Paula
Spencer.
Roman von Roddy Doyle (2008,
Hanser - Übertragung Renate Orth-Guttmann).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der
NRZ vom
07.01.2009:
Die irische Literatur wird bewundert, wenn von Joyce, Beckett und Yeats die Rede ist. Gelesen aber werden Frank McCourt und Roddy Doyle, der den hiesigen Buchmarkt enterte, nachdem 1990 sein Roman „Commitments" in den Kinos lief. Das Klischee von der grünen Inselidylle half er zu kippen, indem er Probleme häufte. Keiner hat dabei seinem Volk so sehr aufs Maul geschaut. Die Leute fanden sich wieder in seinem Sozialrealismus und dankten es dem ehemaligen Lehrer vom Jahrgang 58, indem sie seine Bücher kauften. In die Städte hatte Doyle seine Stoffe verlegt, weg von den trunkenen Landbarden, Fischern und Moorstechern, hin zu den saufenden Proletariern, Kriminellen und süchtigen Problemfällen, die im Moloch hausen. Das alte romantische Irland ist passé, wer im neuen der ökonomischen Diktatur ankommen will, braucht vor allem Geld.
Paula Spencer hat keins. Vermutlich wird sie nie welches
haben, hat sie doch nicht einmal einen Pass oder eine Krankenversicherung. Sie
zahlt nie Steuern und klebt nicht für die Rente. Sie ist Ende vierzig,
Linkshänderin, Putzfrau und kein Einzelfall. Seit dem Tod ihres Mannes vor 12,
13 Jahren hatte sie keinen Sex. Er war nach einem Raubüberfall von der Polizei
erschossen worden. Noch immer ist Paulas Körper eine Landkarte seiner
Misshandlungen, und dennoch denkt sie in Hassliebe an ihn zurück. Sie ist
einsam, hat Rückenschmerzen, geht zum Job, wenn sich andere schlafen legen, und
wenn sie nach Hause kommt, steht der viel zu große Kühlschrank leer da wie ein
Vorwurf.
Unverhofft macht sie das stark. Deswegen ist sie seit vier Monaten trocken, als
das Buch beginnt, und noch als es ein Jahr später mit ihrem 49. Geburtstag
endet, hat sie den Versuchungen widerstanden. Aber sie muss nicht nur
widerstehen, sondern eine Menge lernen. Überleben zum Beispiel in einer Welt
ohne Alkohol, warten, hoffen und sich beschäftigen. „Sie hat nicht ganz unten
angefangen. Sie hat ihr Teil dazu getan, dass sie nach unten gekommen ist."
Dabei hat sie die Nähe zu ihren vier Kindern verloren, die in so einem Milieu
problematisch wurden, Drogen nahmen, trinken oder sich irgendwann abwandten.
Dem Alltag auf den Fersen
Paula Spencer ist eine unspektakuläre Protagonistin des Alltags, eine, die sonst
kaum als literaturwürdig erachtet wird. Ihr ein Jahr lang auf den Fersen zu
bleiben, damit sie glaubhaft Stimme und Kontur bekommt, ist das Erstaunliche an
diesem gar nicht windschnittigen Buch. Roddy Doyle geht es vor allem um
Authentizität. Diese Frau kämpft um Anwesenheit in ihrem Leben, lernt, ein Handy
zu benutzen, mit den Ihren zu kommunizieren, Suppe zu kochen als
gemeinschaftsstiftendes Ritual mit den Kindern, zu googlen, wieder an Rockmusik
Gefallen zu finden und allein ins Café zu gehen. Dieses Buch bleibt ganz nah an
seiner Hauptfigur. Das macht es spröde, schlicht und dennoch faszinierend. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung