1.)
- 2.)
Jemand musste Richard T. verleumdet haben
Ein bisschen wie ein umgedrehter
Kafka wirkt Karl-Heinz Otts neuer Roman:
Jemand musste Richard T. verleumdet haben, denkt man anfangs über den
Gefängnis-Insassen, der sich da offenbart. Aber je mehr er sich empört, desto
verdächtiger, schuldiger wirkt diese traurige Existenz aus einem traurigen
Schwarzwalddorf. Daber scheint der resignierend klingende Titel „Ob wir wollen
oder nicht" so gar nicht zum entrüsteten Tonfall dieses Buches zu passen, der
mehr noch an Thomas Bernhard als an
Kafka erinnert.
Verkrachte Spät-68er-Existenz
Richard T., wie er in einem Zeitungsbericht genannt wird, findet sich
unversehens in einer Gefängniszelle wieder, er war Augenzeuge eines
Gewaltverbrechens an einer jungen Frau. Und fasst es nicht: Die Polizei hat ihn
unter Verdacht. Die genauen Zusammenhänge müssen wir uns aus dem Gespräch
zusammenreimen, dass er mit sich selber führt.
Aus einem Rededuell, das Richard T. mit einem schlauen Untersuchungsrichter
führt, erfahren wir hingegen nicht viel. Und doch ist dieser wendungsreiche
Dialog die funkelndste Passage dieses Romans, weil der Verdächtige sich in
seinen Sätzen zu ducken und zu verstecken versucht, und wer weiß, ob es ihm
gelingen wird...
So werden wir zum Komplizen eines merkwürdigen Typen und seiner verkrachten
Spät-68er-Existenz. Studiert hat er nicht wirklich, vom Marxismus-Jargon nur die
Floskeln verinnerlicht, er wollte in der Hauptsache ein bequemes, ja faules
Leben führen, für das jede Art von Vorwänden recht war, politische erst recht.
Im Laufe der Jahre muss dieser Richard T. immer mehr verkauzt und verschrullt
sein, er wird zum Tankstellenbesitzer in einem Dorf, das zunächst unter dem
unmäßigen Durchgangsverkehr stöhnt und schließlich einen einsamen Tod stirbt,
weil endlich die viel geforderte Brücke gebaut wird, die eine Fahrt durch den
Ort überflüssig macht.
Der Pfarrer der Dorfes wurde nach einen Prozess wegen Kindesmissbrauch zwar
freigesprochen, musste aber seine Seele durch einstweiligen Ruhestand aus dem
Kreuzfeuer der Dorfmoral nehmen und verschrullte in täglichen Gesprächen
gemeinsam mit Richard T. Gemeinsam ist ihnen am Ende dann auch die Geliebte,
eine gewisse Lisa.
Karl-Heinz Ott hat, nach seinem zweiten Roman „Endlich Stille" einmal mehr die
alte Dorfgeschichte ins 21. Jahrhundert überführt, die drückende Enge der
Provinz herausgestellt als innere, die auch in Großstädten zu Hause ist. Erzählt
wird hier von den Paradoxien und Ungleichzeitigkeiten einer modernen Existenz,
und allein die ungewöhnliche Perspektive dieses Romans rechtfertigt, dass er zu
den Kandidaten für den Deutschen Buchpreis gehört. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1008 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
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2.)
Ob wir wollen oder nicht.
Roman von Karl-Heinz Ott (2008,
Hoffmann und Campe).
Besprechung von Werner Jung in
Freitag, 26.9.2008:
Da war doch noch was
In Karl-Heinz Otts neuem Roman "Ob wir wollen oder nicht" hat
sich der Protagonist im Nichtstun eingerichtet
Bereits zu Beginn hockt der Ich-Erzähler schon dort, wo er
es am Ende mutmaßlich noch längere Zeit aushalten muss: in der Zelle. Nur - wie
ist er dorthin gekommen? Darüber zermartert er sich den Kopf. Klar, seine
langjährige (Nicht-)Freundin und Dauergespielin Lisa ist gemeinsam mit dem
früheren Pfarrer verschwunden, und der Maler will dann noch gesehen haben, dass
der Erzähler am Abend, bevor die beiden verschwunden sind, aus dem Hof von Lisas
Wirtschaft gekommen sei. Von ebendort, wo die Polizei kurze Zeit später eine arg
mißhandelte Frau im Keller findet, eine Kindergärtnerin, wie sich herausstellt.
