Onkel J.
Heimatkunde von Andreas Maier
(2010, Suhrkamp).
Besprechung von Sven Hanuschek in der Frankfurter Rundschau, 6.4.2010:
Onkel J. war ein "Flabbes", wie der hessische terminus technicus lautet, ein beschränkter Mensch, der nach Schweiß stank, in Dorfkneipen herum- und dem Bier- und Apfelweinkonsum anhing und der typisch war für ein bestimmtes provinzielles, schwarzbraunes Milieu, so schwarzbraun wie die Haselnuss, von der er gern singen hörte. Und er war der Onkel Andreas Maiers, der die vorliegende Sammlung von Kolumnen nach ihm benannt hat, "Heimatkunde" im Untertitel.
Der Erzähler in diesen Texten fürchtet, seinem Onkel immer ähnlicher zu werden, er bemerkt seine Gewichtszunahme, seinen zeitweiligen Zottelbart und den Hang zur lichtlosen "Boaz´n", so ein anderer terminus (diesmal ein bayerischer). Ganz so arg wird es aber noch nicht sein mit ihm, das zeigen diese Texte, die sich zu einem geschlossenen Bild zusammenfügen: Statt des Stimmenwirrwarrs seiner Romane zeigt Maier, wo die erfundene Welt dieser Bücher herkommt, aus der viel erwähnten hessischen Wetterau und den Erfahrungen, die dieses erzählende Ich dort gemacht hat und noch macht.Statt neue Fiktionen zu errichten, gehe es ihm in "Onkel J." "unbedingt immer um die Wahrheit", wie ja auch in seinen Romanen, in denen mit all dem Gerede etwas inszeniert wird, was nicht gesagt werden kann. Offenbar ist Maiers Wahrheit etwas, das nicht expliziert, aber auf Pointen hin geschrieben werden kann, das sich in performativen Widersprüchen verstrickt, und das in allen Verstrickungen die prästabilierte Harmonie nie erreicht, zum Vergnügen, zur Erregung der Leser, die immer aufgefordert sind, ihre eigenen Lebensentwürfe neben die Maierschen Arbeiten zu halten. Dem Milieu, das er zu verteidigen vorgibt, ist er durch einen Umzug nach Frankfurt freilich schon wieder entronnen. Für den Selbstversuch mit einer Heino-Platte des Onkels findet er klare Worte: "Es war die Hölle."
Im Maierschen Erzählkosmos hängt alles mit allem zusammen, und so enthält auch diese "Heimatkunde" viel bekanntes. Man begegnet dem Russenfimmel, der Lust an cholerischen Schimpfreden, der Leidenschaft für Dostojewski und den Jesus des Matthäusevangeliums, einem sehr von sich selbst eingenommenen Reflekteur, der meinungsstarke Eitelkeiten von sich gibt und seinem Hang zu den Letzten Dingen Ausdruck verleiht. Der Thomas-Bernhard-Verehrung und -Beschimpfung hat er hier eine neue Wendung abgewonnen, indem er dessen Schimpf- und Übertreibungstiraden mit den Tiraden eines anderen Österreichers vergleicht, denen aus "Mein Kampf", ganz überzeugend übrigens.[...diese und weitere Besprechungen
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