ortvoll.
Gedichte von Uwe Kolbe (
2005, Verlag Unartig/Zeitzeichen)
Besprechung von Marietta Böning, in literaturkritik.de, 2006:

Unmöglich, die Heimat zu topografieren
Uwe Kolbe zeichnet in seinem Gedichtband "ortvoll" eine imaginäre Landkarte mit persönlichen Festmarken und flexiblen Grenzen

Als Metamorphosen des Heimatlichen mag man die Gedichte eines Lyrikers bezeichnen, der seine Herkunft mit Vineta, der sagenumwobenen Stadt an der Ostsee, verbindet. Vineta musste ob der Amoralität ihrer Bewohner untergehen. Auch die DDR ging unter. Uwe Kolbe, hineingeboren in die DDR, Renegat aus Erfahrung, bezichtigt die ehemaligen Regenten des Landes seit jeher der Freiheitsberaubung. Er besetzte in den letzten dreißig Jahren immer andere Orte, im Osten wie im Westen, beobachtete den Verfall von unterschiedlichen Standpunkten aus, hörte die Sägen und Kräne gen Osteuropa marschieren, hört bis heute Vineta lärmen. Die Kirchenglocken bimmeln im Meer, die Hämmer der Aufbauarbeiter klopfen auf historische Topoi und altes Material. Und auch auf Schweigen. Denn das Land unter Hammer und ideologischem Überbau war gekennzeichnet vom Bewusstsein derer, auf denen es als das ihre lastete, wo doch Besitzen verpönt sein musste. Es lastete auch auf der reduzierten Selbstständigkeit seiner Bewohner als deren Freiheit. Elke Erb hat auf die Paradoxie des Wortes "Volkseigentum", liest man es im kommunistischen und liberalistischen Sinne, hingewiesen.

Kolbe topografiert Heimat folglich notwendig immer wieder. Doch nicht nur die Karte verzieht sich mit den Zeitläufen, auch die Festmarken, Städtemarken, die Fixpunkte unterliegen mit der Wiedervereinigung einer neuerlichen Kopfmarkierung. Einem, der in die BRD reiste, um zu Lesen, mag Tübingen ein Kreuzweg gewesen sein, ein Verweis auf die Unterschwelligkeit des Heimatbegriffs. Wenn derselbe Jahre später dort wohnt, hat es ihn dann in die innere Mitte gezogen oder nur auf den Weg?

In seinem jüngsten Gedichtband "ortvoll" zieht der Dichter Linien ins weite Europa und nach innen, konkret und nur andeutungsweise, benennend und anhand von Eigenschaften identifizierend: Istok (Osten), Caféhaus Dreams, Bulgarien, die Loreley, die Vogelschar einer Insel (Rügen). Die Metamorphosen örtlicher Gestaltenwandel übertragen sich, einem unbewussten Pygmalion gleich, auf Figuratives. "Sofia. Ein Psalm" etwa ist eine leise Bewegung aus dem Stadtverkehr in eine Kirche, schöne Heilige werden gedanklich berührt, schon leben die Züge, der Dichter findet im Muttergottes-Gesicht das Antlitz der verflossenen Liebe, richtet an Stein den stillen, unerhörten Wunsch, "eins dem andern eine Sprache [zu] sein." Auge und Gedanke werfen sich Imagination und Wirklichkeit zu, und so geht es wieder hinaus zu den Bulgarinnen, doch keine Schöne, sondern eine alte Zigeunerin bietet entwöhnten Augen im Stadtgetriebe sich auf.

Kolbe ist vom Projizieren und Re-Kartieren dessen, was Heimat sei, geprägt, vom Wunsch und seiner Nicht-Erfüllung: Wie kann einer umzäunen, der Umzäunen nie verinnerlichte? Die Definition erreicht den Westen: "Ich bins satt, Landsmann zu sein", schrieb er 1994. "Die Freiheit ist ein Puff", 1998. Ist Territorialisierung möglich? Wäre Territorialisieren Heimat-Besitzen? Die Verneinung solcher Fragen ist Kolbes wunderbaren Gedichten auch eingeschrieben. Des Poeten Abschreiten des Landes bleibt einer Kreisbewegung treu: "Als die Mauer fiel, hatte ich einen Zirkel ausgemessen. Jetzt geh ich ihn freiwillig neu."

Leseprobe I Buchbestellung 0106 LYRIKwelt © Marietta Böning