Party im Blitz von Elias Canetti, 2003, Hanser/2005, S. FischerParty im Blitz.
Roman von Elias Canetti (2003, Hanser, hrsg. von Kristian Wachinger).
Besprechung von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau, 16.8.2003:

Ein Zett und zwei Nullen
Die englischen Jahre eines Menschensammlers: Elias Canettis fragmentarische Erinnerungen "Party im Blitz"

Mit der Ausnahme von Lyrik umfasst das Werk Elias Canettis nahezu alle schriftstellerischen Textsorten. Seinem bedeutenden, 1937 abgeschlossenen, Roman Die Blendung ließ er erst 1960 den Riesenessay Masse und Macht folgen. Canetti verfasste drei Theaterstücke, Reiseskizzen, charakterologische Miniaturen, zahlreiche Aufzeichnungen und Aphorismen sowie eine dreibändige Autobiographie. Nicht immer jedoch kann man sich bei Texten Canettis der Gattungsbezeichnung ganz gewiss sein. So erfasst man die Autobiographie wohl am ehesten mit der Bezeichnung Lebensroman, und wer wollte der eigenwillig eklektizistischen Studie Masse und Macht ihre gezielt literarischen Ambitionen bestreiten.

Elias Canetti selbst war es, der die Spur dazu auslegte, dass in Masse und Macht über alles Forscherinteresse hinaus lebensgeschichtliche Aspekte Einlass gefunden haben. In einem Kapitel, das den Dirigenten als Typus des Machthabers skizziert, ist kein anderer als der berühmte Dirigent Hermann Scherchen verborgen, der Canetti einst eine Demütigungserfahrung beigebracht hatte. Elias Canettis Texte folgen einer inneren Verweisungsstrategie, die mindestens so sehr auf Verrätselung aus ist wie auf Aufklärung.

Es spricht einiges dagegen, den soeben als Fragment erschienenen Band Party im Blitz als Fortsetzung der biographischen Romane Die gerettete Zunge, Die Fackel im Ohr und Das Augenspiel zu lesen, auch wenn Canetti wiederholt in seinen Texten und Aufzeichnungen geäußert hat, die Autobiographie ursprünglich auf fünf Bände angelegt zu haben.

Canetti dachte, darin ist er ganz der gelernte Chemiker geblieben, der er zunächst war, in Versuchsreihen. Schon der Roman Die Blendung sollte lediglich der erste Teil einer achtbändigen Studie menschlicher Deformation sein. Masse und Macht wiederum war auf zwei Bände angelegt. Canettis Werkplan hatte stets etwas Gigantomanisches, aber am Ende hat man bei keinem Projekt den Eindruck, etwas Abgebrochenes oder Unausgeführtes vor sich zu haben. Man durfte Canetti schon sehr früh unterstellen, dass er darauf aus war, mit seiner Art der Werkankündigung das Interesse auf sich zu lenken.

Im poetologischen Konzept Canettis aber muss die Autobiographie als abgeschlossen betrachtet werden. Sie umfasste absichtsvoll exakt jene Lebensjahre, in denen der Dichter Canetti noch nicht veröffentlicht war. An Zeitgeschichte Interessierten war schon nach der Veröffentlichung des Augenspiels aufgefallen, dass 1937 nicht das historische Datum war, zu dem etwas abgeschlossen werden konnte.

Der Autor Canetti folgte hier einzig der Logik des Mythologen und Textgläubigen in eigener Sache. Wie der chinesische Maler am Ende in seinem Bild verschwindet, trachtete Canetti danach, vollends in seinem Textteppich aufzugehen. Niemand hat wie Canetti so zielbewusst und -strebig an der Verschriftlichung seines Lebens gearbeitet, als dass er aus einer Laune heraus seinen Plan im Alter noch einmal ändern würde.

Party im Blitz ist so gesehen kein Text, der Aufschluss gibt über einen bislang möglicherweise unbekannten Autor Canetti. Größtenteils Anfang der 90er Jahre in drei verschiedenen Textteilen geschrieben, schließt es an die Aufzeichnungen an, die Elias Canetti in großen Abständen veröffentlicht hat. Stilistisch allerdings ähneln die Beschreibungen zahlreicher Begegnungen mit Berühmten und Unbekannten der englischen Gesellschaft dem Text der Autobiographie. In seinen englischen Jahren macht Canetti sich zu allererst zu einem Ohrenzeugen (wie auch jener Band mit Charakterskizzen betitelt ist).

Den großen Bertrand Russel belauert er eher als dass er ihn beschreibt. Auf einer Party wohnt Canetti einem Gespräch Russels mit dem indischen Botschafter in China bei, den Russel durch die Art seiner Befragung die größten Geheimnisse seines Wissens über China entlockt. Der Partygänger wird hier buchstäblich zum Gesellschaftstier, dem die Instinkte mehr nutzen als der Intellekt. Canettis anthropologische Neugier und seine Lust, in den menschlichen Kommunikationsformen die tierische Verwandlungsfähigkeit kenntlich zu machen, ist in diesem Buch, das den nahezu unbekannten Schriftsteller im englischen Exil zeigt, stark ausgeprägt. Dem Menschensammler Canetti geht es dabei weniger darum, seinen Platz im Gedränge der Namen zu behaupten. In dem Fegefeuer der Eitelkeiten, das er bereits in Wien oder Berlin durchschritten hatte, faszinieren Canettis Texte immer wieder auch durch die Errettung der Namenlosen und Unbekannten ins Werk.

