1.) - 2.)
Papiergewicht.
Roman von Stephan
Reimertz (2001, Luchterhand).
Besprechung von Thomas Kraft in Neue
Züricher Zeitung vom 6.11.2001:
Die siebziger Jahre sind nicht totzukriegen. Sind sie eigentlich als Jahrzehnt des schlechten Geschmacks verhöhnt, entdecken Teenies heute wieder Schlaghosen und Plateauschuhe, Rockopas wie Uriah Heep und Eagles gehen auf Tournee, und junge Designer erweisen mit ihren neuen Kreationen dem alten Stil ihre Reverenz. Diesem Retro-Trend hat sich auch die Literatur nicht verschlossen, und so huldigen Autoren wie Matthias Politycki, Andreas Neumeister und David Wagner mit sentimentalem Eifer der eigenen Adoleszenz.... Fortsetzung
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2.)
Eins aufs Maul?
Über die Irrungen und Wirrungen des zehnjährigen
Oliver in den kampferprobten Siebzigern, als Boxen noch eine Leidenschaft war.
Stephan Reimertz, Jahrgang 1962, lässt sich in seinem Romandebüt "Papiergewicht" Zeit und Raum, zu erzählen. So entsteht die Lebenswelt des zehnjährigen Protagonisten und Professorensöhnchens Oliver gekonnt allmählich. Mit Liebe zum Detail und voll gelungener Genrebilder vom Anfang der 70er Jahre, und angenehmer Weise ohne einem Revival-Geschwafel zu verfallen, werden das fiktionale Erleben von Oliver und die tatsächliche Zeitgeschichte verflochten. Manchmal ist das Wissen des Zehnjährigen allerdings mehr als Neunmalklug, verwischt Autor Reimertz die Perspektive seines kleinen Protagonisten mit dem Blickwinkel eines reiferen Jungen oder Mannes, was die Figur des Oliver etwas merkwürdig erscheinen lässt.
Aber merkwürdig ist der kleine Oliver sowieso, ist er doch drei eigentlich sehr verschiedenen Leidenschaften verfallen: dem Geschichtenschreiben, der Anbetung der Mutter des Nachbarsohnes und dem Boxkampf.
Eine Parallelwelt, in die sich Oliver hineinphantasiert, ist die Welt der Indianer. So probiert er, als Indianerbuchautor zu brillieren, was ihm aber selbst in seinen eigenen Augen nicht so recht zu gelingen vermag. Auch in der Familie stößt er mit seinen Bemühungen nur auf Ignoranz oder Ablehnung. Das Scheitern passt ins Bild des Jungen auf der Suche nach seiner wahren Stärke, mit der seine Eltern und möglichst auch die holde Nachbarin für sich zu gewinnen versucht.
Was liegt dann in diesem Alter näher, als sich in einen realen, starken Mann hinein zu phantasieren, einen Boxer wie Muhammad Ali? Zumal dieser als Vertreter der selbstbewussten Farbigen im Hause Olivers nicht gemocht wird. Und wie war das damals? Ali gegen Frazier war mehr als ein Boxkampf und ist es auch für Oliver: In Reimertz unprätentiöser Erzählweise ist der Boxkampf Realität und Metapher - in den zwei Boxern treten zwei Welten gegeneinander an, geradezu ideal für jemanden, dem es darum geht, seinen Platz in der Welt zu bestimmen. Das Boxen ist also mehr als ein Traum, mehr als eine Spinnerei.
Als älterer zweier Söhne droht Oliver aufgerieben zu werden in seiner Familie, in die er eigentlich nie hineingeboren werden sollte, und in der der Vater als erfolgreicher Arzt und die Mutter als nervige Hausfrau wenn, dann nur Sympathie für den jüngeren und pflegeleichten Bruder haben. Oliver, in den ersten Jahren bei seiner Großmutter aufgewachsen, wäre lieber bei der Oma auf dem Dorf geblieben, und während das Leben für ihn dort stimmte, flüchtet er sich, zurück bei seiner Kernfamilie, in die Phantasie vom angehenden Schwergewichtsweltmeister. Hatte ihn sein Vater einst zum Boxen gebracht und dann links liegen gelassen, ist nun Ali, der Champion, Kämpfer und Prediger, der nie den Kontakt zu den kleinen Leuten verlor, für Oliver das große Vorbild, um sich im (emotionalen) Chaos von Schule (mit der Lehrerin Frau Nickel), Elternhaus und Nachbarin durchzuboxen. Und selbst wenn unser Held oder sein Vorbild scheitern sollte, im Kampf oder in der Liebe, bleibt doch die Hoffnung.
Textauszug:
Ali duscht in Fraziers Schlägen. Frazier
puncht und punktet ohne Ende. Das ist nicht der Ali, den ich kannte. Es ist, als
ob er nicht mehr tanzen kann und mit Schmerzen über die Runden kommen will.
Noch hat Frazier ihm keine Verletzungen zufügen können. Aber er rast immerzu
auf seinen Gegner los.
Er ist ein Schläger, sein Kampfstil ein Arbeiter-und-Bauern-Stil, wie er Frau Nickel gefallen würde. Drei Jahre lang hat sie mir auf dies Art zugesetzt.
Ali kämpft sauber. Wenn er mit Frazier im Clinch liegt und der Ringrichter "Break!" ruft, läßt er sofort los. Frazier ist da schwerhörig, so schwerhörig, wie es meine Mutter von mir behauptet. Der Richter muß ihn wegschieben wie einen Ochsen."
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