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Paradiso.
Roman von Thomas Klupp (2008,
Berlin Verlag).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau,
21.2.2009:
Roman-Debüt "Paradiso"
Intelligenter Drecksack
Es existieren Menschen, die sich selbst für die einzig Normalen und alle anderen für tendenziell verrückt halten. Alex Böhm ist einer von ihnen: "Ich gerate immer wieder an verrückte Mädchen, aus irgendeinem Grund ziehe ich sie magisch an. Wahrscheinlich weil ich selbst so normal und tolerant bin." Die Welt aus einer solchen Perspektive zu betrachten, hat durchaus seinen Reiz. Thomas Klupp hält diesen Blickwinkel in seinem erstaunlichen Debütroman konsequent durch - das Ergebnis ist ein rasantes, zwischen Komik und Schrecken schwankendes Buch; ein bemerkenswert starker Autorenauftritt.
Wie Alex Böhm in Wahrheit konstituiert ist, enthüllt sich erst nach und nach. Ein Psycho, so würde er selbst vielleicht sagen, wenn er über andere spräche; ein Egomane, ein Narziss und ein so krankhafter wie brutaler Lügner.Doch der Reihe nach. Klupp erlaubt
sich keine lange Vorrede, er setzt uns mitten hinein in das Geschehen, also: in
den Kopf seines Helden, wie er da steht, an einer Autobahnraststätte, und auf
eine Mitfahrgelegenheit nach München wartet. Alex studiert an der Filmhochschule
in Potsdam und ist nun auf dem Weg zu seiner neuen Freundin, mit der er
gemeinsam in den Urlaub fliegen will. "Paradiso" ist ein Roadmovie, das schnell
auf Abwege gerät. Äußerlich gesehen geschieht nicht viel; einen Tag lang und die
dazugehörige Nacht bleibt Klupp ganz eng an Alex Böhms Seite, und das ist
allemal spannend genug.
Denn dieser junge Mann, Mitte Zwanzig dürfte er etwa sein, ist nicht nur ein
eitler Hypochonder und ein Neurotiker vor dem Herrn, sondern ein ziemlich
intelligenter Drecksack noch dazu. Einer, der sich das Leben mit kleinen und
großen Lügen und Betrügereien so hingebogen hat, dass es auf den ersten Blick
irgendwie hinhaut. In Wahrheit aber steht er in einer unendlichen
Abhängigkeitskette, die bald nicht mehr zu kontrollieren sein dürfte. Das weiß
Böhm auch; das macht ihn zu einer Art tickender Zeitbombe, zu einer beinahe
diabolischen Figur, die das Gute kennt und stets das Böse schafft.
Durch die unterschiedlichsten Umstände landet Alex Böhm zunächst nicht in
München, sondern in seiner Heimatstadt Weiden in der Oberpfalz, und in der
vertrauten Umgebung, scheint der Film seines Lebens rückwärts abzulaufen.
Hier spricht ein Mann über sich selbst, der aus Ehrgeiz, Arroganz, Selbstsucht
oder einfach aus Spaß alle verraten hat, von denen er behauptet, sie bedeuteten
ihm etwas - den besten Freund, die große Liebe, die Familie. Nicht umsonst nennt
Böhm Dostojewskis "Schuld und Sühne"
als einen Referenzpunkt seiner Jugendzeit, während die anderen um ihn herum sich
ihren "Hesseschwulst", wie er es nennt, angelesen haben: "Es gibt darin ja diese
Stelle, wo Raskolnikow seine Theorie aufstellt, dass es zwei Sorten von Menschen
gibt, die Genialen und das Material - und dass die Genialen das Material töten
dürfen, wenn es ihnen nützt, und genauso habe ich das auch gesehen: Würde man
das Töten durch etwas Harmloseres ersetzen, sehe ich es im Grunde noch immer
so."
Dass eine derartige Betrachtungsweise so erhellende wie erschreckende Einsichten
zutage zu fördern vermag, versteht sich, und Thomas Klupp ist ein höchst
geschickter Inszenator von Pointen und Effekten, der noch dazu seine in innere
Paradoxien zerfaserte Erzählstimme auf beinahe unheimliche Weise authentisch
hält.
Was Böhm vor allem kennzeichnet, ist die Abwesenheit jeglicher Scham und
jeglicher moralischer Kategorien. Es ist einer, der eben noch über die
Perversität von Pornoguckern doziert, um sich im nächsten Moment an "Spermarados"
zu erinnern, den Film, den er neben der "Matrix"-Trilogie, "Der kleine Lord" und
der BBC-Verfilmung von "Pride und Prejudice" am häufigsten gesehen hat. Ein
Mensch, der seine Unschuld bei einer minderjährigen tschechischen Prostituierten
verloren und dennoch (oder deswegen) an Fußpilz denken muss, wenn er "an die
Tschechei" denkt. Im Grunde also eine ungemein gegenwärtige Figur, in der auch
die Leere aufscheint, die einen befallen kann, wenn die Jugend plötzlich vorbei
ist.
Wäre überhaupt etwas auszusetzen an "Paradiso", dann der gegen Ende des Romans
ein wenig aufdringlich in Szene gesetzte urchristliche Motivkomplex von Sünde,
Vergebung und Erlösung, in den Alex Böhm sich selbst zusehends hineinbegibt.
Nach einem nächtlichen Drogen- und Alkoholexzess am Paradiso, einem See in der
Nähe seiner Heimatstadt, und einer selbstmörderischen Autobahnfahrt landet Böhm
schlussendlich - in einem Gottesdienst. Schließlich sind wir in der bayerischen
Provinz.
Thomas Klupp, Jahrgang 1977, hat an der Universität Hildesheim Kreatives
Schreiben studiert; geschadet hat's ihm nicht. Dieses Debüt ist technisch
sorgfältig und stringent durchgearbeitet. Glücklicherweise hat der Roman aber
noch mehr zu bieten: "Paradiso" ist ein im besten Sinne unberechenbares,
zwischen Wahn und Klarsicht ständig flackerndes Stück Literatur.
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