1.) -
6.)
Paul Beers Beweis.
Roman von Clemens
Berger, (2005, Skarabäeus).
Besprechung von Peter Pisa aus Kurier, Wien, vom 7.1.2006:
Ein Mensch macht sich klein
Das hatten wir schon ein Mal, zwei Mal, drei Mal, aber das macht nichts. Das haben wir nämlich bisher noch nicht von dem jungen Schriftsteller Clemens Berger gelesen, der im Südburgenland aufwuchs. Und deshalb ist es etwas Neues. Und ein Stück österreichische Gegenwart zwischen Provinz und Ottakring ist es auch. Und: Dieser erste Roman des 26-Jährigen ist eine Freude. Ein Geschenk für Bauch und Hirn, zum Küssen wie die Antiquarin Ursula Steiner, die eine wunderbare Nebenrolle spielen darf.
Herr Schwarz macht sich klein. Er versteckt sich als arbeitsloser Fußballfan in Wien. Das ist sein zweites Leben. Er ist dabei, sich neu zu erfinden: Einst war er Setzer in Oberwart, wo der Balkan anfängt. Dort kam seine Frau Marianne zu Tode. Wie, das erfährt man spät. Die Boulevardpresse trieb Schwarz jedenfalls in die Flucht. Er änderte seinen Namen, denn in guten Zeiten hieß er Josef Kelemen, und nie, nie wird er zurück nach Oberwart kommen.
In Paul Beer findet er einen Freund. Der ist ein Privatgelehrter. Wörterzerleger. Buchzitierer. Einen Satz bekommt Beer nicht aus dem Kopf: "Wer aber unglücklich stirbt, dessen Leben war umsonst." Man sollte sich Beers Vergangenheit genauer ansehen.
"Wer aber unglücklich stirbt . . ." Damit das nicht passiert, muss Schwarz erst jemand werden. Zunächst existiert er nämlich nur im Stammlokal und Wettbüro. Wir sind dabei, wenn er ein richtiges Lebenszeichen setzt. Und Beer ist da. Und die Antiquarin. (Vielleicht gibt's die wirklich. Wo ist sie? Die muss man unbedingt kennen lernen. Wie dieses Buch.)
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2.)
Paul Beers Beweis.
Roman von Clemens
Berger, (2005, Skarabäeus).
Besprechung von Wolfgang Weisgram aus Der Standard, Wien
vom 7.1.2006:
Der
Geschichtenkoffer
"Paul Beers Beweis": Clemens
Berger ist ein Erzähler
Den jungen Clemens Berger, der mit seinem Debütband Der gehängte Mönch schon für einiges anerkennende Aufsehen gesorgt hat, möchte man sich als alten Mann vorstellen: wie er am Wirtshaustisch sitzt und einer faszinierten Runde einfach nur Geschichten erzählt. Die klängen dann ein wenig anders als jene in seinen Büchern, ein wenig theatralischer. Aber im Grunde ist Clemens Berger jetzt schon, noch vor seinem Dreißiger, genau das: ein Geschichtenerzähler.
Im Herbst legte er mit seinem Romandebüt bei Skarabäus, Paul Beers Beweis, den Beweis dafür vor. Berger fängt an zu erzählen, und der Leser fängt an zu horchen. Selbst der Umstand, dass hier drei Leben sich ineinander verschränken - was den Einsatz der filmdramaturgisch üblichen Kniffe von Rückblende, von Schuss und Gegenschuss nach sich zieht -, beeinträchtigt den Rede- und Hörfluss nicht.
Berger erzählt die Geschichte des Oberwarter Setzers Josef Kelemen. Der freilich ist schon tot, gestorben mit seiner Frau Marianne, die der Herrgott offenbar aus einer überdrehten Laune heraus - eine, die jener der Kelemens damals glich - abberufen hatte. Nun lebt Josef Kelemen als Franz Schwarz in einem Computer-Umschulungskurs in Wien, und wenn sich jemand für Josef Kelemen noch interessiert, dann ist es der ein wenig ins Skurrile gedrehte Privatgelehrte Paul Beer, der seiner angehimmelten Antiquarin das Kelemenleben inbrünstig nacherzählt. Und das vor allem deshalb, weil ihn jene Momente im, von einem italienisch sprechenden Papagei bewohnten, Vorstadtbeisl so faszinieren, in denen Josef Schwarz seinen "Geschichtenkoffer" öffnet. Vielleicht aber, auch das kann natürlich sein, "vielleicht war es diese Unsicherheit, wer man denn eigentlich sei, weil soviel Interessantes in einem steckte, die Beer an Schwarz gefiel".
