Offene Unruh von Michael Lentz, 2010, S. FischerOffene Unruh.
Liebesgedichte von Michael Lentz (2010, S. Fischer).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in der Frankfurter Rundschau, 24.03.2010:

Lyrik von Michael Lentz
Mein Papierverlies

Als hätte er gleich den vielen dichtungslustigen Liebenden im Lenz seine Leiden und Freuden in einer Kladde festhalten wollen, präsentiert Michael Lentz neue Gedichte in Packpapierbraun und zum In-der-Tasche-Tragen. Verfassername und Titel sind in Handschrift auf dem Umschlag faksimiliert, ebenso Seitenzahlen, Kapiteltitel. Auf der Rückseite gleich ein Gedicht: "es regnet/das ist unser/hintergrund/wir gehen in deckung/ vom regen verstehen/wir/mehr als von uns".

Nun, man hat von Lentz schon Inspirierteres und Originelleres gelesen. Doch mit der schönen Unverschämtheit des zumeist unglücklich Liebenden hält Lentz das Banale und Redundante fest, das Simple und das Larmoyante. So etwas lässt sich von dem Sprechkünstler Lentz wirkungsvoll vortragen, wie man auf Videolesungen im Internet feststellen kann. Die Umgebung, in der er dort deklamiert? Wohl die Tristesse eines ruinösen Fabrikgebäudes. Das Setting unterstützt die Wort-Stilisierung, steuert mal krassbunte, mal dumpfdunkle Töne bei. Doch auch so hörte und sähe man sich nicht viele der "100 Liebesgedichte" am Stück an, denn sogar in der Liebe führt Überfluss zuweilen zu Überdruss.

Besser ist´s, frei im Büchlein zu schweifen und nach persönlich Ansprechendem zu fahnden. Der Finde-Erfolg wird sich nicht nur wegen der Menge, sondern auch wegen der Fülle einstellen. Lentz macht es sich nicht einfach mit den Spielarten der Liebe und des Liebesverlusts. Erfahren und kenntnisreich häuft er Definitionen und Fragen an, dazu Hyperbeln, Anrufungen, Stammeln, Ekstase - "und jeder vogel kündet von dir/jeder regen weiß von dir".

Witz und Gewitztheit waltet in allem Klagen und im Kampftrotz der Zeilen, da der versierte Literaturkenner Lentz Eideshelfer aus zahlreichen Epochen heranzieht. Dazu gehört der Vergänglichkeitspoet par excellence Andreas Gryphius, vor allem mit "Tränen des Vaterlandes" wie in dem Gedicht "an niemand". Mit Greif und Griffel spielt Lentz mehrfach auf den barocken Dichter an. Auch Rilkes "Panther" schleicht herzu, die "Duineser Elegien" tönen hinein und der "Archaische Torso Apollos". Parodierend oder zitierend nimmt Lentz Goethes "Wanderers Nachtlied" auf und "Wer nie sein Brot mit Tränen aß". Unter den üblichen Verdächtigen stehen fast zwangsläufig Hölderlins "Hälfte des Lebens", Mörikes "Denk es, o Seele" und Müllers "Lindenbaum" aus der "Winterreise". In ein hundertfältiges Liebesbuch gehört natürlich auch das Hohelied der Liebe des Paulus aus dem 1. Korintherbrief hinein.

Den hohen Ton und die traditionellen, alten Ausdrücke nimmt Lentz oft auf und setzt ihnen Umgangssprache entgegen, Redensarten, Gebrabbel, Schnoddriges: "kannst du mich erlösen? kannst du wohl auch nicht/dafür ist der erlöser ja da/kann kommen/tür ist offen". Das raut den Ton auf, lässt die Litaneien des Liebesversehrten lieber lesen, deren Virtuosität damit geerdet wird. Schließlich gehören zum Handwerkszeug anerkannter Dichter von heute Reimspiele, Inversionen, Archaismen und Neologismen wie "kleinwirsch", "zikadierst", "mein tausendschönes subjektil". Lentz freut sich an Permutation, Konkreter Poesie und baut Gedichte mit Rahmen oder Spiegelachse.

Das freut den Fachmann. Berührt es auch den Dilettanten? Schwer zu sagen. Zwar durchweht Ironie das Gefühlschaos, es herrscht eine gewisse Kühle, vielmehr etwas Cooles. Dafür aber klingt das Melancholische altbekannt - in Bildern und Figuren. Der Humor hat etwas Bitteres. Selten einmal zeigt sich, wie in "das herz hallt", ein heiterer, leichterer Ton Kästner´scher Couleur. Die Witze wirken teils bemüht, funktionieren nur halb, die Verse sind zuweilen konventionell. Unschärfen und Fehler irritieren. Was soll eine Drohne sonst sein als "unbemannt"?

Und doch beschwört Lentz kraftvoll die quälende Abwesenheit-Anwesenheit der Geliebten, das anscheinend unaufhaltsame Verrauschen der Liebe. Wenn seine Klangassoziationen die Verse dynamisch antreiben und die poetische Rhetorik fröhlich feiert, dann packt Lentz den Leser: "du bist mein papierverlies / mein greif mein griffel / den ich nicht begreifen kann". Kitsch wie "unser nie geträumtes tränenreich" stört dann nicht weiter.

Am schönsten klingt für mich die Alltagspoesie, über die Zweckentfremdung eines Kaffeelöffels beispielsweise. Und dann sind da noch so betörende wie spielerische Klänge, Liedhaftes ("sei verrückt"; "in den höchsten tönen"). Hier mischt Lentz in die Liebesklage über das Verschwinden und das Verschwundene Zeilen, als kämen sie von Franz Lehár: "wo du fehlst kann ich nicht sein".

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