Onkel Alwin und das Sams von Paul Maar, 2009, OetingerOnkel Alwin und das Sams.
Erzählung von Paul Maar (2009, Oetinger).
Besprechung von Jürgen Potthoff in der Westf. Rundschau, 18.11.2009:

Das Sams ist längst erwachsen

Es hat die Gene von Pippi Langstrumpf und dem Rumpelstilzchen. Kinder lieben das Sams, seit es 1973 zum ersten Mal zwischen zwei Buchdeckel sprang. Jetzt hat Sams-Schöpfer Paul Maar seine beliebte Reihe nach einer langen Pause mit Band 6 zum Abschluss gebracht. Zu einem Ende, genaugenommen, das wirklich keine Wünsche mehr offen lässt.

Es gilt, die Geschichte einer gelungenen Integration zu erzählen. Aus einer fremden Märchenwelt ist das rothaarig-rotzfreche Sams dem grauen Biedermann Bruno Taschenbier einst in die Arme gesprungen. Es hatte keinerlei Verträge mit Sitte und Anstand in einer deutschen Kleinstadt, brachte böse Lehrer und spießige Nachbarinnen mit Lästerattacken zur Weißglut, ernährte sich vorzugsweise von hässlichem Wohnstuben-Dekor und Würstchen und stiefelte am liebsten im Taucheranzug durch die Gassen seiner neuen Heimat. Vor allem aber konnte dieses Kind aus dem Zeitalter der antiautoritären Erziehung dank einer seltsamen Wunschpunkt-Akne jeden noch so schrägen und teuren Wunsch erfüllen und mit dieser übersinnlichen Fähigkeit heilloses Chaos stiften. So war das Sams, als es jung war - und noch frisch bei den Menschen.

Im 6. Band der Sams-Saga hat Autor Paul Maar mit einer gehörigen Portion Altersweisheit sein Fabelwesen nun endgültig bei den Menschen heimisch werden lassen. „Onkel Alwin und das Sams" erzählt nämlich nicht nur, wie Familie Taschenbier - dem Sams sei Dank - einen wirklich unausstehlichen Verwandten wieder los wird, der sich samt seinem Känguru im trauten Heim eingenistet hat. Es erzählt auch, wie das Sams nach und nach immer menschenähnlicher wird und damit nicht nur im eigenen Kulturkreis der Samse und Obersamse aneckt, sondern wahrscheinlich auch bei manch eingefleischtem Fan. Die Integration eines Wesens mit Märchenwelt-Migrationshintergrund ist ja wahrhaft ein Akt erzählerischen Gratwanderns. Denn ein Zauberwesen, das das Zaubern weitgehend eingestellt hat, ist eben nicht mehr der geborene Kinderbuchstar. Es spricht für die Künste des Autors, dass man auch seinen nicht mehr ganz so frechen Dachs und müder werdenden Rotzreimer immer noch lieb behält.

Fortsetzungen müssen jetzt nicht mehr folgen. Paul Maar hat seine Trilogie damit beendet, dass sein Sams erwachsen geworden ist. Er selbst kann es jetzt ziehen lassen. Sicher ein schönes Gefühl für einen Mann von 72 Jahren, wenn das Kind endlich aus dem Haus ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

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