1).
- 2.)
Ohnehin.
Roman von Doron
Rabinovici (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Zingg in der Frankfurter Rundschau, 21.4.2004:
Dr. med. Erinnerungsarbeiter
Über die Vergangenheit der Gegenwart: Doron Rabinovicis genauer Wien-Roman
"Ohnehin"
Seinen Arbeitsplatz in einer Wiener
Klinik hat inzwischen ein anderer übernommen, und die Frau, in die er sich vor
einem halben Jahr so heftig verliebt hat und mit der er zusammenziehen wollte,
hat sich längst nach Paris abgesetzt. Einigen Freunden gegenüber ist er auf
Distanz gegangen, andere bekommt er nicht mehr zu Gesicht. Er muss sein Leben
neu ordnen: Stefan Sandtner ist Neurologe, und sein besonderes Interesse gilt
den Patienten, die mit ihrem Erinnerungsvermögen zu kämpfen haben. Die einen können
sich nicht mehr erinnern, andere werden bestimmte Erinnerungen nicht mehr los,
und nicht selten ist das eine vom anderen nicht zu trennen.
Mit einer vergleichsweise harmlosen, aber doch quälenden Variante dieses
Problems hat auch er selbst zu kämpfen. Denn Sonja, seine langjährige
Freundin, ebenfalls Ärztin, hat ihn verlassen; daran scheint Professor
Kahlbauer, Stefans Vorgesetzter, nicht unschuldig zu sein. Kahlbauer
interessiert sich für Sonja und bietet Stefan eine längere Auszeit an. Dieser
nimmt dankend an - und würde sein Gedächtnis gerne in den Dienst des
Vergessens stellen.
Um Erinnerungen in einem sehr weiten Sinn kreisen viele Episoden in Doron
Rabinovicis Roman Ohnehin. Da gibt es etwa den ehemaligen SS-Mann Hans
Kerber, der sich plötzlich nur noch an die unmittelbare Nachkriegszeit, nicht
aber an seine Verstrickungen in die Zeit davor erinnern kann. Für Stefan
Sandtner, der ihn aus Kindestagen kennt, ist er eine zwiespältige, aber
letztlich interessante Person. An Kerber möchte er ein Medikament und einige
Theorien testen. Seinen Kindern wiederum ist der Vater zur Last geworden. Die
Tochter zieht bei ihm ein und verhört ihn, weil sie wissen will, wer der Mensch
war, der ihr einst Gutenachtgeschichten erzählt hat. Der Sohn, früher Maoist,
jetzt in einem Ministerium untergekommen, möchte seinem Alten die
Vergesslichkeit gönnen - die beiden Kinder markieren, wie so viele Personen in
diesem Roman, exemplarische Positionen, nicht nur im Umgang mit der
Vergangenheit.
Einen ganz anderen, weit schmerzlicheren, wacheren Umgang mit Erinnerungen
pflegt Paul Guttmann, ein rumänischer Jude, der den Holocaust überlebt hat. Für
ihn reichen die Erfahrungen der Vergangenheit unabweisbar und drohend in die
Gegenwart hinein, so sehr, dass er sich in ihr nie recht wohl fühlen kann.
Guttmann, ein geschickter Unternehmer, hat seine Firmen immer wieder verkauft,
um sich nicht die typischen Vorurteile gegenüber Juden anhören zu müssen -
auch das ein Thema, das in Rabinovicis Roman immer wieder angeschnitten wird.
Vorurteile, Stereotypien, die Bilder, die sich Menschen voneinander machen, und
an die sie sich auch, oft mit schrecklichen Folgen, so lange wie möglich
klammern. Die fixen Bilder vom serbischen Nachbarn. Vom Schwarzen. Vom Türken.
Vom Griechen. Vom Österreicher.
Der Roman, nahe an eine jederzeit erkennbare Realität gebaut, ihr bisweilen eng auf den Leib geschrieben, hat anziehende und abstoßende Züge. Rabinovici, im Bemühen, allen Seiten Genüge zu tun, stellt wunderbare, anrührende und auch präzis gezeichnete Geschichten neben Passagen, in denen die vormals so lebendigen Figuren plötzlich nur noch Stichworte abliefern. Natürlich muss er, um die Fallhöhe und Reichweite der Konflikte nutzen zu können, diese erst einmal ins Romangeschehen einführen. Den Romanfiguren aber lädt er damit manchmal gar zu viel auf. Ein Glück, dass er ihnen daneben auch immer wieder freien Lauf lässt, in einem Gesellschaftspanorama, das so dicht, so farbig und oft strichgenau zu zeichnen derzeit wohl wenige deutschsprachige Autoren in der Lage - und gewillt sind.
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2.)
Ohnehin.
Roman von Doron
Rabinovici (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Michael
Amon :
In einigen Kritiken wurde Rabinovici vorgeworfen, die Personen dieses Romans seien klischeehaft und scherenschnittartig. Na gut, man kann es nicht jeder und jedem Recht machen. Dieser Vorwurf scheint derzeit überhaupt sehr modern zu sein, besonders gegenüber Autorinnen und Autoren, die sich endlich wieder trauen, auch politische Themen sehr direkt und klar anzugehen. Damit wird man wohl leben müssen. Wer jedoch über die Stimmung in Österreich Mitte der 90er Jahre etwas erfahren will, ist hier genau richtig. Es ist jene Stimmung, die letztlich zur Bildung der blau-schwarzen Koalition geführt hat und Österreich geistig zurück in den Mief der 50er-Jahre zu befördern versucht. Das Rabinovici ganz nebenbei ein glänzendes Portrait des legendären Wiener Naschmarktes und seiner (Sub)kultur gelingt, ist da nurmehr Draufgabe. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, diesen Roman als einen rein österreichischen zu verstehen. Die Typen, die hier beschrieben werden, findet man wohl am Münchner Viktualienmarkt ebenso wie in Pariser Bistros oder in Greenwich Village. Sie mögen eine andere Sprache sprechen, sich in gewissen Details und Gebräuchen unterscheiden - aber sie sind Kinder des selben Denkens.
Weinempfehlung:
Pannobile Rot 2002 von Paul Achs, Gols/Neusiedler See
Plattenempfehlung:
Steve Earle: Jerusalem, CD Epic/Sony 509480 2
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