Paradaies verloren von Cees Nooteboom, 2005, Suhrkamp

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Paradies verloren.
Roman von Cees Nooteboom (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Teresa Grenzmann im Münchner Merkur, 20.7.2005:

Ein Platz zum Bleiben
"Paradies verloren": Cees Nootebooms neues Buch

"Das Paradies ist nebenan", schrieb Cees Nooteboom in seinem ersten Roman. "Ich habe einen Blick hineingeworfen." Da war der niederländische Autor erst 22 Jahre alt. Die Melodie seiner Worte aber klang schon damals so gebildet und weise, melancholisch und poetisch, wie sie es ihm bis heute zueigen ist. "Philip en de anderen" - so der Titel im Original - gab einen ersten Eindruck von der unvergleichlich dichten Dichtung eines mit Leidenschaft Reisenden: welten- wie traumwandlerisch. "Das Paradies ist nebenan" - für die deutsche Ausgabe übernahm Suhrkamp diese Zeile als Titel (die Neuübersetzung kehrt jedoch zum Original zurück).

Zur richtigen Zeit am falschen Ort

Jetzt ist ein weiterer wunderbarer Roman Nootebooms erschienen. Er zeichnet seinen Autor einmal mehr und besonders als großen geographischen Entdecker aus, als scharfäugigen Linguistiker, Kunsthistoriker, Humanisten und Humoristen und in all diesen Disziplinen als liebenden Kritiker und kritischen Liebhaber. Wie als ironische Antwort auf die deutsche Erstausgabe seines ältesten Romans, trägt der neue nun den Titel "Paradijs verloren". Ein halbes Jahrhundert liegt zwischen damals und heute, zwischen dem benachbarten und dem verlorenen Paradies. Zwischen der romantisierenden Geschichte eines Kinderparadieses voller Fragen, französischer Reisen per Anhalter, wundersamer Erlebnisse, Mädchen - und einer kleinen Milton-Hommage, in der Nooteboom seine zwei Königsdisziplinen, die fantasierende Reisebeschreibung und die realistische Dichtung miteinander verknüpft. Ein Thema, zwei Geschichten, die sich zum Ende hin kunstvoll miteinander verbinden.

Wieder geht es ums Reisen, um das Vergehen von Zeit, ums Erinnern, ums Vergessen, um innere Unruhe und die insgeheime Sehnsucht nach einem Platz zum Bleiben, einem Menschen, der bleibt. Es geht um Schicksal, darum, zur richtigen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein - und dann mit einem Mal am richtigen. Und es geht um Engel, die schützen: "Wer hat bloß die Engel aus der Welt verbannt, obwohl ich sie noch immer um mich spüre?"

Zwei Mädchen aus São Paulo reisen nach Australien, auf den Kontinent der Träume. Sie lassen eine Vergewaltigung in der nahen Favela Paraisópolis hinter sich und müssen feststellen, dass auch das ferne Paradies eine Illusion gewesen ist. Ein Mann aus Amsterdam reist nach Österreich zur Kur. Seiner Welt mangelt es an Träumen. Im westaustralischen Perth ist er einem der Mädchen begegnet; als Teil einer inszenierten Engels-Tour streckte es ihm seine traurigen Flügel entgegen. Nun werden sie einander abermals treffen: ein Mann und eine Frau, die auf den Paradiesapfel verzichten - und trotzdem vertrieben werden.

Cees Nooteboom ist kein Autor, der seine Geschichten einfach weggibt. Er selbst ist das Ich und das Du, er mischt sich ein, er leitet seinen Leser an. Daraus bestehen Nootebooms Erzählungen: aus Täuschung, Sensibilität und Eitelkeit, aus Gelehrigkeit und Raffinesse, aus Erfahrung und Fantasie. Und aus einem großen Wissen. Nach 50 Jahren ist die Trauer über ein ungreifbares Paradies einem schulterzuckenden Humor gewichen. Als hätte der Autor in dieser Zeit eine elementare Sehnsuchtsquelle trockengelegt.
Wenn er nun vom verlorenen Paradies schreibt, dann ist sein Fazit nicht Bitterkeit, sondern Lebensmut. Zuletzt birgt das Paradies ja doch nur Langeweile - das Leben jedoch: Geschichten. Die Literatur, das beweist Nooteboom immer wieder aufs Neue, ist ein Paradies, das nie verloren geht.

