1.) - 2).
Öffnungen.
Ein Maßnahmenkatalog von Jürgen
Lagger (2005, Droschl).
Besprechung von Michaela
Schmitz aus dem titel-magazin
vom 27.6.2005:
Verlöschende Sternengeburt
Schon seine ersten Publikationen in
Literaturzeitschriften und Anthologien sowie das Debüt „Kreuzblütler“
zeigen eine Neigung zum Experimentellen. Mit seinem neuen Buch „Öffnungen“
stellt sich der österreichische Schriftsteller Jürgen Lagger jetzt ganz
bewusst in die Tradition des literarischen Experiments.
Es ist ein Experiments der Form, Sprache und des
Bewusstseins. „Öffnungen“ knüpft dabei formal augenfällig an Ernst
Jandls Sprechoper „Aus der Fremde“ an. Lagger hält wie Jandl trotz
experimenteller Formbrüche nicht nur strikt die Einheit von Ort, Zeit und
Handlung nach dem Ideal des klassischen Dramas ein. Wie beim Theaterstück des
österreichischen Lyrikers herrscht auch hier das von grotesker Komik gebrochene
Tragische vor. Auch Lagger lässt eine dritte Person in einem inneren Monolog
aus großer Distanz von und zu sich selber sprechen. Wobei der Er-Erzähler
analog zu „Aus der Fremde“ sagt, was er tut, während er tut, was er sagt.
Ebenso auffällig der sich gleichende grammatische Befund. Der dort wie hier
verwendete unbedingte Konjunktiv mit seinem emphatischen voluntativen Charakter
und einer identischen Intention, die Jandl in seinem Stück wie folgt
beschreibt:
„wobei konjunktiv ebenso / wie dritte person / ein gleiches erreichten // nämlich
objektivierung / relativierung / und zerbrechen der illusion“
Drastische sprachliche Kunstmittel
Hinzu kommt der elliptische Telegrammstil und das untypische, durch Inversionen
verstärkte emotionale Sprechen, auffällig in den systematisch an den
Satzanfang gestellten Verben. Drastische sprachliche Kunstmittel, durch die eine
von der Normalsprache entfremdete kunstvolle wie künstliche Sprechweise
entsteht. Ein Beispiel:
„Könne man bei tiefergehender Zerteilung nicht einmal von verschiedenwertigen
Oberflächen sprechen, geschweige denn durch Verleihung von Namen/ Nummern, eine
Hierarchie erzeugen: stünde man nach dem Schälvorgang vor einem unübersehbaren
Haufen hauchdünner Erkenntnisschichten, unterschiedlicher Beschaffenheit zwar,
aber dennoch: innen wäre die Zwiebel völlig leer.“
Ein Sprechen, das durch den archaischen Klang des veralteten
Konjunktiv-Gebrauchs singend, beinahe predigend wirkt. Ein starkes musikalisches
Moment, das bei Jandl durch die dreizeilige Versform, bei Lagger durch das
rhythmische Gliedern des Textes mit Taktstrichen verstärkt wird. Beide Werke
bewegen sich bewusst auf der Schwelle zwischen Lyrischem, Epischem und
Dramatischen.
Aber worum geht es jenseits des Form- und Sprachexperiments in „Öffnungen“?
Auch hier gibt es Parallelen: Beide Helden befinden sich in einer akuten
Sinnkrise. Die literarischen Bemühungen sind der Versuch einer schonungslosen
Analyse der eigenen Sprach-, Bewusstseins- und Körperprozesse. „Das Öffnen
und Schließen des Mundes“ – der Titel der Frankfurter Poetik-Vorlesungen Ernst
Jandls – verweist auf Sprechen und Schweigen, auf Geburt und Tod und die
unausweichliche Sinnfrage. „Öffnungen“ von Jürgen Lagger ist der von
vorneherein zum Scheitern verurteilte Versuch einer regressiven Sinngebung. Über
die Rückkehr zu einem Ursprung, der vor allen Öffnungen liegt. Auf der Suche
nach einem Neuanfang jenseits vom „Öffnen und Schließen des Mundes“,
visionär von L. beschrieben in einem Absatz „über Neues“:
„Oder: wäre da, wenn auch unmöglich, neu schon eher: Rückläufiges auszulösen
/ gegenläufig etwas gänzlich zurückzuführen auf den einen / den ihm eigentümlichen
Entstehungspunkt: dabei sein schließlich bei verlöschender Sternengeburt.“
Verschluss-Maßnahmen
Jürgen Laggers Held L. entwickelt dazu einen „Maßnahmenkatalog“, wie der
schon der Untertitel ankündigt. Nur welche Maßnahmen und wozu? Es geht um „Öffnungen“
und darum, sie zu verschließen. Es geht um den Helden L. und das radikale
Experiment, sich von der Außenwelt zu isolieren. Systematisch versiegelt er
alle Türen und Fenster seiner Wohnung mit Dichtungsmitteln. Isolierung: der
perfekte Weg zur Selbsterkenntnis? Nein, denn nach wie vor dringen Vögel ein, Mäuse,
Ameisenvölker. Körper, Tod und Verwesung, die in Zwischenräumen und hinter
Unsichtbarem lauern. Gibt es eine Alternative? L. entscheidet sich für die
kompromisslose Reduktion. Die Selbst-Reduktion. Er entledigt sich vollständig
seiner Gliedmaßen. Fast vollständig, denn groteskerweise gelingt es L. mit dem
verbliebenen Arm nicht, sich nach der Entmannung zum Schluss auch noch selbst zu
enthaupten. Vom Badewannenrand glücklicherweise geköpft, kehrt er schließlich,
aufgedunsen von zuletzt eingespritztem gelbem Dichtungsmittel, zur Urform, dem
Ei, zurück. Womit ihm also der Weg zurück zum Ursprung und damit die
Erkenntnis der absoluten Wahrheit gelungen wäre?
