1.)
- 2.)
Paare.
Novellen von Martha
Gellhorn (2007, Dörlemann - Übertragung Miriam Mandelkow)
Besprechung von Angela Schader in Neue
Zürcher Zeitung vom 20.03.2007:
Pas de deux für Fortgeschrittene
Martha Gellhorns Variationen über Liebe
und Partnerschaft
Über eheliche Machtkämpfe und die Choreografie wechselnder Beziehungen wusste Martha Gellhorn bestens Bescheid, als sie in den 1950er Jahren an «Two by Two» arbeitete; der «Reigen in vier Novellen» ist nun unter dem Titel «Paare» in der bestechend eleganten Neuübersetzung von Miriam Mandelkow bei Dörlemann erschienen. 1936 hatte Gellhorn die Bekanntschaft des damals noch in zweiter Ehe verheirateten Ernest Hemingway gemacht und wurde nach einer vierjährigen Liaison seine dritte Frau; wiederum vier Jahre später ging wegen einer weiteren Anwärterin auf solch unsicheres Eheglück die bereits zerrüttete Beziehung endgültig zu Bruch.
Freilich liess sich Martha Gellhorn durch ihren berühmten Gatten weder in eine Opferrolle manövrieren, noch war sie auf den Glanz seines Namens angewiesen. 1908 in St. Louis geboren, studierte sie am hochkarätigen Bryn Mawr College, bevor sie sich, noch keine zwanzig Jahre alt, dem Journalismus zuwandte. Ihr literarisches Werk, das Romane, vier Novellenzyklen, Erzählungen und Reiseberichte umfasst, wie auch ihre Präsenz als Reporterin auf zahlreichen wichtigen Kriegsschauplätzen des 20. Jahrhunderts weisen sie als eine so vielseitige wie mutige Zeitzeugin aus. Nicht zuletzt war es ihr bedingungsloses berufliches Engagement, das den Ehemann erzürnte: Am Ende war sich Hemingway nicht zu gut dafür, seine Frau ausgerechnet am Vorabend des D-Day aus ihrer Position als Berichterstatterin beim Wochenmagazin «Collier's» zu verdrängen und sich selbst an die Front schicken zu lassen.
Am Rand des Krieges
Auch wenn in der ersten Erzählung von «Paare» ferner Geschützdonner an das italienische Schloss brandet, in dessen weitläufigen Kellern ausser den Herrschaften auch die ganze Dorfbevölkerung Zuflucht gefunden hat; auch wenn sich die letzte als Hommage an den durch seine Kriegsbilder berühmt gewordenen Fotografen Robert Capa enthüllt: Nicht die gewaltsamen Turbulenzen von Martha Gellhorns Leben prägen diesen Erzählzyklus, sondern eine resignierte Behutsamkeit, die insbesondere in der ersten Novelle dem traurigen Stückwerk menschlicher Gefühle eine vollendete Form gibt. Scharf und perfekt geschnitten wie eine Kamee ist schon der Anfang von «In guten wie in schlechten Tagen»:
Die baltische Tante lächelte verschmitzt und berichtete, sie, der Gärtner und der Schuster hätten den Deutschen ein Pferd gestohlen und es den Partisanen in die Berge gebracht. Ihre Schwester, die alte Fürstin, sass kerzengerade da, verblüht, apart, mit einer prächtigen Perlenkette, und legte noch eine Patience. «Sieh dich vor, Liza», sagte sie, als empfehle sie, an einem Regentag einen Schirm zu benutzen. Der alte Fürst, in einem dicht an das billige Radio gerückten Sessel, hielt die Hand ans Ohr und lauschte der Musik. Alles, was aus dem Radio kam, klang mittlerweile deutsch – laut und bombastisch. Carmen schrillte durch den kalten Salon.
