Parlando von Bodo Kirchhoff, FVA1.) - 2.)

Parlando.
Roman von Bodo Kirchhoff (2001, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von
Ursula März  aus DIE ZEIT, 4.10.2001:

Große Szenen und leere Strecken
Bodo Kirchhoff schießt unglaubliche Tore - und wartet, bis der Ball wiederkommt

Romanciers könnte man in zwei Gruppen einteilen, in die Epiker und die Szeniker. Jene erzählen eine Geschichte, indem sie ihrem Fluss folgen. Szeniker indes umrunden ihre Geschichte wie ein stehendes Gewässer, den Gardasee beispielsweise. Für Bodo Kirchhoff spielt der Gardasee seit seiner ersten belletristischen Arbeit eine wichtige Rolle, als dramatische Kulisse und poetologische Parabel. Der Szeniker Kirchhoff umrundet Buch um Buch auch sein Werk.

So sitzt in seinem neuen Roman, Parlando, auf Seite 340 plötzlich ein Señor Branzger im Café in Mexico City und überredet den Erzähler zum Verzehr eines Fisches, dessen Verdauung unseren Mann zu einer quälenden Toilettensitzung verurteilt. Branzger hieß auch der am Analen und Fäkalischen interessierte Held in Kirchhoffs erster Prosaarbeit Ohne Eifer, ohne Zorn aus dem Jahr 1979, die mit einer Reise an den Gardasee endet. Und eine Figur namens Branzger trat in dem Roman Der Sandmann auf.
Die Kirchhoffsche Werkdramaturgie ist von der Wiederkehr eines bestimmten männlichen Typus und der literarischen Technik bestimmt, mit der diese Helden sich selbst hervorbringen. Sie sind einsame Wölfe, verfügen über einen gehörigen, bisweilen ins Autistische gehenden Narzissmus, stecken, Frauen erträumend, Frauen opfernd, in klassischen Junggesellenmaschinen und haben eine Hauptbeschäftigung: sich im doppelten Sinn des Wortes zu produzieren. Sie agieren häufig vor dem Spiegel, und sie verstehen den Vorgang des Erzählens in erster Linie als Bildaufbau und Bildentwicklung ihres Selbst, kurzum: als Projektion. Dabei kann es auch vorkommen, dass sie sich der Erfüllung fremder Projektionen zur Verfügung stellen. Kurt, der Held in Kirchhoffs bislang umfangreichstem Roman Infanta (1990), war von Beruf Fotomodell. Der Roman Parlando ist neben und zehn Jahre nach Infanta im Schaffen Bodo Kirchhoffs das zweite Opus magnum; durch den schieren Umfang einerseits, die enorme Ambition andererseits, drittens aber durch jene demiurgische Textkonstruktion, auf die Kirchhoff spezialisiert ist. Karl Faller, ein 35jähriger, in Frankfurt am Main beheimateter Drehbuchautor mittelmäßiger Fernsehserien, bringt in einem gewaltigen Sprech- und Erzählakt ein Modell, eine Version seiner Lebensgeschichte hervor beziehungsweise das, was seine Psyche und seine Fantasie dafür halten. Denn Reales und Eingebildetes, Tatsachen und hochgerechnete Möglichkeiten sind in Karl Fallers Monolog stark verkocht.
Zeit der Erzählung ist Ende der neunziger Jahre, Ort ihres Beginns ein Frankfurter Krankenhausbett. Karl Faller wurde auf dem Platz vor der Oper mit einer Kopfverletzung aufgefunden, neben einer toten Frau, deren Mörder zu sein er behauptet. Die Selbstbeschuldigung ruft die Ermittlungsbehörde in der Person der Staatsanwältin Suse Stein auf den Plan. Sie befragt Karl Faller über den Mordfall hinaus, hört seinen Lebensausmalungen bis zum Romanende zu, persönlich, telefonisch, telegrafisch, und mischt sich schließlich selbst in Fallers Leben, fährt ihm nach Südamerika hinterher und wird seine Geliebte. Denn Karl Faller begibt sich nach seiner Genesung auf Reisen - Marrakesch, Casablanca, Lissabon, Mexico City. Er folgt der Spur seines Vaters, den er hauptsächlich aus zweiter Hand kennt.