Wer sich jetzt einen verwickelten Identitätskonflikt erwartet, unterschätzt Clemens Berger ziemlich. Der erzählt das klassische Literaturthema ausgesprochen unaufgeregt - fast möchte man sagen: so en passant -, und hinterm "Wer bin ich?" schimmert unausgesprochen das vermaledeite "Wer sind wir?".
Geradezu ein Glück, dass Österreich da einen Autor von seiner östlichen Grenze hat, wo das Wort Heimat nach allen möglichen Richtungen flimmert. Und weil das so ist, kann die Heimat dort auch nicht gepredigt werden. Sondern nur erzählt. Und genau das eben tut Clemens Berger.
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3.)
Paul Beers Beweis.
Roman von Clemens
Berger, (2005, Skarabäeus).
Besprechung in den Salzburger Nachrichten vom 18.3.2006:
Nein, mit ihrem Leben kommen die Figuren in Clemens Bergers Roman nicht zu Rande. Sie schleichen sich auf ihrer Identität, passen sich eine zweite an. Das kann nur gelingen, wenn man seine Vergangenheit abstreift, ungeschehen macht. Um alle Gestalten, die Berger zeichnet, ist ein Geheimnis, das sie brauchen, weil sie nicht festgelegt werden wollen auf eine Rolle, die ihnen zu eng ist. Unglücksgeschichten ereignen sich, und Berger zeichnet sie auf, um sie unter den Hut eines gemeinsamen Schicksals zu bringen.
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4.)
Paul Beers Beweis.
Roman von Clemens
Berger, (2005, Skarabäeus).
Besprechung von Klaus
Zeyringer in Literatur
und Kritik:
Elf zu zwölft
Wenn ein Ritual gestört wird, kommt ein Weltwerkel kurz außer Tritt. Die Fußballmanschaft läuft ins Stadion ein, Fünfzigtausend auf den Rängen klatschen und schreien und singen, die elf Stars stellen sich in Pose, das Photographenrudel hebt die Kameras. Und da steht nun ein Zwölfter im Team, der gar nicht hingehört. Ein Unbekannter, ein unsportliches Aussehen im Mannschaftsdreß, dazugeschwindelt, für immer auf dem Bild, ein Schwarzläufer.
Wie es sein kann, wenn Gewöhnliches im Leben ein wenig oder auch sehr stark außer Tritt gerät, schildert Clemens Berger in seinem ersten Roman Paul Beers Beweis auf ebenso eindringliche, wie einfühlsame Art. Es geht um Existenzielles im Episodischen, um Siege und Niederlagen, große und kleine: Der Platz auf dem Mannschaftsphoto und der Ausschluß aus der Berufswelt, die richtigen Tipps bei der Sportwette und die Tränen einer Erwachsenen beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, ein Beisel-Mord im Boulevardblatt und ein türkischer Sieg im WM-Match, der Genuß von Haschischkeksen und die Lust und eine tödliche Aggression danach…
Die Bauweise seines Romans deutet Berger in der Eingangspassage an. Paul Beer erzählt einer Antiquarin vom Beginn eines Unfallabends: "Diese Geschichte mußte er ihr weiterspinnen. Vor dem Tisch aber sollten Franz Schwarz und das Bild des bewunderten Tormanns in der Zeitung erste Zusammenhänge erhellen: Paul Beers Beweis." Die Er-Erzählung wechselt zunächst zwischen den Sichtweisen der beiden Hauptfiguren, später greift kurz die Perspektive anderer Personen ein. Miteinander ergibt dies ein facettenreiches Bild, in dem auch ein paar Unschärfen oder zu stark aufgetragene Konturen zu finden sind.