Eine der geheimnisvollsten Figuren ist der Straßenkehrer von Chelhem Bois, mit dem Canetti eine ebenso flüchtige wie innige Freundschaft schließt. "Er war vielleicht achtzig Jahre alt und rüstig wie ein Mann von fünfzig. Geistig war er noch jünger, in der Zeit des Fragens, die bei ihm nie enden würde. Er sprach nie zu lang und brach gern plötzlich ab, so als wolle er noch über etwas nachdenken, bevor er das Gespräch fortsetzte. Er knüpfte das nächste Mal nicht sklavisch an das Frühere an, ließ aber wohl merken, dass er sich alles, auch die kleinste Einzelheit, gemerkt hatte. Es gab nichts Überflüssiges in diesen Gesprächen."

Als geübter Canetti-Leser weiß man, dass man derlei Idealisierungen misstrauen sollte, aber gerade in seinen reduktionistischen Miszellen erweist sich noch der betagte Canetti als Skizzenmaler, in dessen Handwerk flüchtige Momentaufnahme und Ewigkeitsentwurf zusammenschießen. Zeitlich umspannt die Party im Blitz nicht nur jene Jahre, in denen Elias Canetti und seine Frau Veza (die in diesem Band eigenartig unscharf bleibt) dem Nazi-Terror entkommen waren. Die englischen Jahre sind darüber hinaus die Zeit, in denen Canettis wichtigstes Werk Masse und Macht Form annimmt. Party im Blitz lässt sich also auch als Werkstattbericht lesen, und auch hier fällt sofort Canettis Begabung auf, Beobachtung und Einfall zu Allgemeingültigem zu verdichten. Seine beinahe soziologischen Bemerkungen über das englische Partywesen, das auf Distanz und Nichtberührung aufgebaut ist, findet sich nahezu ungebrochen in jenem berühmten Eröffnungskapitel von Masse und Macht, in dem Canetti das Umschlagen der Berührungsfurcht als ein kategoriales Merkmal im Zusammenspiel von Masse und Macht analysiert. Im Werkzusammenhang hat Party im Blitz denn auch so etwas wie den Charakter jener Kelleraufnahmen der Basement Tapes, die eine Art nachgetragenen Schlüssel zum Werk des großen Verschlüsslers Bob Dylan darstellen.
Party im Blitz hat darüber hinaus etwas Rohes, Unbearbeitetes. Die letzten Glättungen sind durch den Tod des Autors im Jahre 1994 wohl ausgeblieben. Das wird an keiner Stelle deutlicher als in der Schilderung einer Liaison mit der Schriftstellerin Iris Murdoch. Er ist schonungslos im Umgang mit der Murdoch, aber kaum weniger bloßstellend sind die Passagen für Canetti, der hier jegliche Deckung aufzugeben scheint. ("Am besten weiß ich Bescheid über ihre Beziehung zu einem Dichter, der bin ich").

Erscheint das Paradieren englischer Künstler, Adliger und Politiker hier insgesamt wie das Ensemble einer Zoogesellschaft, die über ihre Instinkte gesteuert wird, so tritt Canetti mit Iris Murdoch in einen nachträglichen Kampf am Futtertrog um dichterische Aufmerksamkeit ein. Indem Canetti treffen will, zeigt er, dass er getroffen worden ist. Die große Kunst des surrender and catch, des abwartenden Belauerns und plötzlichen Zugreifens, die Canettis Gesamtwerk auszeichnet, ist hier preisgegeben. "Man könnte Iris Murdoch das Oxford-Ragout nennen. Alles, was ich am englischen Leben verachte, ist bei ihr gesetzt worden. Man könnte sich vorstellen, dass sie unaufhörlich spricht, als Tutor, und unaufhörlich zuhört: im Pub, im Bett, in Konversationen mit Liebhabern männlichen oder weiblichen Geschlechts. Sie nimmt nichts ganz auf, sie lehnt nichts ganz ab, es bleibt alles bei allem unausgefertigt ungefährlich und tolerabel."

Man kennt Canettis lustvolle Feindschaftsverhältnisse aus der Autobiographie zu Hermann Scherchen, zu Franz Werfel oder zu Brecht. Es sind die Konkurrenzgebärden eines noch nicht anerkannten Dichters gegenüber literarischen Berühmtheiten. Sie alle kann man lesen im Zusammenhang einer Poetologie, die den Dichter als Machthaber begreift, der sich durch seine Werkarchitektur des gewöhnlichen Tötens zur Machtanhäufung enthält. Der Dichter, der der größte Bewunderer ist, besitzt die Fähigkeit, im Werk zu vernichten.

Die nachhaltige Feindschaft gegen die Murdoch aber ist geprägt von sexueller Kränkung. Hier schlummert im Gegensatz zu hinreichend bekannten Arrangeurskunst Canettis die Kraft einer Verstörung. Party im Blitz ist deshalb keineswegs ein Buch für die Kader fortgeschrittener Canetti-Leser. Seine große Kunst der Selbstmythologisierung aber erlebt hier seinen Maskensprung.

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