Novemberland.
13 Sonette von Günter Grass (2001, Steidl).
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 15.8.2002:

Thraenen des Vaterlandes
Anno 1992: Günter Grass mahnt in Sonetten, zeichnet mit glücklicher Hand, und das alles ist mehr als nur luxuriös

"Schlechte Gedichte / bekehren den Despoten nicht. / Das gilt, leider, auch für die guten Gedichte", lautet ein Dreizeiler des polnischen Dichters Ryszard Krynicki - eine Erkenntnis, die ihn freilich nicht davon abhielt, seine Lyrik auch weiterhin mit Blick auf Gesellschaft und Politik zu schreiben. Die Frage nach der möglichen Wirkung oder Wirkungslosigkeit von Lyrik jedoch bleibt; mithin auch die Frage, ob eine sogenannte littérature engagée aus der Sicht jener, die sie erreichen möchte, nicht ebenso einem abgeschotteten Elfenbeinturm entstammt wie die Dichtung, die sich der direkten Stellungnahme enthält und deshalb vermeintlich unpolitisch ist. Vermeintlich - Sartre wenigstens glaubte, dass die Gedichte Mallarmés mehr Sprengkraft enthielten als jedes noch so forsch formulierte politische Pamphlet.

Günter Grass ist in seinen Ansichten zum scheinbar widersprüchlichen Begriffspaar Politik und Ästhetik über die Jahre beständig geblieben: "Die Spiegelung von Zeitgeschichte durch jeweils gegenwärtige Literatur setzt Autoren voraus, die sich als Zeitgenossen begreifen, denen selbst die trivialsten politischen Vorgänge kein außerästhetischer Störfaktor, vielmehr realer Widerstand sind", so der Nobelpreisträger in spe in einer Rede auf dem Internationalen PEN-Kongress in Hamburg 1986. An solch einer kritischen "Spiegelung" ist Grass auch in seiner Lyrik gelegen, spätestens seit den Gedichten der 60er und 70er Jahre, die den Bänden Die Vorzüge der Windhühner - seiner ersten Buchveröffentlichung - und Gleisdreieck folgten. Die keinesfalls trivialen Geschehnisse von 1989 und den darauf folgenden Jahren beschäftigten denn auch nicht nur den politisch denkenden Bürger Grass, sondern inspirierten ihn zudem zu seinem Zyklus Novemberland - zwar kein Sonettenkranz, wie der Verlag ankündigt, doch immerhin aus dreizehn mehr oder minder streng gefügten Sonetten bestehend. Ein schöner Kunstgriff des bekennenden Gelegenheitsdichters Grass ("Jedes gute Gedicht ist ein Gelegenheitsgedicht", schrieb er 1960 und distanzierte sich von den sogenannten "Laborgedichten"), denn die Zusammenführung der gerne als erhaben erachteten Sonettform mit der (tages-)politischen Analyse und dem scharfen Gesellschaftskommentar kann zweierlei bewirken: Zum einen vermag das pure Gewicht der Form den naturgemäß flüchtigen, von Aktuellem befruchteten Aussagen mehr Gravität zu verleihen, zum anderen könnte der Gegensatz Ästhetik / Politik ad absurdum geführt und aufgehoben werden. Zugleich findet sich im siebten Sonett ein gereimtes Echo seiner Rede von 1986: "Auf alte Zeitung, die im Garten treibt, unstetig, / und sich an Dornen reißt, auf Suche nach Ästhetik, / schlägt wütig Gegenwart, ein rüder Hagelschauer; / November spottet aller Schönheit Dauer."

