Offene Antworten von Inge Deutschkron, 2004, Transit-VerlagOffene Antworten. Meine Begegnungen mit einer neuen Generation.
Buch von Inge Deutschkron (2004, Transit-Verlag - Vorwort Johannes Rau).
Besprechung von Anke Schwarzer in der Frankfurter Rundschau, 7.6.2001:

Dokumente der Freude
Inge Deutschkron über ihre Erfahrungen als Überlebende mit heutigen Kindern und Jugendlichen

"Das Hakenkreuz soll für immer im Wasser versenkt bleiben", so wünscht es ein zehnjähriger Junge. Sarah aus der 6. Klasse schreibt: "Sie sollten wissen, dass ich immer zu Ihnen halte." Und die Viertklässlerin Tanja: "Ich verstehe nicht, wieso Hitler auf Sie und die anderen Juden so eine Wut hatte." Kinder schreiben Briefe an Inge Deutschkron, die seit vielen Jahren versucht, ihnen ein ungeheuerliches Geschehen nahe zu bringen: Nationalsozialismus und Holocaust.

In ihrem neuen Buch Offene Antworten hat die Autorin zahlreiche Briefe von Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren dokumentiert. Deutschkron gewann den Eindruck, dass die junge Generation offener und sensibler auf die Geschichte des Nationalsozialismus und die Judenverfolgung eingeht, als es frühere Generationen getan haben. Die Empathie der Kinder sei bemerkenswert, schreibt die achtzigjährige Journalistin.

Über den Holocaust wird in den Familien nach wie vor wenig gesprochen, das zeigen auch Studien wie Opa war kein Nazi von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall (Fischer Taschenbuch Verlag 2003). Im Familiengedächtnis finden sich vorrangig Geschichten über das Leiden der eigenen Angehörigen im Krieg oder während der Bombenangriffe der Alliierten. Deutschkron erzählt den Schülern eine andere Geschichte: Sie beschreibt, wie sie als junge Jüdin in Berlin diskriminiert wurde, wie die Nationalsozialisten ihre Familie verfolgt und viele ihrer Verwandten und Freunde ermordet haben. Sie selbst hat überlebt, weil sie sich zwei Jahre lang mit ihrer Mutter verstecken konnte.

Hintergrund ihrer zahlreichen Schulbesuche ist das Stück Ab Heute heißt Du Sarah, das an Deutschkrons Erinnerungen Ich trug den gelben Stern angelehnt ist. Das Berliner Grips-Theater führt es seit 1988 im eigenen Haus und an zahlreichen Schulen auf. Viele Lehrer luden Deutschkron daraufhin ein. Die Briefe, die Deutschkron vorstellt, sind für sie "Dokumente der Freude": "Es sind Briefe, die mich fühlen lassen, dass ich diesen Kindern nahe war, dass sie verstanden, was ich ihnen sagen wollte, und es aufnehmen und umsetzen werden in ihr Verständnis vom Leben. Sie machen es mir möglich, an sie zu glauben, die ja in nicht zu ferner Zeit diejenigen sein werden, die den Geist des Landes bestimmen."

Diese Aussage überrascht; immerhin stellen Studien bei Jugendlichen immer wieder antisemitische Einstellungen fest, auch wenn sie über die Jahre leicht sinken. Für die Autorin aber zählt der große Zuspruch, den sie in den Briefen erfährt. Ihr positiver Eindruck überrascht auch, weil sie selbst beschreibt, wie das Wissen der Kinder immer noch von den Ansichten der Tätergeneration geformt ist. Beispielsweise stellt sie fest, dass die Nazi-These, Juden seien eine Rasse, immer noch durch Deutschland geistert. Das Buch ist keine wissenschaftliche Erhebung, sondern schildert sehr persönliche Eindrücke. Einige Aspekte reißt Deutschkron leider nur kurz an: Zum Beispiel, dass sie viele Jahre glaubte, sie könne Mädchen und Jungen unter 14 Jahren nicht mit ihren fürchterlichen Erfahrungen konfrontieren, sich dann aber entschloss, das Bilderbuch Papa Weidt. Er bot den Nazis die Stirn für Kinder ab zehn Jahren herauszugeben.

Mitunter allerdings sind Deutschkrons Erklärungen sehr schlicht ausgefallen, etwa, wenn sie meint, Neonazis rekrutierten sich aus labilen, arbeitslosen Jugendlichen. Auch die Frage, wie sich heute mit dem Holocaust auseinandergesetzt wird, wenn in den Klassen sehr viele Kinder sitzen, deren Eltern erst nach dem Krieg nach Deutschland eingewandert sind und nicht der deutschen Tätergesellschaft angehören, beleuchtet Deutschkron nicht: Migrantenkinder kommen allenfalls als Opfer von Hänseleien oder neonazistischen Übergriffen vor. Deutschkrons Erlebnisse in den Schulen werfen aber trotzdem ein erhellendes Licht auf die Geschichtsbilder der Jugendlichen. Und angesichts des so nachhaltigen Eindrucks, den Überlebende des Holocaust bei den Schülern hinterlassen, werfen sie die Frage auf, was sein wird, wenn es keine Augenzeugen mehr gibt.

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