In dieses frostig erstarrte Milieu setzt Gellhorn Andrea, den Sohn des alten Fürsten, der sich vom Senior wie ein Bub vorführen und herunterputzen lassen muss, und Andreas junge amerikanische Ehefrau Kitty – ein Szenario, an dem Henry James seine Freude gehabt hätte und aus dem seine jüngere Landsmännin ihre ganz eigene Variante des transatlantic theme entwickelt. Die amerikanischen Truppen nahen, der junge Fürst, in ihrem wie im einheimischen Idiom beschlagen, wird als Übersetzer engagiert und wie durch Zauberschlag aus der abgestandenen Luft des Familiensitzes befreit; doch während Andrea zeitweilig zum «Amerikaner» mutiert, spinnt sich Kitty zusehends in die versinkende Welt des Schlosses und der dazugehörigen Dorfgemeinschaft ein. Ein langsamer Wechseltanz, quälend und poetisch, bei dem am Ende die Personen wieder in der Anfangsposition stehen; und bei dem der kurze Moment verfehlt wird, da das junge Paar gemeinsam aus der vorgezeichneten Schrittfolge hätte ausbrechen können.
Der historische und gesellschaftliche Rahmen, in den diese fein gezeichnete Liebesgeschichte gespannt ist, lässt sie reicher und eigenartiger erscheinen als die eher kammerspielhafte, doch ähnlich gestimmte dritte Erzählung. «In Gesundheit und Krankheit» zeigt den Protagonisten abwechselnd am Bett seiner schwerkranken Ehefrau und im winzigen Studio seiner Geliebten; die kommt mit den Dollars, die sie für ihre Werbezeichnungen erbeuten kann, für Miete und Essen auf, während das Einkommen des Mannes in den Unterhalt der Kranken fliesst. Eine Konstellation in prekärer Nähe zum Klischee, mit dem Gellhorn auch spielt, ohne jedoch den ironischen Gestus zu bemühen; die Brechung geschieht vielmehr, wenn ein Moment der Scharfsicht das schöne Bild perforiert, indem etwa der immense Akt der Verleugnung freigelegt wird, mit dem die Kranke die sorgfältig ausstaffierte Fiktion ihrer Ehe aufrechterhält; oder wenn der Mann das erbärmliche Résumé seiner Liebschaft zieht: «Vier Jahre ihres Lebens, ihre halbe Wohnung, die Hälfte ihrer Ausgaben – es gibt nichts, was ich Maggie nicht wegnehmen würde.»
Zu Gast im Nähkörbchen
Einen leichtherzigeren Ton schlägt die im Milieu der britischen Hautevolee angesiedelte Erzählung «In Reichtum und Armut» an – wobei Rose Answell, die aus dem gesellschaftlichen Nichts aufgetauchte Protagonistin, von Armut möglichst gar nichts wissen will. Vielmehr legt sie je nach Bedarf die Andacht einer Klosterschülerin an den Tag oder entfaltet die Umtriebigkeit eines Hornissenschwarms, um ihren Gatten – der sich von Herzen gern weiterhin als bescheidener Funktionär über die Schweineverordnung gebeugt hätte – auf einen Ministersessel zu manövrieren. Dass die gute Gesellschaft sich derweil über Roses Interieur mokiert, in dem man sich «wie in einem viktorianischen Nähkörbchen» zu Tisch setzt, dass der Gemahl kurz vor dem hart erkämpften Sieg ausschert, dass der Mann, an dem Rose nach diesem Schiffbruch Halt findet, etwa so viel Kurzweil verströmt wie der in solchen Zusammenhängen zitierte sprichwörtliche Fels: All das vermag die Heldin dieser sprühenden Gesellschaftssatire nicht in ihrem Siegeslauf aufzuhalten.
Ein ähnlich unbezwingbares, sonst aber ganz anders gelagertes Temperament dominiert die Erzählung «Bis der Tod uns scheide», die den Band beschliesst. Sie ist Robert Capa gewidmet, der hier unter dem Namen Tim Bara auftritt, und setzt Gellhorns fast zwanzigjähriger Freundschaft mit dem berühmten Fotografen ein Denkmal; einer Freundschaft, die – das demonstriert auch eine köstliche, in die Erzählung eingeblendete Episode – vor allem in animiertem Zank bestand. Insgesamt rückt Gellhorn ihr Alter Ego im Text jedoch in den Hintergrund. Sie überlässt das Feld einerseits einer Frauenfigur, die für die zahllosen Geschlechtsgenossinnen stehen dürfte, denen der hinreissende Abenteurer Bara mit leichter Hand und ohne böse Absicht das Herz brach; anderseits Baras unscheinbarem Freund Lep, dem hier nach Baras Tod der Rückblick auf eine unter all den späteren Liaisons des Fotografen begrabene grosse Liebe anvertraut wird. Dass diese – trotz der evidenten Seelenverwandtschaft – auch im realen Leben nicht Martha Gellhorn gegolten hat, war vielleicht das beste Bindemittel für die Beziehung: So ist «Bis der Tod uns scheide» der Schriftstellerin denn auch zeitlebens die liebste unter ihren Novellen geblieben.