In einem Beisel in Ottakring kommen zwei Männer ins Gespräch, der Privatgelehrte Paul Beer, Doktor der Geisteswissenschaften und passionierter Leser, und der aus dem Burgenland zugezogene Franz Schwarz, arbeitsloser Setzer und Fußballfan. Beiden ist in ihren so unterschiedlichen Milieus das Gewöhnliche außer Tritt geraten, beide haben über einen Lebensrand geschaut, der eine gewaltsam und vehement, der andere fein und melancholisch.
Zu Beginn des Romans kehrt Paul Beer von einer Schottlandreise nach Wien zurück, als "Heimkehr" empfindet er dies nicht: "Heimat war ihm ein unbekannter, verdächtiger, gleichzeitig ersehnter Begriff, der ihm den Mund pappig machte." Heimat, das sieht er als Bilder der Vorvergangenheit. Franz Schwarz seinerseits möchte die Vorvergangenheit und ihre Bilder loswerden. Als er in Oberwart lebte, hat er Josef Kelemen geheißen, bis der tragische Tod seiner Frau Marianne und die Berichte der Boulevardpresse ihn aus diesem Ich vertrieben. Während sich Beer langsam der Buchantiquarin Ursula Steiner nähert, ersteht im Reden und aus verschiedenen Blickwinkeln die Geschichte, wie Josef Kelemen zu Franz Schwarz wurde, dazu ein Panorama kleiner Seitenstücke: Schicksale und Episoden, Charakter- und Milieustudien, die in ihrer Knappheit plausibel und bezeichnend sind, ohne auftrumpfend zu wirken.
So stellt Clemens Berger eine großstädtische Vielfalt und eine provinzielle Enge dar, ein Wien der Büchermenschen und der türkischen Fußballanhänger, ein Oberwart der Kleinbürger und der Roma. Diesen Ort, den ihm Franz Schwarz als seine Vorvergangenheit erzählt hat, besucht Paul Beer, die Tafel "Oberwart / Felsöör" erscheint ihm "einsprachig und schwarz umrandet von Zeitungs- und Fernsehbildern merkwürdig vertraut" - es ist eine Anspielung auf das Bombenattentat, bei dem im Februar 1995 vier Roma ums Leben kamen. "Alles hatte in diesem kleinen Stückchen Welt Platz gehabt", erkennt Beer. Er steht am Grab von "Marianne Kelemen. 1967-1998", das Begräbnis erfährt man aus der Sicht des Ministranten, verbunden mit dessen Erinnerung an die Bestattung der vier ermordeten Roma, und am Abend fragt sich Beer in einem Lokal neben polternden Halbwüchsigen: "Wieviel konnte der Einzelne für seine Gemeinheit, wieviel seine Umgebung?"
Die Fäden des Romans hat Berger gut verknüpft, die Konstruktion genau, allerdings eine Spur zu deutlich, gestaltet. Die Gegenwartshandlung setzt während der Fußballweltmeisterschaft 2002 ein, der Unfall in Oberwart passierte zur Zeit der WM 1998. Die Übergänge der Abschnitte bilden jeweils eine Sprachklammer, die ein Wort aus dem letzten Satz in den ersten des nächsten Abschnittes übernimmt. Nur nach der Schilderung des Unglücks, die mit "Aus" endet, beginnt der folgende Teil nicht wie sonst mit einem großgedruckten Satz, sondern: "EIN Bild war es, vor dem Paul Beer in wenigen Augenblicken zum dritten Mal stehen würde." Dieses Photo der Fußballelf zu zwölft, auf das sich Franz Schwarz geschwindelt hat, ist im Roman aus drei Perspektiven beschrieben. In den Erinnerungsräumen des traditionsreichen Clubs (gemeint ist Rapid), der seine Vergangenheit ausstellt, betrachten es Paul Beer und Ursula Steiner: "Den letzten, am anderen Ende der Flanke - […] der Dreß unter der Brust weit ausgebuchtet, die Hände, die die anderen Spieler hinterm Rücken verschränkt halten, steif seitlich anliegend, ein Lächeln um den Mund, das ihm zu denken gab - wies unten, an der Bildlegende nicht einmal ein Fragezeichen aus. Elf Namen und zwölf Menschen." Der berühmte Tormann erwähnt das Photo in einem Interview ("und dann, nach dem linken Stürmer, stand da einer und grinste sich einen Ast"), und am Schluß erzählt Beer der Antiquarin, wie das Bild laut der Erzählung von Franz Schwarz zustande kam.
