Oktober, acht Uhr von Norman Manea, 2007, HanserOktober, acht Uhr.
Erzählungen von Norman Manea (2001, Hanser -
Übertragung Ernest Wichner, Paul Schuster, Gerhardt Csejak, Roland Erb).
Besprechung von Katrin Hillgruber aus der Frankfurter Rundschau, 7.2.2008:

Im Bukarester Hamsterrad
Im Ausland angesehen, bei uns noch ein Geheimtipp: Norman Manea in frühen Erzählungen

Heinrich Böll war es, der Anfang der achtziger Jahre auf einen unbekannten Rumänen und dessen Erzählung "Der Pullover" aufmerksam machte. Die tragische Geschichte eines ahnungsvollen Jungen in einem Flüchtlingslager, dem die langersehnte wärmende Textilie zum Symbol für den Tod wird, erschien daraufhin in der Literaturzeitschrift "Akzente". Sechs Bücher in deutscher Übersetzung folgten. Dennoch gilt Norman Manea nach wie vor als Geheimtipp, während er im Ausland hohes Ansehen genießt. Höchste Zeit also für eine überarbeitete Neuauflage eines Großteils der Erzählungen aus "Oktober, acht Uhr" (Bukarest 1981). Das Buch ist grob autobiographisch angeordnet: Beginnend mit "Der Pullover" beschreiben sie Norman Maneas Trauma der Deportation nach Transnistrien, die der Autor, 1936 in der Bukowina geboren, als Kind erlebte. Mit "Die verblassten Farben der Wollknäuel" und "Die Hochzeitsfeste" folgen Texte über die vermeintlich friedliche und wohlgelittene Rückkehr der verfolgten Juden in die rumänische Gesellschaft nach 1945 mit ihrem nach wie vor virulenten Antisemitismus. In "Lehrgeld" wird der jugendliche Glaube an den Sozialismus rasch enttäuscht. Manea hatte sich als junger Pionier begeistert am "Projekt des universellen Glücks" beteiligt, doch während seiner Ausbildung zum Wasseringenieur wandte er sich nach und nach von den Lügen des Kollektivismus ab. 1981 beklagte er in einem Interview den schwelenden Nationalismus und Antisemitismus - und wurde prompt zum Staatsfeind. Seit 1986 lebt er in den USA.

Unaufhörlicher Alptraum

Norman Manea hat sich literarisch nuanciert und phantasievoll wie kaum ein anderer Schriftsteller mit der Geschichte seines Landes auseinandergesetzt. Den rumänischen Selbsthass auf die süße Tour charakterisiert er als "Jormania-Syndrom". Der Autor, wie seine fiktiven Doppelgänger ein unbedingter Einzelgänger, erklärt die enge Zusammenarbeit von Gut und Böse zum "byzantinischen" Nationalcharakter. Das Binnenklima unter Ceausescu prägt als unaufhörlicher Alptraum sein Prosawerk, in dem es von absurden Bedrohungssituationen und surrealen Irritationen nur so wimmelt. So erscheint in der Titelgeschichte "Oktober, acht Uhr", die die verhaltene Annäherung eines Liebespaares schildert, selbst ein Marktstand bedrohlich: "Erdschollenartige Korallenwüste, die Wucherungen riesiger Gehirne vom Mars: der Blumenkohl. Das zarte und wässriggrüne Licht über den gelben Kugelscheiben der Kürbisse mit den feuchten, zu einem Grinsen erstarrten Zahnreihen der Samenkerne."

Die Alpträume der Nacht - in Maneas expressivem Duktus ein "fetter, uferloser Ozean" - ragen in den Tag hinein. Sie machen die Menschen im Hamsterrad des Lebenskampfes zusätzlich mürbe: "Taumeln, sich vortasten durch den Sumpf der Müdigkeit unter dem Terror des neuen Tages. Die Dusche, der Kaffee. Und schon ganz dem neuen Tag gehörend - unentrinnbar." Den einzigen Ausweg aus der allgegenwärtigen Klaustrophobie scheint die Beschreibung des Himmels und der Tages- und Jahreszeiten zu weisen. Wie in dem brillant-grotesken Roman "Der schwarze Briefumschlag" von 1986 antwortet Manea in seinen Erzählungen auf die Wirklichkeit der grausamsten Diktatur in Osteuropa mit höhnischem Gelächter, sarkastischen Sprachkaskaden und ungewohnten Bildern in der Tradition des Surrealismus. Die Phänomene des Mangels und der Unterdrückung verselbständigen sich dabei zu Handlungsträgern. Widerborstig bäumt sich sein farb- und metaphernreiches Schreiben gegen die Verhältnisse auf.

Besonders die Erzählungen "Trennwand" und "Fenster zur Arbeiterklasse" schildern meisterlich die Bedrängung des großstädtischen Individuums. Die Gesellschaft ist zutiefst von Misstrauen geprägt; die Herrschaft der Lügen in der damaligen Sozialistischen Republik Rumänien wirkt bis in die harmlosesten Alltagsgespräche hinein und vergiftet sie. Aggressiv, unentrinnbar brechen der Lärm und die Gerüche in die Intimsphäre der Protagonisten ein. Nachts wird die Stadt zum "Riesenkörper eines stöhnenden Sauriers". Die Helden beider Erzählungen sind Freiberufler, die zu Hause arbeiten. Schon dieser Umstand macht sie der werktätigen Hausgemeinschaft hinter der dünnen "Trennwand" verdächtig und zu willkommenen Überwachungsobjekten.

Fenster zur Arbeiterklasse

Hochkomisch ist in "Fenster zur Arbeiterklasse" mitzuerleben, wie ein neurasthenischer Handwerker mit Verfolgungswahn, eine Art rumänischer Michael Kohlhaas, sich unaufhaltsam ins Leben eines handwerklich unbegabten Schriftstellerpaares drängt. Zunächst repariert er nur eine Jalousie, dann entfernt er die Verglasung des Wintergartens: Auf Befehl des "Conducators", dem bei einer seiner gespenstischen Paradefahrten durch die Hauptstadt eben diese Verglasungen missfielen - und das bei zwölf Grad Celsius maximaler Heiztemperatur in den Wohnungen. Der gutmütige Herr des Hauses hilft Valentin Nanu bei immer neuen, immer absurderen behördlichen Bittgesuchen. Schließlich drohen sich die Eheleute unter dem Einfluss des unheimlichen Besuchers zu entfremden. Da hat er ihre Träume längst invadiert.

Am Schwarzen Meer wenigstens weht ein frischer Wind, der die Alpträume davonbläst. "Wendepunkt" verknüpft auf burleske Weise die Themen Politik, Liebe und Badeunfall zu einem großen Rückblick. Auch wenn die Qualität der Übersetzungen der einzelnen Erzählungen schwankt: Die Zeitangabe "Oktober, acht Uhr" ist im Reich der Literatur universell gültig.

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