Karl Faller ist ein Kind ordnungsgestörter Verhältnisse, ein Kind der 68er. Sein Vater war 17, als er ihn bekam, der Sohn 12, als er in einem Internat abgeliefert wurde. Als junger Mann verbrachte er Jahre mit dem Versuch, in die Haut des Vaters zu schlüpfen. Er erjagte und verführte, Frau um Frau, dessen Geliebte und ist nach wie vor besessen vom Bild einer geheimnisvollen, exotischen Schönheit, deren Existenz keineswegs feststeht, die aber in den Büchern des Vaters immer wieder erwähnt wird als "die Berberin" oder "die Nordafrikanerin". Bei diesen Büchern handelt es sich um spezielle Reiseliteratur: "Stadtführer für Alleinreisende". Überall stößt Karl Faller auf Erscheinungen der schönen "Berberin". Sie kann die Gestalt einer Hure annehmen, die einer Imbissköchin oder eben die der Toten vor der Frankfurter Oper.
Immer wieder der Gardasee
Die verkürzende Zusammenfassung zeigt nichts von der komplexen Konstruktion des Romans, vom rasanten Kreislauf ins Monströse gesteigerter Motive, von der erzählerischen Zahnradtechnik. Während Karl Faller mit Suse Stein schläft, erzählt er ihr, frei fabulierend natürlich, über Seiten hinweg die Vorgänge der ersten Liebesnächte seines Vaters mit der "Berberin". Die Szenen, die Bodo Kirchhoffs Meisterschaft erweisen, spielen nicht in Frankfurt, nicht auf fernen Kontinenten. Sie spielen am Gardasee. Zwischen der Aura dieses Ortes und dem Vermögen dieses Schriftstellers muss es eine ideale Entsprechung geben. Atemberaubend die Szene, in der die Eltern des noch kleinen Karl Faller ihre gegenseitige Rage auf eine Fledermaus lenken, die sich nachts ins Hotelzimmer am Gardasee verirrt hat und die sie mühsam erschlagen. Bewundernswert die krasse, aber nicht obszöne Beschreibung der Urszene aus der Sicht des Kindes, das im nämlichen Hotelzimmer aus nächster Nähe eine Liebesakt der Eltern mit ansieht und anhört. Wie in der unruhigen Tiefe des Sees, die in dessen Mitte über 300 Meter beträgt, liegt die Erzählung des Traumas genau in der Romanmitte.
Bodo Kirchhoff ist ein außerordentlicher, psychoanalytisch denkender, träumender und arrangierender Phänomenologe des Exzesses und des Ennuis. Aber will er das überhaupt sein? Die Grelle seiner literarsichen Sub- und Scheinwelten, das Morbide seiner mit Tod und Sexualität reich gefüllten Stoffe lenkt ihn zum Szenischen. Aber wäre ihm eine andere Richtung nicht viel lieber? Manches spricht dafür, dass Kirchhoff einen Vereinswechsel ins Lager der Epiker vorbereitet; von der Projektion des Selbst weg- und hinstrebt zur Erzählung der Welt und zu ihrem Niederschlag in Zeitgeschichte, Familienkonflikten, Generationsdramen.
Deutlich eingewirkt ist in den Roman ein Faden, den Kirchhoff zu einer Schilderung des linken Milieus der sechziger und siebziger Jahre verknotet. Eine Schilderung, die einer Abrechnung gleichkommt. Denn Vater Faller, der ehemals marxistisch tönende, menschlich fragwürdige Besserwisser macht bei seinem Abstieg zum melancholischen Weltflaneur so wenig eine gute Figur wie Freund Haberland (alias Joschka Fischer) aus alten Frankfurter Zeiten bei seinem Aufstieg zum Minister. Eine Werkzäsur stellt das Duo Karl Faller/Suse Stein dar. Zwei Neuerscheinungen in der literarischen Welt Bodo Kirchhoffs. Eine so wenig schimärenhafte, reale und realitätstüchtige, dabei dauerhaft begehrenswerte Frau hat es bislang kaum gegeben. Einen Helden indes, der jünger ist als die üblichen Kirchhoff-Helden, die immer in etwa das Alter des Autors hatten, auch selten. Karl Faller ist ein sowohl erblich schwer belasteter als