Fußball und Bücher, Bilder und Lektüren, Photos und Zitate geben - mitunter existenziell verstandene - Raster, aus denen einige Figuren heraustreten oder in denen sie sich gefangen sehen. Im Ottakringer Stammbeisel sitzt der Papagei Fritz im Käfig, er kommt aus Italien, kann "Servus" und "Trottel" und "Ficken" rufen, ansonsten lauter Italienisches. Im Traum redet Franz Schwarz "wie ihm der Schnabel gewachsen war. Daher war er auch in einem Traum statt Fritz im Käfig gesessen und hatte Wienerisch gesprochen."
Mit Paul Beers Beweis legt Clemens Berger einen ansprechenden Roman vor, spannend, flott und meist präzise erzählt. Die Töne, die Stimmung im Beisel oder unter türkischen Fans oder im Antiquariat versteht er ebenso nachvollziehbar zu beschreiben wie Kelemens Verzweiflung nach dem Tod der Frau, als ihm das Personalpronomen wegbleibt: "Öffnete Mariannes Kasten. Roch hinein. Weinte. Roch. Schloß ihn. […] Saß. Fürchtete sich. War niemand da. Gar niemand. Er schon. Schon? Er, oder es, oder irgend etwas in ihm ging in den Keller. Setzte sich ins Auto. Stieg vor der Bezirkshauptmannschaft aus. Trat ins Zimmer. Bat um eine Namensänderung." Einige Episoden wirken leicht klischeehaft (der Drogenabend), manche Bemerkungen banal (Beers Klage über den Wissenschaftsbetrieb, die Entwicklung der früheren Progressiven), die Gespräche zwischen dem Privatgelehrten etwas bemüht und ein paar sprachliche Ungenauigkeiten fallen auf (zwölf Spieler "am Bild"; sie "erhob ihren Zeigefinger und sich vom Sessel"). Insgesamt freilich ist dem sechsundzwanzigjährigen Clemens Berger eine gute literarische Bilderfolge gelungen, die Menschen in ihren mittleren Jahren mit ihren existenziellen Fragen und Enttäuschungen, Katastrophen und Aussichten zeigt.
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5.)
Paul Beers Beweis.
Roman von Clemens
Berger, (2005, Skarabäeus).
Besprechung von Dagmar
Jenner aus buchrezensionen.eu vom
6.8.2006:
Paul Beers Beweis
Erstaunlich, dass hier ein Schriftsteller am Werk ist, der seinen 30. Geburtstag noch vor sich hat. Clemens Berger erzählt überzeugend die Geschichte eines Mannes, der älter ist als er selbst, dessen Identitätskrise und dessen Versuch der Neufindung. Der Roman beinhaltet allerlei literarische Kunstgriffe wie zahlreiche Rückblenden und erzählt die Geschichte des Burgenländers Josef Kelemen, der nach dem, wie die Leserin erst im letzten Teil des Buches erfährt, tragisch-skurrilen Tod seiner Frau nach Wien zieht und sich neu erfindet. Aus dem Setzer Josef Kelemen wird der arbeitslose Fußballfan Josef Schwarz, der seine Tage in einem nicht unbedingt angesagten Beisl verbringt. Wie es der Zufall so will, begegnet er dem Intellektuellen Paul Beer, der von der für ihn völlig fremden Welt aus Fußball und Umschulungskursen fasziniert scheint und sich wohl irgendwo eine Hoffnung, seinem eigenen Leben Sinn abzugewinnen, verspricht. Daher wohl auch der Titel, „Paul Beers Beweis“. Für mich blieben letztlich ein paar Fäden unverknüpft und nicht ganz klar, worin konkret dieser Beweis besteht. Das vermag aber nur am Rande zu stören. Und da ist dann noch die Antiquarin Ursula Steiner, mit der sich Paul Beer intellektuelle und manchmal etwas überzeichnete geistige Wortgefechte liefert. Paul Beer trägt die Geschichte Josef Kelemens in die heimelige Atmosphäre des Antiquariats. Mit dessen zweifelsohne sehr aparten Inhaberin bahnt sich, ganz leise, die Möglichkeit einer Liebesgeschichte an: „Sie mochte den gutgelaunten Paul Beer, der sie immer mehr an jemanden erinnerte, den sie mehr als gemocht hatte. Der auch Geschichten erzählt hatte, um gemocht zu werden.“ Dass ein junger Autor die Tollpatschigkeit, die ein älterer Herr in Liebessachen an den Tag legt, glaubhaft erzählen kann, bezeugt die Alterunabhängigkeit dieser Problematik. Persönlich hoffe ich, dass Clemens Berger bei seinem nächsten Werk die merkwürdige Mischung aus alter und deutscher Rechtschreibung ad acta legt. Es ist nicht anzunehmen, dass ebendiese Mischung untrennbar mit seinem Erzählstil verbunden ist. Insgesamt ein gelungener Debütroman eines viel versprechenden Erzählers, der hoffentlich auch in Zukunft von sich reden oder besser gesagt: lesen machen wird.
