Ohne einen Schrei von Aleksandar Tisma, 2001, Hanser-Verlag1.) - 2.)

Ohne einen Schrei.
Roman von Aleksandar Tisma (2001, Hanser - Übertragung Barbara Antkowiak).
Besprechung von Stephan Ramming aus der Wochenzeitung, Zürich, 9.8.2001:

Das seit 1991 in Teilen auf Deutsch vorliegende Werk des 1927 in Novi Sad geborenen und heute noch in der Hauptstadt der Vojvodina lebenden Aleksandar Tisma gilt vielen als literarischer Schlüssel für die Erklärung der Gräuel der letzten zehn Jahre im ehemaligen Jugoslawien. Dieser Lesart zu verschliessen vermag sich auch nicht gänzlich, wer den jüngsten Erzählband Tismas «Ohne einen Schrei» zur Hand nimmt. Alle neun Erzählungen verhandeln die Fähigkeit von Menschen, Gewalt auszuüben oder Gewalt zu erleiden; sie schildern Menschen, die, ihren Wünschen, Leidenschaften, Begierden und Trieben ausgeliefert, zu Wölfen in menschlicher Gestalt werden. Zwar erschienen die Erzählungen im Original bereits 1980, lange vor dem Zerfall des Tito-Jugoslawien, zwar fehlt ihnen weitgehend die historische Einbettung der grossen Romane wie «Der Gebrauch des Menschen», «Das Buch Blam» oder «Die wir lieben», und dennoch schwingt so in Tismas verstörenden Etüden über Auswüchse von Gewalt der unterschwellige Schluss mit, dass sie ein menschlicher Wesenszug ist, der im Gegensatz zum europäischen Westen auf dem Balkan besonders gehäuft ausbricht. Diese Sichtweise ist so falsch, wie sie Tisma nicht gerecht wird; denn Tisma ist einer der vielen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, für die Geschichte keinen Zivilisationsprozess darstellt, sondern eine sinnlose Abfolge von Gewalttaten und Gewalt überhaupt etwas Normales: «Ich sehe im Menschen nur die Manifestation der lebenden Materie. Und beim Lebendigwerden oder Lebenzeugen, bei der Nahrungsbeschaffung und bei der Fortpflanzung ist die Gewalt offensichtlich stark anwesend. Vielleicht ist sie sogar der wichtigste Faktor der Reproduktion des Lebens», fasste er seine Sicht auf die Welt zusammen. Tismas illusionsloses Menschenbild entideologisiert die Welt ebenso radikal, wie sie die Welt von Mythen entleert – was bleibt, ist der vergebliche Versuch, ein aufrichtiges Leben zu führen, in dem Wahrheit mehr sein kann als ein vielleicht zu erstrebendes Ideal. Stellvertretend dafür ist vielleicht die Titelerzählung «Ohne einen Schrei»: Ein Mann geniesst die Sommerhitze an jener Stelle am Donauufer, wo 1942 an einem eisigen Wintertag die Nazis ein Massaker verübten. In einer beklemmenden Rückblende auf diese Ereignisse wird die Scham dessen manifest, der zehn Jahre später nicht die gleichzeitig stattfindende Gedenkveranstaltung besucht, sondern mit der Menge das Badevergnügen sucht. Die Frage von Schuld und Verantwortung löst sich auf in der Seinsvergessenheit des Sommertages.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

Leseprobe I Buchbestellung 0702 LYRIKwelt © Wochenzeitung

***

Ohne einen Schrei von Aleksandar Tisma, 2001, Hanser-Verlag2.)

Ohne einen Schrei.
Roman von Aleksandar Tisma (2001, Hanser - Übertragung Barbara Antkowiak).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in Die Zeit:

Ruhe und Totschlag
Wie der serbische Schriftsteller Aleksandar Ticma Menschen zu Mördern und Mörder zu Menschen macht

Es gibt Zuhörer, die bei Aleksandar Ticmas Lesungen zusammenbrechen, Kritiker, die gestehen, das hoch geschätzte Buch aus Entsetzen an die Wand werfen zu wollen, und Leser - vermutlich die Mehrzahl -, die seine Literatur nicht ohne Tränen der Verzweiflung lesen können. Jedes Wort, sagt Eugen in Treue und Verrat, dem letzten Roman des fünfteiligen Epos über Krieg und Erinnerung, ist ein "Bohrloch zu den Wurzeln". "Worte", sagt Ticma selbst, "sind für mich nichts anderes als eine Form des Trostes." Doch was bedeutet diese trostreiche Verwandlung von Tränen in Worte, von Worten in Tränen? Ohne einen Schrei, die Titelgeschichte des neuen Bandes, spielt an einem herrlichen Badenachmittag an der Donau und schildert an ihrem grausamen Höhepunkt den letzten Gedanken eines Namenlosen. Er trägt ein Kind auf dem Arm, "und seine Wärme und sein Weinen sagen dir: ,Vielleicht tun sie es nicht.'" Doch sie tun es. Davon handeln Aleksandar Ticmas Erzählungen.