auch rebellischer Sohn dieser Junggesellen, Voyeure, männlichen Fotomodelle. Mit Suse Stein hat er am Ende eine große Chance auf eine Liebe, in der nicht Projektionen herrschen, sondern Gefühle und Worte verbinden. Mit Suse Stein bringt er es fertig, die eigenen Gespinste zu entlarven und den Exotismus zu entzaubern - den er zuvor indes noch einmal voll entfaltet. Parlando ist auch eine Bestandsaufnahme und Revision im Hause Kirchhoff. Ein literarisch interessanter Coup, bei dem im Übrigen einiges an Romanpersonal auf der Strecke bleibt. Die zweite Ehefrau des Vaters ertrinkt. Vater und Mutter verunglücken tödlich in einer Felsspalte am Gardasee.
Aber der See spiegelt nicht nur die Stärke von Parlando, sondern auch das Problem des Romans. Es fehlt ihm an jener gleichmäßigen Strömungsenergie, die ein 500-Seiten-Roman verlangt. Er staut seinen Stoff in aufregenden Sequenzen und entspannt sich, vor allem in der zweiten Romanhälfte, in weiten Strecken der Monotonie. Bodo Kirchhoff schießt unglaubliche Tore - und wartet, bis der Ball wiederkommt. Er ist ein Meister der Halluzination und ein Geselle der Abbildung. Die Architektur des Unbewussten fliegt ihm förmlich zu. Die Architektur eines so umfassenden Romans muss er sich spürbar erarbeiten.
Das Ganze abstützend und auffüllend, baut er Erzählteile ein, die einen verbrauchten Eindruck machen. Die Rotlichtmilieus und die Hotelzimmer ferner Metropolen, die Huren und geheimnisvollen Mädchen, auf all diesen Chiffren des poetischen Eskapismus und des mitteleuropäischen Selbstüberdrusses lastet eine große Müdigkeit. Indem er sie dennoch in Breite und Ausführlichkeit bemüht, tut der Autor seinem Roman keinen Gefallen. Er bringt ihn in die Gefahr, in Stückwerk zu zerfallen; Vergangenheit mit Gardasee und Familienroman hier, Gegenwart mit Nordafrika, Südamerika und schöner "Berberin" dort. Als Verbindungsseil die engagierte Anteilnahme einer Frau von Stein mit Vornamen Suse.
Ein aufgekratztes Pathos
Das Mittel, das der Autor einsetzt, um sein getürmtes Erzählgebilde in Schwung und Bewegung zu halten, ist die Rhetorik eines atem- und pausenlosen Sprecherzählens. Die Methoden, mit denen er Ordnung in den gewaltigen Kosmos des Romans bringt, haben den Anstrich straffer Systematik. Motive und Symbole treten in präzisen Reihen auf, Vaterfiguren und Mütterfiguren in kleinen Serien. Das Material, dem die Staatsanwältin Stein ihren Namen verdankt, spielt eine Dauerrolle. Mitteilungs- und Textmedien werden lückenlos versammelt: Brief, Buch, Fax, Telefon, Computer. Am Ende schließt sich der Kosmos zum Kreis. Der Schlusssatz des Romans fällt mit dem Anfangssatz zusammen. Tatsächlich dient dieses Ordnen der Übersichtlichkeit, erzeugt aber auch ein Klima der Überdeterminiertheit.
Bodo Kirchhoff kennt ironische Töne, aber die Tonlage eines dringlichen, von aufgekratztem Pathos nicht immer unterscheidbaren Ernstes ist ihm näher. Man merkt dem Autor und seinem Buch an, dass sie ihrem Dasein als Künstler und Kunstwerk eher erregt als gelassen gegenüberstehen, dass sie auch ihr Ego wie einen schönen, dunklen See umrunden und entsprechende Fragen haben. Bin ich groß? Bin ich ein großer Roman?
Ja, möchte man antworten, du bist alles in allem schon ein großer Roman, übrigens auch ein bedeutsamer, denn du markierst die Schnittstelle zwischen dem Ende einer artifiziell übersteuerten deutschen Literatur der achtziger und neunziger Jahre und einem noch undeutlichen Neubeginn. Aber deine Größe wird durch das Dehnen und Strecken nach allen Seiten nicht größer.

