Paradies, irisch von Jürgen Lodemann, 2009, Klöpfer&MeyerParadies, irisch.
Roman von Jürgen Lodemann (2009, Klöpfer&Meyer).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 18.02.2009:

Ein Lebensbuch, das einmal Lynch hieß

So einer wie John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch würde heute wieder gebraucht. Denn er wusste, wie ein Wirtschaftswunder geht. Ein Erzmannsbild von einem Händler, der Bürgermeister und Richter in der allerwestlichsten Stadt Europas zugleich war, im irischen Galway. Am Ende der Renaissance, um 1550, als die Städte die Burgen als Erfolgs- und Lebensmodell abgelöst hatten, als sich die Protestanten lossagten von Rom und Spanien noch im „Goldenen Zeitalter" schwelgte, da formte eben jener Markus Tullius Lynch aus der „Stadt der Stämme", wie Galway bis heute genannt wird, für wenige Jahre ein irisches, ein irdisches Paradies. Lynch und die 14 angelsächsischen Besatzer-Familien machten in der blühenden Handelsmetropole Galway sogar ihren Frieden mit den gälischen Ureinwohnern.

Gewidmet „der Kulturhauptstadt"

Selig werden darf in Galway jeder nach seiner Façon. Die einen ergeben sich dem Malaga-Wein, die anderen den seidenweich gekochten Hühnerschenkeln – und nach dem Gelage geht es meistens noch im Badehaus weiter, zwecks ausgiebigem und wechselseitigem Körpergenuss. Die Liberalität als Lebensform wird gerade erfunden – und entfaltet umgehend ihren Segen.

Deshalb hat Jürgen Lodemann, der Erfinder der SWF-Literatur-Bestenliste und Autor der Essener Anita-Drögemöller-Romane, seinen Roman nun „Paradies, irisch" genannt und – nicht ganz ohne Ironie – „der Kulturhauptstadt" gewidmet, aus der er stammt. Vor 32 Jahren erschien der Stoff zum ersten Mal, da hieß er noch „Lynch", wie seine Hauptfigur. Der Titel führte etwas in die Irre, weil unser Verständnis von „lynchen" genau das Gegenteil dessen ist, was Markus Tullius Lynch am Ende dieses Romans tut: Lynch verurteilt und henkt einen Mörder, weil er sich streng an die Gesetze hält, eine der wesentlichen Voraussetzungen für Liberalität und bürgerlichen Wohlstand. Und er lässt sich auch nicht davon beirren, dass es sich bei diesem Mörder um seinen eigenen Sohn handelt, der die Rivalität mit dem ungleich weltgewandteren Juan Gomez nicht aushält.

Schon einmal, 1996, hat Jürgen Lodemann seinen „Lynch" neu überarbeitet, für die Büchergilde Gutenberg. Nun aber ist der Roman zu einem leidenschaftlichen Lebenswerk geworden, das von den Gefahren der Leidenschaft im gezähmten, befriedeten Bezirk der bürgerlichen Kultur erzählt – und noch einmal um etliche Seiten dicker, um etliche Quellenfunde reicher. Stilistisch ist der Roman mit jedem Mal ohnehin ausgereifter, polierter geraten.

Es hat sich zum Lebensbuch des Jürgen Lodemann entwickelt, und es arbeitet sich vehement wie sonst kaum eines daran ab, bei größtmöglicher historischer Genauigkeit über die Möglichkeit von Utopien zu reflektieren. Das alles im vollen Saft der Geschichte, mit Figuren, die so plastisch aus den Seiten hervortreten, dass man hin und wieder guckt, ob sie bei ihrem saftigen Geschlotze und Geschmatze an den sich biegenden Tafeln des irischen Paradieses nicht etwa Fettflecken auf den Buchseiten hinterlassen haben. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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