Keine von ihnen, bis auf diese letzte, braucht diesmal den Krieg, um aus normalen Menschen die normale Bestie zu holen. Und die meisten brauchen dafür nicht mehr als 20 Seiten. Fast immer geschieht ein Mord (der mit "Krimi" so wenig zu schaffen hat wie eine Axt mit einem Kochrezept), mal ein einfacher, mal ein vielfacher; hier liefert sich der Erzähler selbst aus, und dort geht es nur um eine Misshandlung. Karg sind diese Geschichten, grau und zwingend, und oft blitzt darin ein einziges Bild auf, die Öffnung, durch die das Licht der Erkenntnis einfällt. In Mitschuld spricht ein von den Behörden Verfolgter, ein normaler Feigling, das Nein zu einer Vorladung aus und geht durch die Straßen, deren Friede immer trügerischer und enger wird. Als er "unter weißen Wolkensegeln die sonnigen endlosen Durchgänge passierte, begriff er, daß es nur so hatte sein können", und in diesem lichten Moment vollzieht sich sein eigenes Todesurteil.

Warum Onkel Ratko seine Frau und sich selbst umgebracht hat, enthüllt ein unspektakuläres Detail, das - wieder eine kleine Epiphanie - aus einem Gespräch herausspringt "wie ein weißer Kiesel aus einer geschlossenen Hand im Dunkeln, um für einen Moment im Mondschein aufzuleuchten und dann zu Boden zu fallen, als Hinweis auf die Nähe aller Dinge zur Erde". Eine Unstimmigkeit in der Aussage von Branka, die von ihrem Verlobten auf offenem Feld in Schnee und Schlamm vergewaltigt und ihrer Kleider und Habseligkeiten beraubt wurde, verleiht dem Ereignis "etwas wie einen Helmbusch, einen bunten Helmschmuck der Empfindsamkeit". Solche kalten oder bunten Strahlen fallen, durch welchen unsichtbaren Spalt auch immer, stets aus einem undurchdringlich bleiernen Himmel.

Es sind die Zipfel, an denen Ticma jedes Geschehen fasst und die mörderischen Konsequenzen zieht, oft im Nachhinein. Seine Psychogramme ohne Psychologie führen in eine Welt, in der Täter und Opfer nahe beieinander wohnen, oft in derselben Haut. Die Schauplätze - schmutzige Dorfstraßen, Stadtrandsiedlungen oder eine mit Bunkern unterhöhlte Brache an der Peripherie von Novi Sad, sind so grau wie das Leben dort, "zäh und schmuddlig wie ein im Staub der ungepflasterten Höfe gewälzter Klumpen Teer ... Wie in einem Sumpf gab es kein Fortkommen: zog man einen Fuß heraus, sank man mit dem anderen ein." In dieser Monotonie, in dieser Stagnation ein Ich zu sein, ein Selbst, das sich behauptet, bedeutet Gewalt. Es ist die Gewalt der Männer, die es nicht ertragen können, dass die Frauen einen eigenen Blick, eine eigene Regung, eine eigene Farbe zeigen. "Er wollte sie so demütig und ersehnt und neu, und da sie das selbst nicht mehr sein konnte, versuchte er sie mit Gewalt dazu zu machen, damit sie jene graue Nachtfarbe und den seitwärts gewandten Blick bekäme." Asche zu Asche, Grau zu Grau. In dieser Geschichte wird die Axt, die den Schädel spaltet, von der Frau geführt, nachdem ihr Mann sie "besiegt", das heißt, zur bloßen Kreatur geprügelt und gebumst hat. Persönlichkeit heißt die Erzählung.

Vergewaltigung ist das Prinzip dieses ungleichen Geschlechterkampfs, in dem das Verlangen mit brutaler Reinheit auf den Todestrieb, das Freudsche "Prinzip Ruhe" reduziert ist; der eine sucht in der Frau "eine stumme, unpersönliche Unterlage der Exstase", der andere will "Leere vor mir, Fleisch, nur ein Stück Fleisch". Fügen sich die Frauen dieser grauen "Harmonie", dann treiben die Männer "auf dieser Gleichgültigkeit wie eine Leiche im Wasser"; widersetzen sie sich, dann zappeln die Männer "auf der vergeblichen Suche nach einem Halt wie ein Schläfer im Alptraum" - und vernichten die Gegnerin. "Laßt mich, ich muß sie abschlachten!", ist der "blutrünstige Liebesschrei" eines verlassenen Greises, und ein Jüngerer erklärt, während er die Frau mit den Füßen zu Tode tritt: "Aber sie tat mir nicht leid. Ich selbst tat mir leid, weil ich hier im Schlamm so vorgehen mußte, so zappeln mußte, um zur Ruhe zu kommen." Rückkehr zum Frieden heißt eine Geschichte, die mit dem Mord eines geilen, verbitterten Trinkers endet. Ruhe und Frieden bei Ticma.

Widersprüche also, von denen der schneidendste in der Perspektive liegt, der Sicht der Täter. Das Menschenbild des Pessimisten Ticma ist so eindeutig wie unerheblich; überzeugen, bewegen, erschüttern kann nur der Ausdruck, in dem dieses Bild zu Sprache wird. Und die zeigt weder Verständnis noch Anklage. Sie beschreibt, und die Beschreibung ist reine, vollkommene Klage.

Diese Erzählungen sind unerbittlich, und unerbittlich schön, ein trostloser Trost.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © D.D./Die Zeit