Odyssee.
Prosa von Homer (2007, Manesse - Übertragung und
Kommentierung von Kurt Steinmann, Nachwort von Walter Burkert. Mit 16 Illustrationen von Anton Christian).
Besprechung von Steffen Richter in der NRZ vom 3.1.2008:

Ein lyrischer Befreiungsschlag
Kurt Steinmann vollbrachte eine Großtat und übersetzte Homers "Odyssee" neu: exakt wiedergegeben in Hexametern.

Der Begriff "endgültiger Text", bemerkt Jorge Luis Borges in einem Essay, "kann sich nur vor der Religion oder vor der Müdigkeit ausweisen." Die "Odyssee" aber ist kein religiöser Text. Und Müdigkeit wollte sich der Schweizer Kurt Steinmann wohl nicht nachsagen lassen. Also hat er die "Odyssee" neu übersetzt - und damit eine Großtat vollbracht.

Wer sich an Homers Epos wagt, weiß, mit wem er in Konkurrenz tritt. Generationen von Lesern hat sich die Fassung des Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781 eingeprägt. Dass hier ein pietistisch verbrämter Idyllen-Ton herrscht, Ungenauigkeiten und Fehler an der Tagesordnung sind und die Verse oft mit Füllseln aufgeblasen werden, ist unbestritten. Ein Gegenstück bildet die äußerst präzise Übersetzung, die Wolfgang Schadewaldt 1958 vorlegte. Nur dass Schadewaldt glaubte, der dokumentarischen Genauigkeit den Vers des Originals opfern zu müssen und seine "Odyssee" in Prosa goss. Ohne Not, wie Steinmann meint, und sich seinerseits an die Quadratur des Kreises machte: eine exakte Wiedergabe und doch in Hexametern.Was aber macht die "Odyssee" so faszinierend? Sie ist der Paukenschlag, mit dem die schriftlich fixierte Literatur des Abendlandes im 8. vorchristlichen Jahrhundert einsetzt - und sie ist viel zugänglicher geblieben als die etwas ältere "Ilias". Das liegt zunächst an der Gestalt ihres "listenreichen" Protagonisten. Denn der ist ein Trickser vor Zeus, der sie alle hinters Licht führt - etwa den Kyklopen Polyphem, dem er sich als "Niemand" vorstellt, bevor er ihn blendet. Und er ist ein Politiker, der sein Risiko kalkuliert - etwa wenn er lieber sechs Mann der Skylla opfert als die gesamte Besatzung an Charybdis zu verlieren. Zu dieser modern anmutenden Subjektivität passt das erzählerische Geschick, mit dem Homer sein Feuerwerk abbrennt - wenn es diesen Homer gegeben hat und wenn die ihm zugeschrieben Epen tatsächlich sein Werk sind und keine Kompilation verschiedener Verfasser. Doch wie immer es um die sogenannte "Homerische Frage" auch bestellt sei - der Sänger der "Odyssee" durfte nur irgendwie, er musste besonders gut erzählen. Nur so konnte er seinen Zuhörern die bekannten Geschichten aus dem Umfeld des Troja-Sagenkreises neu schmackhaft machen. Deswegen ist die narrative Dramaturgie so atemberaubend. Deswegen pendelt der Erzähler zwischen verschiedenen Schauplätzen, Perspektiven und Zeiten. Die abenteuerliche Irrfahrt des Odysseus ist es schließlich, die sich mit Bildern von Kampf, Schiffbruch und Rache tief ins kollektive Bewusstsein gegraben hat.

Frischer und geradliniger

Das alles gab es natürlich auch in früheren Übersetzungen. Bei Steinmann aber klingt es meist frischer und geradliniger - manchmal sogar poetischer. Wo "alberne Hirten des Viehs" bei Voß "in den Tag hinträumende Toren" sind, sieht Steinmann sie "über Taggebundenem brütend". Gelegentlich stolpert man, etwa wenn Athene dem Odysseus ein frohgemutes "Kopf hoch!" zuruft. Doch fallen diese wenigen Stellen angesichts der 12 110 Verse kaum ins Gewicht. Die geschärfte Semantik jedenfalls verdankt sich auch einem Oxford-Kommentar, in den die Homer-Forschung der vergangenen Jahrzehnte eingegangen ist.

Komplettiert wird diese neue "Odyssee" im prächtigen Großformat von Steinmanns hilfreichen Anmerkungen. Aus der Hochschätzung für seine Vorgänger macht er keinen Hehl. Doch er kann für sich in Anspruch nehmen, das Erreichbare erreicht zu haben: der Wahrheit "näher kommen". Von einem endgültigen Text war nie die Rede. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Neue Ruhr/Rhein Zeitung