Party im
Blitz.
Roman von Elias
Canetti (2003, Hanser, hrsg. von Kristian Wachinger).
Besprechung von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau, 16.8.2003:
Ein Zett und
zwei Nullen
Die englischen Jahre
eines Menschensammlers: Elias Canettis fragmentarische Erinnerungen "Party
im Blitz"
Mit der Ausnahme von Lyrik umfasst das Werk Elias
Canettis nahezu alle schriftstellerischen Textsorten. Seinem bedeutenden, 1937
abgeschlossenen, Roman Die Blendung ließ er erst 1960 den Riesenessay Masse und
Macht folgen. Canetti verfasste drei Theaterstücke, Reiseskizzen,
charakterologische Miniaturen, zahlreiche Aufzeichnungen und Aphorismen sowie
eine dreibändige Autobiographie. Nicht immer jedoch kann man sich bei Texten
Canettis der Gattungsbezeichnung ganz gewiss sein. So erfasst man die
Autobiographie wohl am ehesten mit der Bezeichnung Lebensroman, und wer wollte
der eigenwillig eklektizistischen Studie Masse und Macht ihre gezielt
literarischen Ambitionen bestreiten.
Elias Canetti selbst war es, der die Spur dazu auslegte, dass in Masse und Macht
über alles Forscherinteresse hinaus lebensgeschichtliche Aspekte Einlass
gefunden haben. In einem Kapitel, das den Dirigenten als Typus des Machthabers
skizziert, ist kein anderer als der berühmte Dirigent Hermann Scherchen
verborgen, der Canetti einst eine Demütigungserfahrung beigebracht hatte. Elias
Canettis Texte folgen einer inneren Verweisungsstrategie, die mindestens so sehr
auf Verrätselung aus ist wie auf Aufklärung.
Es spricht einiges dagegen, den soeben als Fragment erschienenen Band Party im
Blitz als Fortsetzung der biographischen Romane Die gerettete Zunge, Die Fackel
im Ohr und Das Augenspiel zu lesen, auch wenn Canetti wiederholt in seinen
Texten und Aufzeichnungen geäußert hat, die Autobiographie ursprünglich auf fünf
Bände angelegt zu haben.
Canetti dachte, darin ist er ganz der gelernte Chemiker geblieben, der er zunächst
war, in Versuchsreihen. Schon der Roman Die Blendung sollte lediglich der erste
Teil einer achtbändigen Studie menschlicher Deformation sein. Masse und Macht
wiederum war auf zwei Bände angelegt. Canettis Werkplan hatte stets etwas
Gigantomanisches, aber am Ende hat man bei keinem Projekt den Eindruck, etwas
Abgebrochenes oder Unausgeführtes vor sich zu haben. Man durfte Canetti schon
sehr früh unterstellen, dass er darauf aus war, mit seiner Art der Werkankündigung
das Interesse auf sich zu lenken.
Im poetologischen Konzept Canettis aber muss die Autobiographie als
abgeschlossen betrachtet werden. Sie umfasste absichtsvoll exakt jene
Lebensjahre, in denen der Dichter Canetti noch nicht veröffentlicht war. An
Zeitgeschichte Interessierten war schon nach der Veröffentlichung des
Augenspiels aufgefallen, dass 1937 nicht das historische Datum war, zu dem etwas
abgeschlossen werden konnte.
Der Autor Canetti folgte hier einzig der Logik des Mythologen und Textgläubigen
in eigener Sache. Wie der chinesische Maler am Ende in seinem Bild verschwindet,
trachtete Canetti danach, vollends in seinem Textteppich aufzugehen. Niemand hat
wie Canetti so zielbewusst und -strebig an der Verschriftlichung seines Lebens
gearbeitet, als dass er aus einer Laune heraus seinen Plan im Alter noch einmal
ändern würde.
Party im Blitz ist so gesehen kein Text, der Aufschluss gibt über einen bislang
möglicherweise unbekannten Autor Canetti. Größtenteils Anfang der 90er Jahre
in drei verschiedenen Textteilen geschrieben, schließt es an die Aufzeichnungen
an, die Elias Canetti in großen Abständen veröffentlicht hat. Stilistisch
allerdings ähneln die Beschreibungen zahlreicher Begegnungen mit Berühmten und
Unbekannten der englischen Gesellschaft dem Text der Autobiographie. In seinen
englischen Jahren macht Canetti sich zu allererst zu einem Ohrenzeugen (wie auch
jener Band mit Charakterskizzen betitelt ist).
Den großen Bertrand Russel belauert er eher als dass er ihn beschreibt. Auf
einer Party wohnt Canetti einem Gespräch Russels mit dem indischen Botschafter
in China bei, den Russel durch die Art seiner Befragung die größten
Geheimnisse seines Wissens über China entlockt. Der Partygänger wird hier
buchstäblich zum Gesellschaftstier, dem die Instinkte mehr nutzen als der
Intellekt. Canettis anthropologische Neugier und seine Lust, in den menschlichen
Kommunikationsformen die tierische Verwandlungsfähigkeit kenntlich zu machen,
ist in diesem Buch, das den nahezu unbekannten Schriftsteller im englischen Exil
zeigt, stark ausgeprägt. Dem Menschensammler Canetti geht es dabei weniger
darum, seinen Platz im Gedränge der Namen zu behaupten. In dem Fegefeuer der
Eitelkeiten, das er bereits in Wien oder Berlin durchschritten hatte,
faszinieren Canettis Texte immer wieder auch durch die Errettung der Namenlosen
und Unbekannten ins Werk.