Je nach Temperament mögen sich Leserinnen und Leser in «Paare» einen anderen Favoriten suchen; aber nicht wenige dürften hoffen, dass der Dörlemann-Verlag noch ein paar weitere Juwelen aus Gellhorns Nachlass von Miriam Mandelkow fürs hiesige Publikum umschleifen lässt.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © NZZ/A.Schr.
***
2.)
Paare.
Novellen von Martha
Gellhorn (2007, Dörlemann - Übertragung Miriam Mandelkow)
Besprechung von Klaus Zähringer in der Frankfurter Rundschau, 9.5.2007:
Die Schöne und der Krieg
Sie interessierte sich sehr für die Welt
des Mannes: Martha Gellhorns geschliffene Erzählungen "Paare" in
neuer Übersetzung
Wenn man die Neuausgabe der Paare von
Martha Gellhorn (1908-1998) in die Hand nimmt, fällt der Blick zuerst auf ein
dezent in das hellblaue Leinen des Umschlags eingelassenes Foto: ein elegantes
Damenbeinpaar neben einem eleganten Herrenbeinpaar auf einem eleganten Sofa, die
Körper sind zu erahnen, die Köpfe nicht mehr im Bild, die Hände halten
Zigaretten. Es ist ein ausdrucksvolles Foto, aber dieser hübsche Blickfang
könnte täuschen. Es ist nicht der Charme der Bourgeoisie, sondern ihre
Morbidität, die Gellhorns Schreiben motiviert. Ein zweites Foto zeigt die
(elegante) Autorin schreibend vor einem dreiteiligen Spiegel, an jeder Seite ein
Foto von Ernest
Hemingway, und auch dieses schöne Bild täuscht ein wenig. Hemingway
war Martha Gellhorns erster Ehemann, von 1940 bis 1944, sie war wie er als
Journalistin im Spanischen Bürgerkrieg und lebte mit ihm zeitweise auf Kuba.
Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren sie noch verheiratet, es läge also nahe, das
Foto als Momentum einer literarischen Existenzfrage zu betrachten, mit Harold
Bloom als Indiz jener angeblich alle große Literatur motivierenden
Einflussangst. Einiges bei Gellhorn verweist tatsächlich auf die Vermeidung der
Schule Hemingways; zur Entstehungszeit der Paare zwischen 1954 und 1958
in London hatte die Autorin allerdings längst ganz andere Lebensperspektiven,
ihren eigenen Stil und vor allem: ihr Thema.
Martha Gellhorn schreibt in den Paaren vom Krieg, vom Rosenkrieg und vom großen Krieg. In vier Erzählungen leben Männer und Frauen ihre Eifersucht und Obsessionen, das große Begehren und die Leidenschaft, aber das Erotische ist nicht die höchste Macht dieser Welten, Martha Gellhorn weiß es besser. Die elegante Schönheit vor dem Spiegel ist im Krieg - und auch die Paare sind umzingelt. Deutlich wird das in der ersten Geschichte: In einem alten Schloss in Italien lebt Kitty aus Amerika mit ihrem Ehemann Andrea aus dem 800 Jahre alten Geschlecht der Ferentinos, und draußen herrscht der Faschismus. "Kitty im Schloss" wäre auch ein Titel, denn sie wird dort bleiben müssen, selbst nachdem ihr geliebter Gatte die Männlichkeit und im Dienst der Amerikaner den Traum von der Freiheit entdeckt. Aber der Krieg geht, der Mann bleibt - ein Fürstensohn, und Kitty seine Gattin im feudalen Käfig.
