Organum Mortis von UlrichSchödlbauer, 2003, Edition ZenoOrganum Mortis.
Gedichte von Ulrich Schödlbauer (2003, Edition Zeno).
Besprechung von Reinhold Stumpf für die REZENSIONENwelt, 03/2005:

Die reine Welt zwischen dem Morast

Im zweiten und umfangreichsten Band seines Gedichtzyklus "Lektion des Ich" zieht Ulrich Schödlbauer einen weiten Kreis um Tod und Transformation und präsentiert dabei eine breite Palette lyrischer Ausdrucksformen. "Der Todesverfallenheit allen Lebens und aller Weltverhältnisse entlockt der Dichter das Spektrum möglicher Töne" - so beschreibt der Verlag das variantenreiche Spiel Schödlbauers mit dem landläufigen Umgang mit Zeit und Geist. Dabei gelingt es ihm tatsächlich, die Verhältnisse in ihrer Mehrstimmigkeit zu offenbaren, um sie letztlich doch immer wieder in seinem artifiziellen Instrumentarium einzufangen.

Schödlbauer lässt sich nicht darauf ein, mit seinen Versen an der Transformation teilzunehmen sondern führt als standhafter Beobachter in die verschiedenen Ebenen unseres Daseins. Er begnügt sich nicht mit dem Ausreizen von Möglichkeiten sondern fügt die Resonanzen in eine große Komposition, deren orchestrale Intensität sich in äußerster Verdichtung und Prägnanz entlädt. So führt er auch mit dem Leitgedicht "Die wirklich wichtigen Dinge" mit einer für den Band typischen Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit des Wandel(n)s in ein Konzert lyrischer Klänge, deren Ausdehnungen und Tempi von Kürzestgedichten bis zu balladenhaften Gesängen reicht : Die wirklich wichtigen Dinge, / die das Sterben auf dem Planeten verändern, / gehen nicht in sie ein. Ein Denkmal der schwarzen Pest / weit nach ihrer Zeit, eine verborgene Metapher, / gefüllt mit Asche, im Feuer versprödet, begehbar, / hingeworfen den kommenden Zeiten, den gehenden.

Organum Mortis ist jedoch viel mehr als das Lied vom Tod. Wie auf den beiden Klaviaturen einer Orgel trennen und verbinden das Werk zwei große Abschnitte, innerhalb derer sich die Gedichte in thematischen Unterteilungen entfalten. Dabei seziert der Autor mit dem feinen Skalpell seiner Sprache sowohl Oberflächlichkeiten als auch Auffälligkeiten und richtet den Blick auf die reine Welt zwischen dem Morast vermeintlicher Bedeutung und Metaphern. Die Verse verlangen dem Leser trotz ihrer Leichtigkeit eine besondere Aufmerksamkeit ab, die darin besteht, sie nicht vorüber gleiten zu lassen sondern aufzufangen und sich wahrhaft auf sie einzulassen. So heißt es in der dritten Strophe von "Attacke": Ereiferung, sinnlos. Der Tod / hat kein Gesicht. Wer am Rande des Abgrunds / stand und nicht verstummte, dem läuft / leicht der Mund über: dort, im entsicherten Drüben, / gehen die Uhren verkehrt, aber sie ticken / heller denn je.

Ulrich Schödlbauer, der als Dichter immer Intellektueller ist, und in seiner Kritik nie die Poesie übervorteilt, erweckt seine Dichtung in einer dem Tod preisgegeben Welt so zu ihrem eigenen Leben, und die Welt überlebt in dieser Dichtung.

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Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Reinhold Stumpf