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Paarbildung.
Roman von Urs
Faes (2010, Suhrkamp).
Besprechung von Wolf
Peter Schnetz in den Nürnberger
Nachrichten vom 26.11.2010:
Neben Adolf Muschg,
Gerold Späth,
Charles Lewinsky und neuerdings auch
Melinda Nadj Abonji (Deutscher Buchpreis
2010) gehört Urs Faes (geboren 1947 in Aarau) zu den bekanntesten und meist
genannten Schweizer Autoren der Gegenwart. Seine bisher acht Romane sind zuletzt
in regelmäßiger Folge bei Suhrkamp erschienen. Aber auch Theaterstücke und
Hörspiele hatten Erfolg.
In seinem neuen Roman „Paarbildung“ setzt sich Urs Faes mit Krebsforschung und
Krebstherapie auseinander. Er findet die literarischen Mittel, den stärksten
Einschnitt im Leben eines Menschen, wenn er mit der Diagnose Krebs konfrontiert
wird, zu erklären und zu bewältigen. Die Behandlung fordert alle Kräfte. Teil
der Therapie ist es, über die Krankheit zu sprechen und sich positiv mit ihr
auseinander zu setzen: Lebensbejahung und Offenheit sind eine unverzichtbare
Voraussetzung für eine Aussicht auf Heilung.
Urs Faes erzählt in drei Teilen die fiktive Geschichte von Meret Etter, Mitte
40, und Andreas Lüscher, dem Gesprächstherapeuten für Tumorpatienten an einem
Krankenhaus in Zürich. Meret und Andreas waren sich bereits in jungen Jahren
begegnet und hatten zu einer Liebesbeziehung gefunden, die ausklang, als Meret
ein Kind erwartete. Andreas hat es nicht erfahren. Er war nicht mehr erreichbar.
Das Kind kam nicht zur Welt. Merets Vorwurf: „Du warst nicht da“, ist
verbittert. Die beiden hatten sich auseinander gelebt. Die Vorgeschichte führt
in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. 1991 brach die Beziehung ab. Erst 16
Jahre später kommt es zu einer unerwarteten neuen Begegnung. Diesmal unter
völlig anderen Umständen.
Meret hatte die Diagnose Brustkrebs erfahren, die häufigste Krebserkrankung von
Frauen. Es gibt Hoffnung auf Heilung nach OP, Chemotherapie und Bestrahlungen.
Der Schock sitzt tief: „Für uns Kranke ist nichts mehr so, wie es einmal war,
nicht die Menschen, nicht die Räume, nicht einmal der Garten hinterm Haus.
Dunkelwolken morgens, Dunkelwolken abends.“ Meret steht nahe davor, zu
zerbrechen, nachdem der Behandlungsplan mit ihr besprochen worden ist. Die
Fügung will es, dass ausgerechnet Andreas Lüscher, der Jugendfreund von einst,
jetzt ihr Gesprächstherapeut wird. Anfangs trennt ein Vorhang die Patientin im
Gespräch mit ihrem Gegenüber wie in einem Beichtstuhl. Es braucht viel Zeit, bis
sich Vertrauen bildet. Erinnerungen an gemeinsame Tage in einem italienischen
Feriendorf werden wach.
Urs Faes nimmt den Begriff „Paarbildung“ zum Anlass, um
ihn als Thema zu variieren. Der Leser erfährt, dass es sich bei diesem Wort um
eine Stufe der Krebserkrankung handelt, ohne dass dies näher erklärt wird. Als
Kontrast zu den Unwörtern der Medizin werden Landschaften und Naturstimmungen in
lyrischer Dichte, fast bukolisch, beschrieben: „Von der Mühle klang das dreifach
anschwellende Tuten der Sirene herüber, Feierabendzeichen für die
Mühlenarbeiter, ein Abendschrei, das die Ausfahrt eines Dampfers ankündigte, den
es nicht gab. ... Dohlen flogen über den Kirchturm weg.“
Die Erzählkunst von Urs Faes besteht in seiner Einfühlungsgabe und Tiefe. Am
Ende gilt Meret als geheilt. Ein Restrisiko bleibt. Meret und Andreas haben
wieder zu einander gefunden. Das Leben nach der Behandlung ist ein Neubeginn.
Die Frau im besten Lebensalter und Andreas, der Therapeut, haben gelernt,
einander zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen. Sie sind ein Paar
geworden wie die Jugendlichen im Park oder die beiden Alten im Rollstuhl, die
unzertrennlich sind. Die Krankheit wird nicht mehr als ausweglos empfunden. Urs
Faes hat eine Fallstudie entwickelt, die heute jeden angeht. Man kommt nicht
daran vorbei.
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2.)
Paarbildung.
Roman von Urs
Faes (2010, Suhrkamp).
Besprechung von Rita
Utzenrath aus der
WAZ
vom
12/2010:
Worte gegen das Wanken der Welt
„Nach der Diagnose ist nichts mehr wie vorher.“ Kurz ist diese Aussage – und unerbittlich wahr. Dies erfährt Andreas Lüscher, Gesprächstherapeut auf der onkologischen Station eines Krankenhauses, täglich. Er erlebt, wie die Welt der Patienten, die mit der Diagnose „Krebs“ konfrontiert werden, zwischen „Bestrahlungsplan“, „Rezidivrisiko“ und „Karzinom“ ins Wanken gerät. Den medizinischen Fakten kann er als Psychologe vor allem eins entgegensetzen: „Hinhören, Aufnehmen, Antworten, Dasein“.
Schwierig genug, doch eines Tages wächst die Herausforderung: Die aktuelle Patientenakte verzeichnet einen Namen, den Lüscher bestens kennt: Meret Etter. Mitte vierzig, Diagnose Brustkrebs.
Meret Etter? Die Frau, mit der ihn einst eine intensive Liebesbeziehung verband? Deren Wege sich regelmäßig kreuzten und wieder verloren wie Gleise auf einem Bahnhof – und die er vor 16 Jahren aus den Augen verlor? Urplötzlich wird Lüscher mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert und ein hochemotionaler Prozess zwischen Erinnern und Gegenwart beginnt.
Urs Faes, in Zürich lebender Autor, erzählt auf höchst sensible und poetische Weise die Geschichte vom Kampf mit einer Krankheit und vor allem die Geschichte einer Liebesbeziehung, einer äußerst zerbrechlichen „Paarbildung“. Er schreibt von Enttäuschungen und Missverständnissen – und immer wieder von der Schwierigkeit, sich dem anderen wirklich mitzuteilen. Unausgesprochenes trennte auch den zurückhaltenden Psychologen und die zarte, gleichzeitig kämpferische Meret. Dies ist das eigentliche Thema des ungemein lebensklugen Buches: Schweigen kann zerstörerisch sein, miteinander sprechen bedeutet Zuwendung, verbindet, ist Leben.
„Es ist zu schwer, von den Dingen zu reden die uns wirklich bewegen.“ Diese Worte Friederike Mayröckers sind dem Roman vorangestellt. So kurz, so wahr. „Du warst nicht da“, ist rückblickend der zentrale Satz, den Meret nach 16 Jahren dem Psychologen Lüscher endlich sagen kann. Ganz zart tasten sich die beiden nun an sich und ihre gemeinsame Geschichte heran. Und nun ist nichts mehr wie vorher: Etwas Neues, Verbindendes entsteht. Ein geschenktes Leben.
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