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6.)
Paul Beers Beweis.
Roman von Clemens
Berger, (2005, Skarabäeus).
Besprechung von Helmut Schönauer,
2006:
Literatur dient oft der Aufklärung, sei es, dass vergangene Zeiten, die Kindheit oder das Leben am Lande erhellt wird, sei es, dass versteckte Kabel frei gelegt werden, welche zeigen, wie Schaltungen wirklich funktionieren und wie die Dinge im Leben wirklich zusammenhängen.
Im Roman "Paul Beers Beweis" geht es um all diese Dinge und so steht auf der Tagesordnung Aufklärung mit Esprit. Die Hauptfigur hat offensichtlich die erste Identität abgelegt und ist zu einem Helden wie aus dem Bilderbuch geworden. Im Leben gibt es manchmal diese Punkte, an denen man so gut wie alles verändern muss, also wird aus einem erfolglosen Urbewohner des Burgenlandes, der noch dazu täglich in der Zeitung steht, weil seine Frau auf seltsame Weise gestorben ist, ein arbeitsloser Fußballfan in Wien.
Man ist das, wofür man sich hält, heißt es in der Psychologie, aber in der Literatur wäre es gut, wenn es für die jeweiligen Identitäten auch die entsprechenden Beweise gäbe. Der Privatgelehrte Paul Beer ist also aufgerufen, Fotos, Gesprächsstoffe und Rituale aus der Urzeit des Helden in seiner ehemaligen Heimatstadt Oberwart zu untersuchen, ob sich nicht die alte Identität wissenschaftlich korrekt in die neue überleiten ließe.
Unterstützt wird dieses Unterfangen durch seine Liebe zu einer Antiquarin, die ja Spezialistin für alte Bücher, Stiche und Lebensstile aus vergangenen Zeiten ist.
Jetzt ist das elementare Figurenset der Literaturgeschichte beisammen und beweist sich ununterbrochen, dass das jeweilige Leben das richtige ist. Die Antiquarin wühlt im Gefühlskitsch und schäkert sich durch die eigene Biographie, der Privatgelehrte sucht auf jeder Seite einen Beleg für seinen Sinn und dreht sich im wissenschaftlichen Argumentationskreis um sich selbst., und der Fußballfan säuft sich durch die Stammkneipen vergilbter Fanclubs. Allmählich vermischen sich diese Schicksale zu einem schwergoldenen Erlebnis-Brockat. Was hätte sein können, wird zur Wirklichkeit, der Schein der Gegenwart beweist glorreiche Zukunft und das kitschig klein karierte Leben der Provinzstadt erzeugt großen Habitus, wenn es in die Großstadt Wien implementiert wird.
Gerücht, Erinnerung, antiquarische Ausgaben von Argumenten und der Sound von Stammweisheiten in kleinformatigen Kneipen ergeben ein Konglomerat von Lebensweisheiten, die an jeder Stelle aneinandergefügt werden können und dennoch immer das Richtige ergeben.
Clemens Bergers erzählt wie ein umgedrehter Staubsauger, er bläst mit seinem Erzählrohr auf die verstaubten Kanten der Provinz, und wenn sich der Wirbel gesetzt hat, erglänzen die Begründungen für die skurrilen Verhältnisse wie neu.
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