1.) - 2.)
Oberland.
Roman von Marcus
Jensen (2004, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Frank Schorneck aus dem titel-magazin,
3.5.2004:
Kopflos vorwärts zurück
Als Schelmenroman bezeichnet der
Klappentext das neue Opus von Marcus Jensen und diese Einstufung ist ebenso
passend wie völlig unzureichend.
Jensens Erstling Red Rain aus dem Jahr
1999 konnte bereits begeistern als wortgewaltiger literarischer Amoklauf zur
damals anstehenden Jahrtausendwende-Hysterie. Was er uns aber nun mit Oberland
präsentiert, sprengt alle Erwartungen – und zum Teil auch Lesegewohnheiten.
Zehn Jahre hat der 1967 geborene Autor an diesem Mammutwerk gebastelt und
gefeilt, herausgekommen ist ein prächtiges Tryptichon über Leben und Tod
ebenso wie eine Reise in die deutsche Befindlichkeit (und Untiefen des
Musikgeschmacks) der 70er, 80er und 90er Jahre.
Furioser Einstieg
Furios der Einstieg, die Schilderung einer stürmischen Überfahrt nach
Helgoland. Inmitten der grünen Elendsgesichter und Würgelaute ein quirliger
Junge. Es ist Oktober 1973 und der fünfjährige Jens Behse ist gerade
eingeschult worden. Wir befinden uns in der Kindheit des Ich-Erzählers, doch
Jensen bricht mit der Erzählperspektive jegliche Konvention. Er schildert
Jens’ Erlebnisse weder aus kindlicher Sicht noch zurückblickend aus älterer
Perspektive. Vielmehr blickt Jens Behse von „oben“ auf die Szenerie: Er ist
tot. In Anlehnung an Berichte von Nahtoderlebnissen, in denen sich die klinisch
toten Patienten über dem eigenen Körper wähnen, blickt auch Behse auf sein
„ich“. Wie vor einem Fernseher, dessen Fernbedienung jemand anderes bedient,
zappt er unvorbereitet in die Szenerie hinein. Er sucht nach
Orientierungspunkten, Kalendern oder Zeitungsartikeln, die ihm verraten, in
welche Zeit er gerade blickt: „Kann ich lesen oder nicht? Jede Wette, ich bin
gerade eingeschult, das hier spielt 1973, und ich weiß zumindest, welche
Buchstaben das sind.“
Natürlich hat es „tote“ Erzähler in der Literatur schon gegeben, doch
diese Form des Rücksprungs ins eigene Leben dürfte ohnegleichen sein. Der Erzähler
in Oberland ist zum Einen natürlich vertraut mit allem, was er nun
beobachtet, hat aber andererseits keinen Einfluss darauf, in welche Stationen
seines früheren Lebens er „zugeschaltet“ wird. In jedem neuen Abschnitt
sucht er so nach Anhaltspunkten für Ort und Zeit – ein raffinierter Kniff
Jensens, um gleichermaßen unaufdringlich wie detailversessen Beschreibungen von
Mode, Mobiliar und Musik einflechten zu können.
Als Jens beinahe unbeabsichtigt sein Leben durch Leichtsinn auf dem umstürmten
Oberdeck verliert (und somit den vorgesehenen Ablauf des Rückblickes gefährdet),
greifen vier rätselhafte Gestalten in sein Schicksal ein: Ein vogelhaftes
Zwillingspärchen, eine Frau, die der von der Mutter verehrten Sängerin
Alexandra zum Verwechseln ähnelt, und ein wikingerähnlicher Bartträger. Der
tote Behse erkennt, dass es sich um Geisterwesen handelt, die ihm auch später
im Leben wieder begegnen werden (die Zwillinge gar als Papageienpärchen), doch
für den kleinen Jens und seine Eltern handelt es sich lediglich um eine
illustre Reisegruppe, mit der schnell Freundschaft geschlossen wird. Unterkunft
findet die Familie in der Pension von Frau Kerber – von der der tote Erzähler
bereits weiß, dass er sie Jahre später als Zivildienstleistender betreuen
wird. Viele Fäden werden hier auf dem rauen Oberland der Nordseeinsel
aufgenommen, die sich im Verlauf des Romans zu einem feinen Flechtwerk verknüpfen
werden. Jens erkennt auf einem Foto den verstorbenen Sohn Frau Kerbers wieder,
der ihm bereits auf der Fähre begegnet ist. Der fünfjährige hat nun Angst,
selbst bereits tot zu sein. Die unbeholfenen Tröstungsversuche des Vaters, der
als engagierter Linker auf alle Fragen zum Thema Sexualität besser vorbereitet
wäre, vermögen ihn nicht zu trösten. Erst als die Wirtin ihm erklärt, dass
auch sie nicht wisse, was nach dem Tod passiere, beruhigt sich der Junge und
schläft ein.
Zeitsprünge
Im 300 Seiten umfassenden Mittelteil des Romans ist Behse 14 Jahr alt, ein
unbeholfener Schlacks von 1,91 m, ein Außenseiter, der vom Tod fasziniert ist.
Für seine Mitschüler ist er allenfalls geeignet, als Übermittler von
Liebesbotschaften zu fungieren. Doch seine Position ändert sich, als die
dominante, stark übergewichtige Steff die schützende Hand über ihn hält.
Steff ist bereits zweimal sitzen geblieben und scheint für die Klassenkameraden
über allem zu stehen. Nicht zuletzt die Tatsache, dass sie sich in Hamburg von
alten Männern aushalten lässt, verleiht ihr eine Aura des Verruchten. Abgeklärt
weiht sie so manchen Jungen der Klasse in die ernüchternden Geheimnisse der
Sexualität ein. Jens wird zum Protokollanten ihres Handelns, er selbst ist
erschreckend uninteressiert an Sex und so scheint nur er für die
Verletzlichkeit hinter der rauen Schale Steffs empfänglich zu sein.
Im Verlauf dieses zweiten Romanabschnittes erfährt Behses Position innerhalb
der Klasse eine gewaltige Wendung. Mit seiner Todessehnsucht, dem festen
Glauben, mit seinem toten Geist in Kontakt treten zu können (der wiederum das
Handeln des lebenden Behse nicht ohne Ironie schildert), schart Jens ein Grüppchen
Anhänger um sich, das Seancen durchführt. Die minutiöse Vorbereitung seines
Selbstmordes erfährt ein jähes Ende, als Mitschüler mit bösen Sticheleien
die verletzliche Stelle in Steffs Seele treffen und diese Jens mit dem Sprung
vom Balkon zuvorkommt. Jens zweckentfremdet daraufhin das Grab, das er für sich
ausgehoben hatte, für eine blutige Rache.
Der dritte Zeitsprung führt uns ins Jahr 1989, Behses Zeit als
Zivildienstleistender neigt sich dem Ende zu. Doch es ist nicht nur dieser
Umstand, der ihn mit einer Leck-mich-am-Arsch-Haltung durch den Klinikalltag rüpeln
lässt („Sooo Mädels, wer hat geklingelt?“, „Herbst (des Lebens)? Für
Sie ist praktisch Silvester.“), es ist vielmehr das sichere Wissen, dass er
sich in Kürze selbst töten wird. Außerdem spürt Jens die Anwesenheit seines
toten Ich, beginnt, seinen Geist gezielt anzusprechen. Der erzählende Geist und
der Leser haben ihm allerdings etwas Entscheidendes voraus: Sie erkennen in Oma
Kerber die Pensionswirtin von Helgoland wieder. Und so fügt sich aus den
Andeutungen um eine Inzestgeschichte von der Küste und einer geheimnisvollen
Tochter für den Leser ein Gesamtbild, bevor Behse die Zusammenhänge erkennen
kann. Die Schnitte werden schneller, Behse inszeniert seinen Selbstmord wie ein
spektakuläres Happening vor großem Publikum.
Filigranes Triptychon
Mit Oberland hat Marcus Jensen einen gewaltigen Schritt getan. Die
vertrackte Konstruktion und die ungewöhnliche Erzählperspektive stellen für
den Leser durchaus eine Herausforderung dar, man muss sich einlassen auf die
Ausgangssituation, ob man nun den esoterischen Unterbau belächelt oder nicht.
Belohnt wird man mit einem Roman, der Jensens furioses Debüt Red Rain noch
toppen kann. Und jeder Flügel dieses filigranen Triptychons weiß das Auge des
Betrachters mit einem anderen Pinselstrich in den Bann zu ziehen.
Mit atmosphärischer Dichte, einer zwielichtigen Düsternis und einem mitreißenden
Wellengang reißt der erste Teil den Leser schwindelerregend in den Roman
hinein. Der raumgreifende Mittelteil ist viel stärker satirisch geprägt. Eine
Pubertät in den achtziger Jahren mit ihren Musik- und Modeerscheinungen wird
gleichsam zu einer Abrechnung mit der Generation der Eltern und Lehrer. Manchmal
trägt Jensen hier ein wenig zu dick auf, wenn er die Dialoge der „gut-dass-wir-mal-drüber-geredet-haben“-Phrasendrescher
präsentiert. Hier wirken der Vater und seine altlinken Freunde ein wenig überzeichnet,
was aber durch das Bild der arglos Alexandra-Lieder vor sich herträllernden
Mutter wieder mehr als aufgewogen wird. Zwischen Fetenkeller-Gesprächsfetzen
und todessehnsüchtiger Seance dröhnt Ideals „Eiszeit“ aus den Zeilen, fährt
Markus’ Maserati zweihundertzehn und Joachim Witt spielt sich bedrohlich als
Herbergsvater auf.
Dennoch will sich dieser Roman nicht in die zur Zeit angesagten
80er-Aufarbeitungsromane einreihen, hebt sich wohltuend ab von folkloristischem
Generation Golf-Gehabe. Hier sitzt jeder Satz, jeder Querverweis, hier findet
der aufmerksame Leser gar versteckte Verknüpfungen zu Jensens erstem Roman: Da
steht Jens Behse zum Beispiel vor dem Badezimmerspiegel und malt sich mit Creme
Striche ins Gesicht, als die Tür aufspringt. Der Eindringling reagiert, indem
er „Häähähäh – Winnetou“ sagt. In Red Rain wiederum hat ein
Junge, der Jens Behse sehr ähnelt, einen Gastauftritt auf einer öffentlichen
Toilette, wo er auf den als Indianer verkleideten Erzähler trifft und ebenfalls
„Winnetou“ ausruft. Solche Spielereien, häufig aber subtiler und verschlüsselter,
finden sich zahlreich in Oberland – man muss sie aber nicht aufspüren,
um den Roman genießen zu können. Wer Red Rain nicht kennt, kann sich
auch an den wiederkehrenden Motiven innerhalb Oberlands erfreuen. Der
Kreislauf der Kapitänsmütze etwa, den Jensen auf geniale Weise rund bekommt,
das Motiv des kopflosen Piraten Störtebeker, das schlussendlich gar Behses
Selbstmord bestimmt.
Im dritten und abschließenden Teil des Romans erinnern der zynische Tonfall und
die raschen Schnitte am stärksten an das Debüt. Auf der Krebsstation des
Krankenhauses ist Jens dem Tod bereits besonders nahe, sein Humor ist bösartig
und entlarvt Floskeln der Ärzte ebenso wie der Angehörigen.
Aus dem Meer deutschsprachiger Neuerscheinungen ragt dieser mutige Roman so
imposant hervor wie der „Lange Anna“ genannte Buntsandstein-Felsturm an
Helgolands Küste. Nur eines nehme ich Marcus Jensen übel: dass ich mich während
der Lektüre dabei ertappen musste, dass ich Alexandras „Zigeunerjunge“ vor
mich hinsummte…
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2.)
Oberland.
Roman von Marcus
Jensen (2004, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Hans
Christian Kosler aus der Neue
Zürcher Zeitung vom 31.7.2004:
Und ich lief hinterher
«Oberland» - Marcus Jensen
erkundet (s)eine Jugend
Man muss heute nicht mehr wie Martin Walser siebzig werden, um nach vielen Skrupeln endlich seine Kindheit und Jugend in Romanform zu bringen. Auch in der Literatur hat sich eine Art Retro-Look durchgesetzt, ein Interesse an einer peniblen Rekonstruktion der eigenen Geschichte, das starke Tendenzen zu einer neuen Ausführlichkeit zeigt. Insbesondere die Generation Golf scheint seit Florian Illies' legendär gewordenem Buch an einer einzigen grossen «Verteidigung der Kindheit» zu schreiben. Letzte Ernte: der Roman «Oberland» von Marcus Jensen, der 1967 in Hamburg geboren wurde und in Pinneberg aufwuchs. Jensen machte vor fünf Jahren mit «Red Rain», einer Satire auf das Millennium, auf sich aufmerksam und wurde im vergangenen Jahr mit dem renommierten Würth-Preis ausgezeichnet.
Sprachmächtig
Auch Jensens opus magnum, mit dessen Niederschrift er bereits 1990 begann, ist zunächst das Porträt einer Generation, aber auch ein Selbstporträt, dessen Authentizität man an der Verve und Teilnahme ablesen kann, mit der es geschrieben wurde. Aus der Ähnlichkeit zu seinem Romanhelden macht Jensen kein Hehl, ja er lässt sich bewusst in die Karten schauen. Jens Behse, Sohn eines Studienberaters, wurde wie Marcus Jensen 1967 in Hamburg geboren und ging wie er in Pinneberg aufs Gymnasium. Durchaus denkbar wäre somit, dass Jensen wie sein Protagonist als Schüler Logbücher führte, die in sein 1000-seitiges handgeschriebenes (!) Manuskript eingingen. Hautnaher jedenfalls kann man den für Pennäler typischen Mix aus Unsicherheit und Prahlerei, aus seelischen Qualen und aufgesetzter Gelassenheit kaum darstellen. Und dennoch begnügt sich dieser hochartifizielle und sprachmächtige Roman an keiner Stelle damit, nur ein Konglomerat von «eingedosten Erinnerungen» zu sein, die man so gern mit dem Attribut «selig» in Zusammenhang bringt.
Selig ist der Erzähler, der Pinneberger Gymnasiast, in einem ganz anderen Sinn: Jensen lässt ihn als Toten, quasi aus einer Geisterperspektive, auf sein Leben herabblicken und es erzählend noch einmal durchleben: als unmittelbar Beteiligter, der seinen Fehlern ausgesetzt ist und zugleich auch als sein eigener Kommentator fungiert, der stets weiss, was passieren wird. Doch nicht nur das Schwanken zwischen Unmittelbarkeit und Reflexion, zwischen direkter Rede und gesprochenem Gedachten macht die Erzählhaltung ebenso verzwackt wie raffiniert. Der lange Monolog ist an eine Adressatin gerichtet, die Mitschülerin Steff, die Einzige in der Klasse, zu der Jens wirkliche Zuneigung empfindet. «Fett ist man erst, wenn man gemütlich am Strand liegt und plötzlich von Greenpeace ins Wasser gerollt wird», redet sie sich über ihre beträchtlichen Körpermasse hinweg.
Das «Füllmädchen» ist als zweifache Sitzenbleiberin älter als ihre Mitschüler und führt ein mysteriöses Doppelleben. Ihre Sex-Kenntnisse, von älteren Männern mehr oder minder professionell erworben, gibt sie im Putzmittelraum bereitwillig an Sven, den «Nordmann» und Klassenschönling, weiter. Jens, der als Aufpasser die beiden belauscht, bleibt von Steffs Hingabebereitschaft unbeeindruckt und definiert sich nur im platonischen Sinne als ihr «lieb Haber». Beide sind sie Unterlegenheits-Spezialisten, miteinander verbunden durch ihre Frühreife und desillusionierte Weltsicht.
Mit Zorn und Witz
Es ist nicht einfach, aus den anspielungsreichen und gewitzten Suaden des Erzählers eine stringente Handlung herauszuschälen. Die wichtigsten Ereignisse der drei Zeiträume, in denen der Roman spielt (1973 auf Helgoland, 1981 in Pinneberg und 1989 in Hamburg), hat Jensen bewusst klein gehalten. Während dem Schneider-Poesie-Album samt den «total süssen» Lieblingstieren der Mädchen eine ganze Passage eingeräumt wird, handelt er den Selbstmord Steffs in ein paar Zeilen ab. Jensen hat vor allem die frühen achtziger Jahre soziologisch und sprachlich perfekt aufgearbeitet: von der Eissorte über den Nicki-Pullover bis zur Alexandra-Schnulze «Und ich lief hinterher». Nicht zu vergessen: Nenas «Bockigkeitsgesang», der damals alle(s) eroberte. Doch was als Nostalgie-Effekt taugen könnte, wird stets von einem satirischen Blickwinkel unter Kontrolle gehalten. Alle Generationen nimmt Jensen gleichermassen aufs Korn. Das «progressive Genuschel» der verdrucksten 68er samt ihren alternativen Nippes wird gnadenlos der Lächerlichkeit preisgegeben. - Immerhin, an den Vätern mag er, dass sie sich nicht den Zwang antun, glücklich auszusehen, sondern ihre Leiden offen im Gesicht tragen. Und Jensens Generation, die 78er? «Wir können uns glatt vorstellen, dass sozial von Sosse abgeleitet ist.» Noch hoffnungsloser sieht er die Nachkommenden: «Teenies sahen seit Jahren wieder zunehmend aus wie bloss kleine Erwachsene, wie Bausparer.» Wenn die Bedeutung seines Jahrganges, wie Jensen behauptet, vor allem in seiner Bedeutungslosigkeit liegt, dann schreibt er mit diesem Roman fulminant dagegen an. Über die Sinnkrise, in der sich auch die Literatur befindet, täuscht Unterhaltung nicht hinweg. Man kann sie stattdessen - wie Jensen - mit Zorn, Witz und genauem Hinsehen deutlich machen.
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