Otts Text zeichnet in einem großen inneren Monolog, unterbrochen bisweilen durch
Verhörsituationen, die Suchbewegung des Erzählers nach. Doch wonach sucht er
eigentlich? Am unspannendsten an diesem Roman sind die Krimibeigaben selbst,
denn geklärt, das merkt der Leser mit fortlaufender Lektüre, wird hier rein gar
nichts. Im Gegenteil. Je scheinbar klarer sich die Vorgeschichte abzeichnet -
der Priester ist seinerzeit zwar von den Vorwürfen sexueller Übergriffe an
Kindern freigesprochen worden, doch ist da etwas geblieben, was die
Kindergärtnerin schließlich zur Verfolgung des Priesters gebracht hat -, umso
verwirrender ist die Rolle, die dem Erzähler im Spiel zukommt. Worum es in dem
mäandernden inneren Monolog eigentlich geht sind Themen wie Identität und
Heimat, Provinzialität und Langeweile. Wir werden in ein kleines Dorf im
Schwarzwald versetzt, in eines jener Dörfer, die von den Verkehrswegen
abgeschnitten sind, nachdem eine Umgehungsstraße um sie herum gebaut worden ist.
Der Erzähler ist als Tankstellenpächter dabei, seine Tankstelle zu verlieren.
"Und all das nur", wie er selbst mutmaßt, "weil er endlos viele Jahre seines
Lebens sich selbst und die ganze Welt verändern wollte, anstatt ein Studium zu
Ende zu bringen oder wenigstens eine Lehre zu machen". Er ist inzwischen Anfang
50, verbringt seine Tage in gepflegter Langeweile, vögelt lustlos die Gastwirtin
und disputiert gelegentlich mit dem im Bahnwärterhäuschen zurückgezogen lebenden
Pfarrer. Aus "purem Dahindümpeln", resümiert er, sei er Eigenbrötler geworden,
und lakonisch-larmoyant heißt es zuvor noch: "Wenn ich gelegentlich in die Stadt
hinabfahre und in einer Kneipe am Tresen stehe, sind die meisten um mich herum
zwanzig, dreißig Jahre jünger, obwohl ich ... nicht wirklich alt bin, einen
jedoch das Gefühl zu quälen anfängt, längst alles verpasst zu haben, was immer
es auch sein mag: ein Leben mit einer Frau, die nicht Lisa heißt, einen Beruf,
der tatsächlich ein Beruf ist, und eine Zukunft, die Zukunft hat."
Wenn man so will, kann man Otts Roman als Beziehungsgeschichte einiger
Gestrandeter lesen: desillusionierte, ausgebrannte Post-68er, die sich irgendwie
auf dem politischen Rückzug stationär im Nichtstun eingerichtet haben. Manchmal
schimmern noch Erinnerungen an bewegtere WG-Zeiten auf, doch hat die Gegenwart,
eine perennierende Langeweile, längst die Protagonisten eingeholt und überholt.
"Wenn ums Dorf herum im Sommer die Klatschmohnwiesen leuchten, in der Ferne eine
Kreisssäge aufheult, ein paar Mopeds durch die Gassen furzen und man die in der
Hitze flirrende Luft tatsächlich zu sehen meint, dachte ich manchmal, dieses
Leben dort oben könnte eigentlich schön sein, würde einen nicht ständig das
Gefühl bedrängen, dass das nicht alles sein kann."
Die Beunruhigung, die sich allmählich vom Text auf den Leser überträgt, gipfelt
in der Einsicht, dass eben genau "das" tatsächlich schon alles gewesen ist, ein
ganzes trüb-graues Leben. Die bleierne Zeit und Schwere mit ihrer
Ausweglosigkeit, sie führt nicht zu schöner Unschuld und insgesamt einer Welt
des schönen Scheins, den Touristen und Wanderer in dieser Region zu goutieren
vermögen, sondern verführt die Bewohner zu sinnlosen, unerklärlichen, verrückten
Taten.
Am Ende des Romans erfährt der Leser, dass der Erzähler erneut verhaftet worden
ist, der Pfarrer sich auf der Flucht das Leben genommen hat und Lisa
verschwunden bleibt. Wie das alles zusammenhängt? Wer weiß. Der Erzähler weiß es
jedenfalls nicht, sonst würde er nicht weiter über "Engegefühle", "Müdigkeit"
und "Lähmung" räsonnieren - endlos. Traurig. Nein: schaurig.
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