Paradiesvogelschiß.
Gedichte von Peter Rühmkorf (2008,
Rowohlt).
Besprechung von
Jürgen Verdofsky in der
Frankfurter Rundschau,
1.4.2008:
Ein Geschenk
Peter Rühmkorfs Gedichte "Paradiesvogelschiß"
Schreiben ist Rettung, solange es anhält. Jeder Einfall, groß oder klein, eine
Atempause vor den letzten Dingen. In Peter Rühmkorfs Dichtergarten rankt, anders
kann es nicht sein, ein poetischer Lebensbaum. Seine rauschenden Blätter
vertreiben das tatenlose Denken unter den Lasten von Alter und Krankheit. Das
sich ängstigende Sein und die verbleibende Zeit werden einer einschüchternden
Gewissheit enthoben. Wie das gelingen kann, zeigt "Die Ballade von den
geschenkten Blättern", die den neuen Band des Peter Rühmkorf im 79. Jahre
eröffnet.
Eine geborene Poetenfama: "Ein Paradiesesvogel bin ich dir, / der eine Feder auf
dich streut, ein Lied", dichtete einst August Graf von Platen. Rühmkorf
verblüfft da mit ganz anderem Dichterschwung. Bei ihm fällt ein "Paradiesvogelschiß",
der den Samenkern birgt, aus denen die Dichterbäume in den Himmel wachsen. Das
muss man nur erkennen. Als unser Fahrensmann aus Oevelgönne / Altona ahnungslos
Beil und Säge setzt, "Da fingen - ‚Halt ein, unseliger Mann', / die blechernen
Blätter zu rascheln an, / ‚gib Acht, es folgt was Illüstres!'" Und siehe, auf
der "gesammelten Blätterlast" findet sich "Fitz für Fitz" ein unerschöpflicher
Vorrat an Dichterwitz und Einfallsblitz "und es knattern wie eh die Poengten
...", dazugehörig "selbst die schrägen und scheinbar verrenkten."
Wohl kaum wurde in eine Poetologie betörender eingeführt. Es
folgen achtzig Seiten Wort- und Schallwerkstatt, umrahmt von einigen
Typoskripten: zügig getippt auf der Olympia Monica mit verrutschten Versalien,
temperamentvoll korrigiert mit charakterstarker Handschrift. Kein Zweifel, ein
Gedicht ist kein Handstreich, sondern Arbeit. Eben noch Hochseilartist, dann
wieder Sisyphos. Alles lebt von den Vorzügen der Absichtslosigkeit. Erst aus dem
beweglichen Wortlaut kommt die werkumspannende Freiheit, zu der ein Dichter
verurteilt ist. Aber das tagebuchähnliche Schreiben bedarf mit seiner Flut an
Einzelheiten eines Gefühls für Maß, Variation und Proportion. Hier wird der
Unterschied zwischen Wahrnehmung und Gedicht deutlich. Auch für Rühmkorf gilt
"Haydns Altersübermut: / Vollkommene Beherrschung der Mittel -".
Und welcher Wort- und Versspeicher, welches poetische Portefeuille tut sich da
auf. Welcher Tumult, wenn Einfall und Sprache aufeinander treffen! "Kleine
blitzende Momente", vagabundierende Wörter oder Verse auf der langen Bank, die
nur sich selbst bedeuten: "Liebesgelächter" oder "Bauernrosen wie
Waschfrauenhände, / zart geknüllt." Vieles ist noch ohne Vorsatz, die Worte
haben noch einiges vor sich, bis sie eine Absicht zu erkennen geben. Früher oder
später werden sie zur Pointe geführt. "Ausschreiten wieder mal mit dem
Whitmanschritt / dem weitausholenden, / praktisch gar nicht zu bremsenden, /
auch mit Augen, die überall hängenbleiben und sich erfreuen: ‚Blaugrünes
Wellensittichweibchen, / (beringt) am Pfingstmontag zugeflogen'."
Im Fundus kann sich alles noch in der Schwebe zeigen: "Nun gut, / du willst den
Dichter geben - / heißt praktisch, von deinen Tränen leben./ Von deinen Seufzern
dich kleiden und nähren: / Ich denke, die Zeit wird nicht ewig währen." Gut
fünfzig Seiten später gibt sich das Gedicht "Geschlossene Anstalt"
entschiedener: "Also - gut, du willst den Dichter geben. / Praktisch von den
eigenen Seufzern leben, / dem Gefühl, dass du nicht hergehörst: / Sitzenbleiber
oder Eckensteher: / Mitempfindende, ich bitte euch, rückt näher, / ladies first
- // Ungesegnet in die Zeit hinein zu handeln, / Wörter die sich noch im Mund
verwandeln, / bis sich alles widerspricht - ". Soweit lässt es der Dichter nicht
kommen: "Feierabend! / Das Gedicht ist dicht."
"Rückblickend mein eigenes Leben..." nennt Rühmkorf den Teil mit drei Dutzend
"dichten" Gedichten. Sie werden zu keinen Monologen voll Untergang, nirgends ein
Nachzittern des Gemüts beim Erinnern. Die Zeit vergeht, der Ursprung nicht.
"Gelernt bei den Verbannten und Verdammten, / verbrannten Büchern, / die uns
nach dem Krieg entflammten, / in deren Geist und dass man nie vergisst - / Frage
an das gelehrige Gedicht: / Wie lange sangst du schon nicht mehr, / bedrückte
Seele? / Mich dürstet nach der, der ich nicht fehle, / heißt einer Welt, / die
bereits unsre Herkunft nicht vermisst."
Der Dichter lebt in der Gegenwart, steht Freunden bei, wie
Günter Grass mit
einem "Geburtstagsmedaillon". Eine Krankheit wirft zwar Schatten, aber kann die
Themen nicht besetzen. Der Tod schon eher, das gehört zur Dichtung. Immer schon.
Aber Peter Rühmkorf begegnet Freund Hein nach wie vor sarkastisch, mehr gefasst
als panisch im Wechsel mit selbstgewisser Daseinslust. "Heute morgen mich
plötzlich wieder mal / auf der Straße pfeifen gehört, / einfach so Johnny
Griffin / ‚Wading in the Water', / doch kein schlechtes Zeichen. // ... // Wenn
Sie bittemal meinem ausgetrockneten Zeigefinger / folgen wollen, objektiv, was
sehen Sie? / Na, ich will es nicht schwieriger machen, / als es ist: / DIE GRUBE
- "
Den Schleier der Verklärung braucht dieser Dichter nicht, jeder
"Metaphernfummel" ist längst abgelegt. Erst wenn die letzten Dinge nicht nur
"unserer lieben Lust", sondern auch dem Vers Fallen stellen, hält der Dichter
kurz inne. "Und so entgeht dir vieles, / weil aus verzagten Friedhofsaugen
angeschaut, / ist die Partie meist schon im vorhinein verschmissen. // Selbst
das Gedicht, das sich zu skrupelvoll bedenkt, / führt auf die Stufe zu, / wo
sich dem Vers der Fuß verrenkt."
Dieses Buch ist ein Meisterstück für sich. Auch wenn es Peter Rühmkorf seiner
Krankheit abgerungen hat, zeigt sich alles in vollkommener Beherrschung der
Mittel, ein Altersübermut bleibt des Dichters Façon. Mehr noch, ein
Paradiesvogel in vollem Federkleid hat uns in ungestillter Daseinslust seltene
Blätter geschenkt.[...diese und weitere
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