Zeugenschaft gegen den Krieg
In Kittys Blick auf ihren Mann erkennt man Martha Gellhorns literarische
Grundperspektive: suchende Erforschung: "Die Welt des Mannes hat mich
interessiert, nicht die von Mann-und-Frau". Ganz anders als bei Hemingway
ist der Mann bei Gellhorn Objekt, gefangen im Krieg, monumental eingeschlossen
in seiner Geschichte, die sie in lakonischen Sätzen und Sentenzen erfasst. Wenn
Kitty denkt, "Alles Deutsche ist ein Soldat, der Befehle ausführt"
oder "Kämpfen? Für sie war der Krieg nicht Menschenwerk, sondern eine
Katastrophe wie eine Flutwelle oder eine treibende Eisscholle"; wenn der GI
Hank denkt, "Den Krieg kannte man, über den Krieg redete man nicht",
oder wenn die Römerin Lola Gradara sagt: "Eines muss man dem Krieg lassen,
er hat massenweise attraktive Männer angespült, die nicht unter der Knute
ihrer Frauen stehen" - dann findet man hier Sätze aus Martha Gellhorns
Kriegsreportagen. Der Krieg führt Regie, der echte Krieg, und wirkliches Glück
für Menschenpaare gibt es nur einmal in der herausragenden Erzählung über den
berühmten Kriegsfotografen Robert Capa (hier Tim Bara), mit dem die Autorin
befreundet und in verschiedenen Kriegsgebieten unterwegs war. Aber selbst hier
winkt das Liebesglück nur aus weiter Ferne: Die Amerikanerin Helen (das war
Ingrid Bergman) bekommt ihren Mann des Lebens nicht, denn der hat seine einzig
wahre Liebe im Krieg verloren, und sein Leben auch, er wurde von einer Landmine
in Indochina zerfetzt.
Man kann sich streiten über Martha Gellhorn. Die Schöne und der Krieg sind
eine merkwürdige Koalition eingegangen, eine einfache Gleichung macht sie nicht
auf: Der Krieg ist nicht das große Andere. Eine nicht böswillige Rezensentin
hat so aus ihren Briefen zitiert: "Junge, ich will da sein, wo alles in die
Luft fliegt" und dies so aufgefasst: "Make war not love; das könnte
sehr gut Gellhorns Motto gewesen sein". Das ist zu kurz gegriffen, denn es
betrifft allenfalls bestimmte Kriege, vor allem die gegen faschistische Regime.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts findet sich die heftige Kritikerin
amerikanischer Kriegspolitik in der Liga der so genannten Journalistas (ein
ungeliebter Begriff) - im Gruppenbild mit Autorinnen wie Emma Goldmann, Joan
Didion, Barbara Ehrenreich oder Susan
Sontag. In Gellhorns Buch Das Gesicht des Krieges - mit allen
Reportagen vom Spanischen Bürgerkrieg bis hin zu Ronald Reagans verdeckten
Kriegen in San Salvador und Nicaragua in den 1980er Jahren - kristallisiert sich
im Lauf der Jahre Klartext heraus: "Kriege ereignen sich nicht
einfach" und: "Vielleicht sollten wir aufhören, uns die ,freie Welt'
zu nennen, und uns statt dessen als die ,Welt der freien Wirtschaft'
bezeichnen".
Mit der Neuübersetzung der Paare gibt der Dörlemann Verlag ein
wichtiges Buch heraus, weitere Romane und Erzählungen sind angekündigt.
"Die leitende Frage - nach dem, was Beziehungen zusammenhält", wie
H.J. Balmes im Nachwort schreibt, ist auch auf das Werk der Autorin anzuwenden:
Was hält Martha Gellhorns Schreiben zusammen? Da wünscht man sich natürlich
die Übersetzung der Selected Letters of Martha Gellhorn, die im August
2006 in New York erschienen sind. Vermutlich sind diese Briefe die Schaltstelle
in einem Werk, das sich durch künstlerische Produktivität und kosmopolitische
Vitalität auszeichnet - und durch eine konsequente Entwicklung zur Zeugenschaft
gegen den Krieg. Die geschliffene Prosa der Paare ist auch eine
Schaltstelle für Gellhorns große Themen Alte und Neue Welt, Mann und Macht,
freie Liebe und Obsession, ausgeführt in einer klaren Symbiose von
psychologischer Weisheit und politischem Weltwissen.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0607 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau