Paula
Briefwechsel von Richard
Beer-Hofmann (2002, Igel).
Besprechung von Hermann Schreiber aus Rezensionen-online
*LuK*:
Schokolade und Schönheit
Ein Dichterbriefwechsel mit einem Mythos
Als der Schweizer Maler Etienne Liotard 1743 nach Wien reiste, um die damals noch junge und schöne Maria Theresia zu malen, konnte er nicht ahnen, daß ihm diese Stadt und ihre Kaffeehäuser sein bis heute berühmtestes Bild bescheren würde – La Belle Chocolatière, gemalt 1745, heute in Dresden. Das Pastell zeigt eine sehr junge, sehr schöne Wienerin mit Haube und züchtigem Halstuch, die auf einem Tablett neben einer Tasse Schokolade auch das bis heute übliche Glas Wasser balanciert, die Lider scheu gesenkt, der Gesichtsausdruck gleichwohl eine einzige Verheißung.
1895 tritt Dr. Richard Beer-Hofmann in das berühmte Süßwarengeschäft von Viktor Schmidt und Söhne ein; der kleine, feine Laden liegt dem Hauptportal des Stephansdoms gegenüber, ganz Wien kennt ihn, beste Kundschaft wird von ausgesuchten Kräften bedient. Richard und Paula stehen einander zum erstenmal gegenüber, er 29 Jahre alt und beinahe schon berühmt, sie sechzehn und so schön, still und sauber wie das Mädchen von Liotard, von dem sie vermutlich nie gehört hat. Er kommt aus dem assimilierten Wiener Judentum, sie ist eine Katholikin vom Grund aus beinahe ärmlichen Verhältnissen. Es ist das, was man heute eine amour fou nennen würde, eine Leidenschaft, die beide erfaßt. 1897 wird die Tochter Mirjam geboren, 1898 tritt Paula Lissy zum Judentum über, erhält den zusätzlichen Vornamen Ruth, den sie nie führen wird, und unterzieht sich dem rituellen Bad, wonach der Eheschließung nach jüdischem Ritus nichts mehr im Wege steht.
Beer-Hofmann hat später in einem Gespräch gestanden, daß er sich damals in einer tiefen Schaffenskrise befand: »Hätte ich damals nicht meine Frau kennengelernt, hätt ich wahrscheinlich nie weiter geschrieben, sondern wäre auf Reisen gegangen«, die Versuchung eines wirtschaftlich Unabhängigen, die sich in dem neuen Glück wie von selbst auflöst (zehn Jahre später wird Gerhart Hauptmann mit der siebzehnjährigen Ida Orloff die gleiche Erneuerung seines Schöpfertums erleben). Der Vorgang ist geheimnisvoll, aber nicht unerhört, und er wird von den Freunden mit Verständnis, ja mit einer gewissen Andacht verfolgt.
Julius Bab sagt von Paula: »Sie war immer eine auffallend schöne Erscheinung, groß und klar, und mit einem prachtvollen Kopf… Sie ging keineswegs auf in dem Mann, den sie doch gewiß so sehr wie nur möglich liebte und umsorgte. Sie stand als ein ganz eigenes Wesen neben ihm.« Und Arthur Schnitzler stellte fest, Beer-Hofmann habe sie »aus einem Wiener Mädel ins Präraphaelitische stilisiert, und es ist ganz hübsch, wenn ein aus dem Rahmen getretenes Bild … im Original auf der Veranda sitzt und plötzlich auf gut Wienerisch zu lachen, zu schauen und zu reden anfängt« (in einem Brief von 1896, also vor Paulas Eheschließung, an Olga Waissnix). Ob Schnitzler dabei an das berühmteste präraffaelitische Bild dachte, an King Cophetua and the Begger-Maid von Burne-Jones? War der vermögende Dichter tatsächlich so etwas wie ein König, dem zumindest auf jenem Bild ein halbnacktes, schönes und sehr junges Mädchen zur Seite sitzt?
Wir wissen von Paulas Familie wenig, mit einem ihrer beiden älteren Brüder hielt sie eine gewisse Verbindung, zu dem anderen gab es nach der Hochzeit keine Kontakte mehr. Sie hatte auch mehr als genug mit dem zu tun, was man wertfrei Beer-Hofmanns Mischpoche nennen könnte, »die alten Leute«, wie Paula selbst sich ausdrückte, die in und um Wien lebende Familie des Dichters. Er mahnte seine junge Frau immer wieder, sich um seine Adoptiveltern Hofmann, um seinen Vater und um einige Tanten zu kümmern, was für eine Hausfrau und Mutter von drei Kindern unter damaligen Verhältnissen schlichtweg eine Zumutung genannt werden muß. Aber es gab noch etwas anderes: Die einstige Katholikin fühlte sich nicht akzeptiert, sie sah ihre eigene Jugend, Heiterkeit und Schönheit als eine Herausforderung für die alten Herrschaften an, und sie hatte mit Haus, Garten, Handwerkern, Schule und Ärzten mehr als genug am Hals.
Daß Beer-Hofmann viele Monate in Berlin zubrachte, wo Max Reinhardt Jaakobs Traum und den Grafen von Charolais, schwierige Dramen gewiß, endlos vorbereitete und die Premieren immer wieder hinausschob, verstand Paula nicht; andere Dichter, meinte sie, überließen dies alles den Theaterleuten. Aber Reinhardt bildete sich ein, in Beer-Hofmann eine Regie-Begabung entdeckt zu haben. Er zog ihn als Berater bei verschiedenen Inszenierungen heran, ja er bezahlte ihm sogar ein Gehalt, und Beer-Hofmann, eine jener Berühmtheiten, denen der wirkliche, große Erfolg versagt geblieben war, genoß die Atmosphäre Berlins, der großen Bühnen und versuchte, den Erfolgsdramatikern jener Epoche ihr Geheimnis abzuschauen.
Immerhin verdanken wir diesen langen Abwesenheiten, zu denen auch noch Reisen nach Italien und in die Niederlande kamen, einen Briefwechsel, der ob seiner Aufrichtigkeit und Ausführlichkeit alle anderen Korrespondenzen des Dichters an Aussagewert übertrifft. Zu dem überaus heiklen und äußerlich beinahe zärtlichen Verhältnis zwischen Beer-Hofmann und Hugerl (Hugo von Hofmannsthal) stehen nirgends so aufschlußreiche Zeilen wie hier, von Paula wie von ihrem Mann. »Ich mußte unterbrechen, weil Hugo da war«, berichtet sie am 13. 12. 1904 von Rodaun nach Berlin, »er hat mir erzählt, daß (Jakob) Wassermann bei ihm war und ihm erzählt hat, Frau Fischer hätte ihm geschrieben, Du bist ganz Stück (d. h. kümmerst Dich nur um den Grafen von Charolais) und sprichst auch nur davon. Wie vorsichtig man sein muß, sie heucheln gewiß wahnsinniges Interesse, die schlechten Menschen; wie weh hat mir das getan, daß man (Dich) so kritisiert… Mach Dir nur nichts daraus, mein lieber lieber guter Richard und denk an uns, vier Menschen, die ganz Dir gehören.« Am 1. 7. 1914 schreibt Richard aus dem Salzkammergut nach Wien, daß Hofmannsthal sich ihm anvertraut habe: Er sei endlich seine Geldsorgen losgeworden, die Tantiemen der Richard-Strauss-Opern hätten ihm die Rücklage von 400.000 Kronen ermöglicht – für jene Jahre und die hohe Kaufkraft der Krone ein Vermögen! »Es war eine große Verteidigungsrede gegen eine Anklage, die ich nie gegen ihn erhoben hatte« (Hofmannsthals bekannter Geiz).
Ungetrübt war Paulas Verhältnis zu Hermann Bahr, er besuchte die Familie oft, erinnerte sie mit Bart und wallendem Haupthaar an einen Bernhardiner, war arglos und aufrichtig und pendelte zwischen Wien und Berlin, was Paula mit Informationen versorgte.
Besonderes Interesse, über das Literarische hinaus, verdienen die Briefe aus dem Ersten Weltkrieg, in dem ja mehr gehungert wurde als im Zweiten und selbst kleine Reisen zu unerwarteten Problemen wurden. Nach wie vor bemüht sich Paula, ihrem Dichter alles Widrige zu verschweigen. Jahre vorher hatte sie sogar einen schweren Verkehrsunfall nicht berichtet: der Fiaker, in dem sie mit den Kindern saß, war auf dem Schwarzenbergplatz mit dem 71er zusammengestoßen, ein Pferd war auf offener Straße gestorben. Paula hatte den Schauplatz schnell verlassen, um nicht fotografiert zu werden, zu Hause aber meldete sich dann zum ersten Mal das schwache Herz mit aufeinanderfolgenden Ohnmachten.
Der aufkommende Nationalsozialismus findet Beer-Hofmann nicht wachsamer als seine Kollegen und das vertrauensselige Berliner Theatervolk; in Wien hat man eine Gnadenfrist, man hätte sie nutzen, die Häuser regulär verkaufen und zeitgerecht emigrieren müssen, aber Beer-Hofmann verhandelt 1938 zäh, da er fühlt, daß man von reichen Juden vor allem das Geld will. Die drei Zinshäuser werden zu miserablen Preisen verkauft, ebenso die herrliche Villa im Cottage, als Bau eines berühmten Sezessionisten unter Denkmalschutz. Als die Reichsfluchtsteuer bezahlt ist und der Weg in die Sicherheit frei wäre, bricht Paula zusammen. Erst neun Monate nach diesem ersten Infarkt, im August 1939, kann die Ausreise angetreten werden, am 30. Oktober 1939, also im zweiten Monat des neuen Weltkriegs, stirbt Paula Beer-Hofmann, geborene Lissy, und wird in der Schweiz begraben. »Ich ziehe den nun leer gewordenen Karren meines Lebens hinter mir her, als hätte dies alles noch Sinn«, schreibt Beer-Hofmann am 4. 12. 1939 an Herbert Steiner, den Herausgeber der legendären Zeitschrift Corona.
Die Sammlung von 466 Briefen und Telegrammen, die uns das Bild dieser Ehe bewahrt, ist als achter Band der Werkausgabe Beer-Hofmanns im Oldenburger Igel-Verlag erschienen, von Peter Michael Braunwarth und Richard M. Sheirich herausgegeben, mit zureichenden Anmerkungen und den nötigen Registern. Mehr konnte man für die beiden Briefschreiber nicht mehr tun.
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