Ort.
Erzählungen von Alfred Goubran
(2010, Braumüller Literaturverlag).
Besprechung von Fabjan Hafner aus Der Standard, Wien vom
29.4.2010:
Der neue Erzählband "Ort" von Alfred Goubran lässt wenig zu wünschen übrig, an ihm ist kaum etwas zu bemäkeln und zu bemängeln, selbst gutgemeinte Ratschläge zur allfälligen Verbesserung vermeintlicher Trübungen erscheinen unangebracht. Das jüngste Werk des wie gewohnt gekonnt behutsam und zugleich geläufig formulierenden, 1964 eher zufällig in Graz geborenen, heute in Wien lebenden Alfred Goubran versammelt sechs Erzählungen, die sich bald unverblümt autobiografisch, bald nachgerade gleichnishaft dem prägenden Herkommen Goubrans aus dem tiefsten österreichischen Süden, aus der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt und deren näherer Umgebung, widmen.
Der titelgebende Ort, den sie umkreisen, dem sie sich behutsam nähern und dessen Würgegriff sie sich entziehen, hätte auch eine formal vereinheitlichende Kraft entwickeln können. Nicht erst das nächste, auch schon das vorliegende Buch hätte das Zeug zum Roman. Es ist zentriert und erfahrungssatt, doch gewinnt es gerade aus der Verschiedenheit der Zugänge, die sich in höchst unterschiedlichen Prosastücken niederschlagen, eine zusätzliche Qualität, die man nicht missen möchte.
Das Buch ist gerade kein "zäher, schlammfarbener Brei, der sich, wenn das Mischverhältnis stimmte, von selbst nivellierte" . Eine Nivellierung wäre vom Verfasser selbst oder von einem Lektorat sicher leicht und schnell zu bewerkstelligen gewesen, und ein längerer Text aus mehr oder minder einem Guss könnte den verkaufsträchtigen Zusatz "Roman" tragen. Verlag und Autor sei nachdrücklich zu dieser mutigen Entscheidung gegen das Diktat des Marktes gratuliert.
Den Erzählungen ist genug gemeinsam, um die Publikation zwischen zwei Buchdeckeln zu rechtfertigen. Wer mag, kann sie gerne als ausgewählte Kapitel einer Geschichte lesen. Wer sich den Genuss einer kleinteiligen, langsamen Lektüre gönnt, kann sich an etlichen pointierten Formulierungen, an der geradezu aphoristischen Zuspitzung schlackenlos schöner Sätze berauschen. Dabei ist die sorgfältige sprachliche Darbietung kein billiger Ersatz für einen etwaigen Mangel an Welt. Im Gegenteil: Ein besonderer Glücksfall ist die Detailschärfe der Darstellung, die gerade dem Zusammenwirken von verdichteter Anschauung und sorgsam-skrupulösem Umgang mit der Sprache geschuldet ist.
Goubrans Witz ist elegant, seine Ironie subtil. Seine Wortspiele sind originell, sein Sarkasmus geboren aus heiligem Zorn und beherzt gebändigter Wehmut. Die von ihm wie zwanglos erreichte Verknappung nicht bloßes Einkochen oder Ausdörren. Große Gefühle bannt Goubran gekonnt auf kleinstem Raum; gerade dadurch gewinnen sie nachvollziehbare Tiefe. Alfred Goubran hätte es wohl so formuliert: Ansichten werden nicht zu Anschauungen, sondern zu Einsichten.
Von der soldatischen Vaterfigur heißt es etwa so sparsam wie vielsagend: "Ich weiß, dass meine Gesellschaft dem Vater unangenehm war. Wo er konnte, vermied er es, mit mir alleine zu sein." Um noch eins draufzusetzen: "Wozu hat man Söhne, wenn nicht, um das zu leben, wofür man sich zu schade war!" Was schließlich im lakonischen Fazit gipfelt: "dass man genau der geworden ist, der man nie sein wollte und den man von frühester Kindheit an im anderen verabscheut hat" .
Das Knabenseminar Tanzenberg, das ungewollt so manchen Kärntner - von Peter Handke über Engelbert Obernosterer zu Florjan Lipuš und Gustav Januš - zum Dichter gemacht hat, besuchte Alfred Goubran von 1974 bis 1979 nur gut vier Jahre; er wird wohl der Jüngste und Letzte in dieser illustren Riege sein. Sein lapidarer Befund überrascht allerdings: "Vielen meiner Mitschüler war das Internat eine Qual, während ich es schon nach wenigen Wochen - der Kaserne entronnen, die doch jeden Abend auf mich gewartet hatte - als Befreiung empfand. Das lag schon an der Landschaft. Sie ist mir heute noch ins Herz geschrieben."
Es ist viel mehr als nur lokale Kulturgeschichte, es ist beispielhaft, wie Goubran Georg Timber- Trattnig (1966-2000), dem wider Willen frühvollendeten Dramatiker, Dichter, Maler und Musiker, in einer Miniatur ein plastisches Denkmal setzt, das in seiner knappen Präzision seinesgleichen sucht: Georg verstand das nicht und die Proberaumkönige auch nicht. "Georg war früher Bassist und Texter bei Nova gewesen, bis Helmut aufgetaucht war und ihm die Frau, sein Kind und den Platz in der Band weggenommen hatte. Kein Problem. Georg verstand sich gut mit Helmut. Alles blieb unter sich. Georg rührte die Bassgitarre nicht mehr an, versoff sich, malte mit Buntstiften und schrieb nur noch Gedichte."
Gerade indem er sich, im Gegensatz zu einigen seiner Mitanbieter nicht marktschreierisch auf Vorbilder von Samuel Beckett bis Thomas Bernhard beruft, gelingen ihm Passagen und Stellen, die selbst solche Vergleiche nicht zu scheuen brauchen. Wie etwa diese: "Stille ist, wenn man nicht spricht, sagt Viktor. Stille ist, wenn man nicht denkt. Stille ist, wenn die anderen sprechen. Wenn die anderen denken. Wenn die anderen gehen. Gehe ich fort, spreche ich, sagt Viktor."
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