Das Ergebnis wäre absolut, wahr und schön wie „Der wahre Vogel“ in Jandls
gleichnamigem Gedicht, der einem ähnlich schwarzhumorigen Unterfangen zum Opfer
fällt, wenn das lyrische Ich dazu auffordert:
„fang eine liebe amsel ein / nimm eine schere zart und fein / schneid ab der
amsel beide bein / amsel darf immer fliegend sein (...) das müsst ein wahrer
vogel sein / dem niemals fiel das landen ein"
Wie der Versuch, einen wahren Vogel durch Beschneidung der Beine zu kreieren, müssen
naturgemäß auch L.s pathologische Bemühungen um Selbstreduktion zwangsläufig
scheitern, wie L. in einem Kapitel „über Oberflächen“ selbst voraussieht:
„Schälte man selbst den Körper, eigenen: zöge man sich / ihm die Haut vom
Leibe / über die Ohren auf der Suche nach seinem Kern, so böten sich nur
wieder neue / unterschiedliche Oberflächen; lediglich das Auge des Betrachters
bestimmt die gerade aktuelle, so L., die meist nahtlos damit einhergehende
Erhebung dieser zur allgemein gültigen sei eine gewiss zweifelhafte Methode.“
Auch wenn er im Laufe des Prozesses in seinen akribisch fortlaufend nummerierten
Abhandlungen „über Öffnungen“, „über Zwischenräume“, „über
Muster, „über Oberflächen“, „über Neues“ und natürlich auch „über
Eier“ zu einigen tiefsinnigen philosophischen Erkenntnissen gelangt.
Erkenntnissen von höchster Abstraktion und großem existenziellen Pathos, dem Jürgen
Lagger – auch hier wieder eine Analogie zu Jandl – mit der extremen Künstlichkeit
theatralischen Sprechens und einer drastischen Körperprosa begegnet.
Jürgen Lagger hat mit „Öffnungen“ ein sprachliches Experiment in der österreichischen
Tradition gewagt, das über weite Strecken gelungen ist, ohne jedoch an die
Eindringlichkeit und Lakonie von Jandls
„Aus der Fremde“ heranreichen zu können.[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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Leseprobe
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2).
Öffnungen.
Ein Maßnahmenkatalog von Jürgen
Lagger (2005, Droschl).
Besprechung von Erika Wurzenrainer in DUM
- Das alternative Magazin:
Öffnungen:
Ein Maßnahmenkatalog'
DUM - "Auf einen Punkt zuorientierte Sprache, fein und
aufregend klar"Ich kenne L. ein
bisschen. Die Nachbarin, Edda K., hält ihn für einen unauffälligen, geordneten
Menschen. Außerdem weiß er viel und ist allgemein interessiert an den
verschiedensten Dingen und Gedanken. In letzter Zeit allerdings, wie mir Edda K.
berichtet, hat sie seltener Gelegenheit, mit L. zusammen zu treffen; jener ist
irgendwie verschlossener, unzugänglicher geworden. Ich denke, das kann hunderte
von Gründen haben und will mich von Edda K. verabschieden, da tritt sie
unangenehm nah an mich heran und mit konspirativer Miene meint sie, er
produziere seltsame Geräusche und öffne nicht die Tür, was sonst nicht seine Art
sei. Ich lächle ungeschickt und verabschiede mich.
L. ist ein genauer Mensch, glaube ich. Er besitzt den Blick für Details, denn
dieser ist ihm wichtig. Mit der Einkaufstasche gehe ich jetzt zu L.'s Wohnung.
Eine Art Wesensveränderung also. Zugegeben, unauffällig bin ich nicht, wie ich
hier stehe: ein befellter rosa Hut, eine dicke Tasche in der Hand, die andere um
die Schulter und hinaufstarrend zu L.'s Fenster. Jetzt sehe ich ihn, er hantiert
mit Papier. Er scheint die Glasflächen abdecken zu wollen. Er wirbelt herum,
wirkt eifrig. Ich weiß, dass er sich mit Öffnungen, mit Oberflächen, mit
Gerüchen, ja sogar mit Eiern beschäftigt. L. sagt, "Eierschalen bersten nach
beinahe meterhohem Fall auf glatten, hart keramischen Oberflächen mit einem
dumpfen, vom weichen Inneren herabgedämpften, heruntergespielten Kracken." Eine
Freundin hat er auch. Er ist ein bisschen verrückt und ich habe ihn seit einiger
Zeit nicht gesehen. Ich hoffe, es ist ihm nichts zugestoßen. Ich werde mich vor
das Haus stellen und auf Edda K. warten, wenn es etwas zu erfahren gibt, würde
ich es bei ihr erfahren können.
Auf einen Punkt zuorientierte Sprache, fein und aufregend klar. Die Dinge
beinahe zärtlich distanziert benennend und Gedanken von unglaublichem Scharfsinn
und Präzision.
Dahinter, dazwischen, darum und hinein.
Der Humor: frappierend!
Das Buch: wichtig: lesen!
[...diese und weitere Besprechungen
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