht die fremde Stadt im eignen Zimmer zu genießen und in Häuslichkeit.“ Nach Nürnberg, das damals gerade von den Romantikern entdeckt wurde, ist Jean Paul mehrfach gereist, manchmal in Begleitung seines geliebten Hundes. 1812 zum Beispiel weilt er vier Wochen lang in der Stadt und fühlt sich, wie er an seine Frau schreibt, „wie in Erlangen auf eine so unbegreifliche Art gesund.“ Doch die viel gelobte Altstadt erscheint ihm nur als „Gassengedärm“, die Menschen gefallen ihm nicht und die Sehenswürdigkeiten scheinen ihn nicht zu interessieren. Der schrullige Schriftsteller nutzt die Nürnberg-Aufenthalte vor allem für Einkäufe und Besuche beim Augenarzt.

Aber so richtig wohl gefühlt hat sich Jean Paul in Nürnberg offenbar nicht. Am 2. September 1823 schrieb er an seine Frau Caroline Richter in Bayreuth einen Klagebrief, in dem es heißt: „Hier gibt es leider keine ausgezeichneten Köpfe, nicht einmal unter Männern ... Auch wußt’ ich dies alles voraus und die Herrschaft des Kaufmanns und die Kälte gegen Philosophie und Dichtkunst und den Mangel an Gegenden und den tiefen Kopfstand der Weiber, die immer nur mit sich umgehen und an deren Köpfen selten Gesichter sind (...) und am meisten stieß mich der Gedanke hierher, dass ich mir doch recht einkaufen könnte — Federn, Papier und Bleistifte. Auch Graves-Weine wollt’ ich hier versuchen, es soll aber kein Tropfen davon zu haben sein.

Das Theater ist mittelmäßig. Keine Straße ist so breit und lang wie die Friedrichstraße (in Bayreuth); alles ist Gassengedärm, durch das man sich wie ein Stück verdautes Fleisch mit hundert Fragen windet.“

In seinen beiden letzten Lebensjahren reiste Jean Paul noch zwei Mal nach Nürnberg, um ärztliche Hilfe für sein Augenleiden zu suchen. Leider vergeblich.

Dieter Richter liest am 21. November im Nürnberger Literaturhaus aus seinem Buch

Die komplette Besprechung mit Abb. von Steffen Radlmaier finden Sie in den Nürnberger Nachrichten

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