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Paradaies verloren von Cees Nooteboom, 2005, Suhrkamp2.)

Paradies verloren.
Roman von Cees Nooteboom (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Inge Rau aus den Nürnberger Nachrichten vom 8.11.2006:

Auf langer Reise zu den Toten
Begegnung mit dem Schriftsteller Cees Nooteboom bei „LesArt“

Beim fränkischen Literaturfest „LesArt“ kann das Publikum dem prominenten holländischen Schriftsteller Cees Nooteboom begegnen. Er war bereits in Schwabach und in Lauf zu Gast, tritt heute (20 Uhr) in Ansbach auf und wird seine kleine Regional-Tour am 9. November (20 Uhr) im Fürther Kulturforum beenden. Wir trafen Nooteboom am Rande der Lesung in Lauf.

Nein, Interviews gibt er nicht, er ist müde und der Medien etwas überdrüssig. „Es ist alles schon so oft gesagt worden, die Reporter kommen von Spanien aus zu meinem Haus auf Menorca, um irgendetwas zu erfahren“, erklärt der 73-jährige Cees Nooteboom und ist vor dem späten Abendessen ohnedies nicht ansprechbar. Er hat aus seinem jüngsten Roman „Paradies verloren“ gelesen, Passagen mit feiner Lust am Fabulieren, immer drückt sich eine besondere Nähe des Autors zu seinen Heldinnen aus. Die sind in Australien unterwegs, Alma und Almut, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Dort begegnen ihnen Engel . . .

Das Buch enthält auch das gallig-komische Porträt des Literaturkritikers Erik Zondag, der sich zur Kur begibt, um dem Alkohol und üppigen Speisen vorübergehend abzuschwören. Der Dichter Nooteboom liest das mit fröhlicher Vehemenz, so, wie er später seinen Rotwein und die Pasta genießt. Die Provinz weiß er zu schätzen, aber keineswegs vorschnelle Urteile über Länder, die man als Tourist erlebt. Dazu war er zu lang und zu oft auf Reisen, kürzlich erst mit dem Schriftsteller-Freund Rüdiger Safranski in Argentinien und Chile. Neue Auslandstermine warten: Für die italienische Ausgabe von „Paradies verloren“ und für die amerikanische.

Nooteboom beobachtet, wie wenig übersetzte Literatur inzwischen in die USA kommt, kein gutes Zeichen. Er selbst ist ein internationaler Star, sein Gesamtwerk liegt in acht Bänden bei Suhrkamp vor. Soeben brachte er mit seiner Frau, der Fotografin Simone Sassen, einen Band über die Gräber von Dichtern und Denkern heraus. Es ist ein etwas anderer Reisebericht mit sehr persönlichen Texten über berühmte Tote, denen sich Nooteboom verbunden fühlt.

Das Ergebnis ihrer langen Tour wollte der Schriftsteller dem Publikum von „LesArt“ nicht vorenthalten. Nooteboom trug ein Kapitel über Walter Benjamin vor, er erzählte, was man auf den Gräbern so findet: „Eine Flasche Absinth, ein Handschuh, Parfüm, bei Beckett zum Beispiel einen Thriller. Zeichen von Menschen“. Die Zeichen von Menschen haben ihn immer interessiert, in den Wüsten Australiens und auf den Bahnhöfen Berlins, einer Stadt, mit der Cees Nooteboom eine enge Beziehung pflegt.

Als nächstes fährt er hin — um eine Laudatio auf seinen Freund Safranski zu halten.

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