Eine der geheimnisvollsten Figuren ist der Straßenkehrer von Chelhem Bois, mit
dem Canetti eine ebenso flüchtige wie innige Freundschaft schließt. "Er
war vielleicht achtzig Jahre alt und rüstig wie ein Mann von fünfzig. Geistig
war er noch jünger, in der Zeit des Fragens, die bei ihm nie enden würde. Er
sprach nie zu lang und brach gern plötzlich ab, so als wolle er noch über
etwas nachdenken, bevor er das Gespräch fortsetzte. Er knüpfte das nächste
Mal nicht sklavisch an das Frühere an, ließ aber wohl merken, dass er sich
alles, auch die kleinste Einzelheit, gemerkt hatte. Es gab nichts Überflüssiges
in diesen Gesprächen."Als geübter Canetti-Leser weiß man, dass man
derlei Idealisierungen misstrauen sollte, aber gerade in seinen
reduktionistischen Miszellen erweist sich noch der betagte Canetti als
Skizzenmaler, in dessen Handwerk flüchtige Momentaufnahme und Ewigkeitsentwurf
zusammenschießen. Zeitlich umspannt die Party im Blitz nicht nur jene Jahre, in
denen Elias Canetti und seine Frau Veza
(die in diesem Band eigenartig unscharf bleibt) dem Nazi-Terror entkommen waren.
Die englischen Jahre sind darüber hinaus die Zeit, in denen Canettis
wichtigstes Werk Masse und Macht Form annimmt. Party im Blitz lässt sich also
auch als Werkstattbericht lesen, und auch hier fällt sofort Canettis Begabung
auf, Beobachtung und Einfall zu Allgemeingültigem zu verdichten. Seine beinahe
soziologischen Bemerkungen über das englische Partywesen, das auf Distanz und
Nichtberührung aufgebaut ist, findet sich nahezu ungebrochen in jenem berühmten
Eröffnungskapitel von Masse und Macht, in dem Canetti das Umschlagen der Berührungsfurcht
als ein kategoriales Merkmal im Zusammenspiel von Masse und Macht analysiert. Im
Werkzusammenhang hat Party im Blitz denn auch so etwas wie den Charakter jener
Kelleraufnahmen der Basement Tapes, die eine Art nachgetragenen Schlüssel zum
Werk des großen Verschlüsslers Bob
Dylan darstellen.
Party im Blitz hat darüber hinaus etwas Rohes, Unbearbeitetes. Die letzten Glättungen
sind durch den Tod des Autors im Jahre 1994 wohl ausgeblieben. Das wird an
keiner Stelle deutlicher als in der Schilderung einer Liaison mit der
Schriftstellerin Iris Murdoch. Er ist schonungslos im Umgang mit der Murdoch,
aber kaum weniger bloßstellend sind die Passagen für Canetti, der hier
jegliche Deckung aufzugeben scheint. ("Am besten weiß ich Bescheid über
ihre Beziehung zu einem Dichter, der bin ich").
Erscheint das Paradieren englischer Künstler, Adliger und Politiker hier
insgesamt wie das Ensemble einer Zoogesellschaft, die über ihre Instinkte
gesteuert wird, so tritt Canetti mit Iris Murdoch in einen nachträglichen Kampf
am Futtertrog um dichterische Aufmerksamkeit ein. Indem Canetti treffen will,
zeigt er, dass er getroffen worden ist. Die große Kunst des surrender and
catch, des abwartenden Belauerns und plötzlichen Zugreifens, die Canettis
Gesamtwerk auszeichnet, ist hier preisgegeben. "Man könnte Iris Murdoch
das Oxford-Ragout nennen. Alles, was ich am englischen Leben verachte, ist bei
ihr gesetzt worden. Man könnte sich vorstellen, dass sie unaufhörlich spricht,
als Tutor, und unaufhörlich zuhört: im Pub, im Bett, in Konversationen mit
Liebhabern männlichen oder weiblichen Geschlechts. Sie nimmt nichts ganz auf,
sie lehnt nichts ganz ab, es bleibt alles bei allem unausgefertigt ungefährlich
und tolerabel."
Man kennt Canettis lustvolle Feindschaftsverhältnisse
aus der Autobiographie zu Hermann Scherchen, zu Franz Werfel oder zu
Brecht. Es
sind die Konkurrenzgebärden eines noch nicht anerkannten Dichters gegenüber
literarischen Berühmtheiten. Sie alle kann man lesen im Zusammenhang einer
Poetologie, die den Dichter als Machthaber begreift, der sich durch seine
Werkarchitektur des gewöhnlichen Tötens zur Machtanhäufung enthält. Der
Dichter, der der größte Bewunderer ist, besitzt die Fähigkeit, im Werk zu
vernichten.
Die nachhaltige Feindschaft gegen die Murdoch aber ist geprägt von sexueller Kränkung.
Hier schlummert im Gegensatz zu hinreichend bekannten Arrangeurskunst Canettis
die Kraft einer Verstörung. Party im Blitz ist deshalb keineswegs ein Buch für
die Kader fortgeschrittener Canetti-Leser. Seine große Kunst der
Selbstmythologisierung aber erlebt hier seinen Maskensprung.
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