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Leseprobe I Buchbestellung 1204 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März

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Parlando von Bodo Kirchhoff, FVA2.)

Parlando.
Roman von Bodo Kirchhoff (2001, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von
Peter Pisa aus der Kurier, 19.10.2001:

Bodo Kirchhoffs großer Roman „Parlando“

Wenn Bodo Kirchhoff vorliest, ist er erregt, Schweiß tropft. Sieben Jahre hat der Deutsche, dessen bisher größter literarischer Erfolg „Infanta“ war, an dem neuen Roman gearbeitet, und es arbeitet immer noch in ihm. Kirchhoff ist zwar erst 53 – trotzdem: Was kann nach „Parlando“ noch kommen?

Hier redet einer, Faller heißt er. Drehbuchautor ist er. Nervös, sensibel, rastlos. Es gibt wenige Punkte, die sein Erzählen unterbrechen. Es gibt viele Strichpunkte, die lassen gerade Zeit zum Atmen. Es gibt vor allem und, und, und. Dieser Faller hat viel erlebt. Er könnte mehrere Bücher füllen.

Es beginnt wie ein Krimi, aber es ist alles, nur kein Krimi. Faller wird des Mordes an einer Frau verdächtigt – und jawohl, er will es gewesen sein. Das scheint ihm eine gute Lösung. Denn diese Frau, das ist wahrscheinlich die einzige Frau weit und breit, die sein verheirateter Vater nicht ins Bett bekam. Durch diese Frau könnte sich Faller befreien.

Vielleicht sollte man stets ein alter Trottel sein, um seinem Sohn nicht im Weg zu stehen. Faller (Mitte 30) jedenfalls hat das Pech, dass sein Vater nur 17 Jahre älter war. Ein 68er Vater – auch darum geht es, ein Politiker vom Typ Joschka Fischer ist dabei und wird langsam was.

Was willst du? fragt Vater den Sohn. Irgendwie fragt er das. Denn eigentlich ist er tot, in den Bergen abgestürzt.

Der Sohn kann sich nicht lösen von ihm. Eine Psychologin sagt, auch kein Trost: Wir alle ziehen uns lebenslänglich aus der Affäre unserer Geburt.

Faller gibt sich auf, begnügt sich mit Vaters Fußstapfen, fliegt mit dessen erfolgreich verkauften „Stadtführern für allein Reisende“ im Gepäck durch die Welt, schläft mit dessen Frauen, sogar mit der Stiefmutter – nur bei der exotischen Person, die jetzt erstochen vor der Alten Oper in Frankfurt liegt (die Unerreichbare, die einzig Wahre), bei ihr hat auch der Sohn keine Erlösung gefunden. Nicht als Liebhaber.

Und nicht als Mörder. Das wird eine Staatsanwältin herausfinden; und für Faller wird dann sie die Liebe sein, auch wenn er in Mexiko-City versuchen wird, sie loszuwerden.

„Parlando“ kann viel. Er ist zugleich Reiseroman. Man wohnt zeitweise mit Blick auf den Kreml, schwimmt im Gardasee, kennt sich aus in Marrakesch, Buenos Aires und verweilt bei schönen Sätzen wie: Doch wer bleibt schon sauber, wenn er liebt oder begehrt. Wir Menschen sind nicht vorbereitet auf uns selbst . . .

Hören wir auf. Was sich da – unglaublich verschwenderisch – an elegant verknüpften Erzählminiaturen auf mehr als 500 Seiten abspielt (und zwar stilistisch großartig, ganz selten langweilig), das lässt sich nicht fassen. Gut so: Der Sinn ist, dass Sie mir zuhören, sagt Faller zu seiner Staatsanwältin. Also hören Sie mir zu.

ˇNur das noch: „Parlando“ ist nicht das Buch, welches auf der Stelle zu lesen ist, weil man halt heute darüber spricht. Man wird das Buch zur Hand nehmen, wenn das Buch nach einem ruft. An diesen Sog gewöhnt man sich nämlich nicht während des Lesens. Man muss sich ihm aussetzen wollen. Sonst spuckt er einen aus. Er hat auch dazu sehr, sehr viel Kraft.

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