Novemberland ("Da komm ich her. Das feiert jährlich alle Neune"), das sind für Grass die vereinten beiden deutschen Staaten mit ihren teils neuen, teils verschleppten und multiplizierten Problemen, die nur kurz, wenn überhaupt, von einem rauschenden Einheitsfest übertönt wurden: "Das bleibt veränderlich sich gleich / und ähnelt unterm Schutt der Moden - / mal sind es Jeans, dann wieder Loden - / den abgelebten Fotos aus dem Dritten Reich." Das Generalthema deutscher Schuld steht hinter allen Novemberland-Sonetten, selbst hinter jenen, die auf "anonym" den verblüffenden Endreim "Minister Blüm" finden und so auf ephemere politische Ereignisse und Entscheidungen anspielen - gerade weil sich hier die Fortdauer der Schuld manifestiert: Der "Skin / steht für Gewalt und unversorgten Müll", ebenso wie jene, "die schweigend grinsen hinter den Gardinen", und der Name "Mölln" ist nichts als ein jederzeit austauschbares Synonym für die Gegenwart dessen, was mancher gerne verdrängt. Grass benennt die Probleme und ihre Symptome sehr deutlich, ob es sich nun um rechte Schläger, die Rente, selbstgenügsamen Cappucino-Feuilletonismus oder generelles Fehlverhalten der politischen Klasse handelt - oder aber, und auch dies ist ein vorherrschendes Thema, um die Einheit, "die keine Gnade kennt", und um ihr Zustandekommen.

Der November ist dabei die verknüpfende Leitmetapher, ist sowohl Jahreszeit des Niedergangs als auch politischer Dauerzustand: Der Blick des Dichters aus dem Fenster, seine Schilderungen verblühter Sonnenblumen, von Hagebutten und dem Nussbaum im Garten sind Anlass zur Vertiefung und Ausweitung des Geschauten aufs Politisch-Gesellschaftliche.

"Aus bittrem Sud fließt meine Litanei": Nicht nur die Sonettform, auch die Memento-Mori-Motivik des Spätherbstes und der Vanitas-Gedanke (wenn er auch weniger in religiöser als in gesellschaftlicher Hinsicht auftaucht) lassen dabei unwillkürlich an die Lyrik des Barock denken, insbesondere an Andreas Gryphius' während des Dreißigjährigen Krieges geschriebenes Sonett "Thraenen des Vaterlandes. Anno 1636" - wahrlich ein Spiegel von Zeitgeschichte, der noch heute nicht trüb geworden ist: "Wir sind doch nunmehr gantz, ja mehr denn gantz verheeret!/ Der frechen Voelcker Schaar, die rasende Posaun/ Das vom Blutt fette Schwerdt, die donnernde Carthaun / Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrath auffgezehret". Die von Gryphius erreichte Dichte streben die Novemberland-Sonette sicherlich gar nicht an; es handelt sich, wenn auch im besten Sinne, um zeitlich eng umgrenzte Gebrauchslyrik, an denen das Aufrechte und Aufrichtige des Autors mehr beeindrucken muss als der Grad poetischer Verdichtung. Gleichwohl wird durch die Wahl der Sonettform und insbesondere durch die Absolutheit, den Wahrheitscharakter der Analysen ein hoher Anspruch deutlich; und gerade weil die Gedichte frei von Humor und Ironie, wenn auch keinesfalls von Zynismus, sind, werden sie an einigen Stellen angreifbar - nicht die Aussagen an sich, wohl aber ihre Form.

Wenn Grass' Klage der Festung Europa, beziehungsweise der Festung Deutschland gilt, so spricht er von "der fremden Flut, / die frech, trotz Drogensucht und aidsverseuchtem Blut, / mit uns sich mischen möchte, will uns trüb durchrassen" - eine bittere Adoption landläufiger Klischees, die so sehr mahnender Zeigefinger ist, dass sie kaum beeindrucken kann. Dasselbe gilt für allzu naheliegende und überdeutliche Wortspiele wie "ausgeschwitzt". Hier laufen die Sonette, bei allem Engagement, Gefahr, unfreiwillig zum Zerrspiegel eines Grass'schen Diktums von 1958 zu werden: Er schreibe über Situationen, "in denen das Feierliche lachen muss, weil die Leichenträger zu ernste Miene machen, als dass man glauben könnte, sie nehmen Anteil", so Grass in seiner kurzen Abhandlung "Über das Schreiben von Gedichten". In einigen Zeilen in Novemberland ist es Grass, der eine zu ernste Miene macht, das Feierliche aber nicht selbst lachen lässt - selbst dann nicht, wenn eine gewisse Flapsigkeit beigemischt wird, die in seltsamem Kontrast zum "bittren Sud" steht ("ganz locker wird vom Hocker diskutiert,/ warum der Mensch sich bei Gelegenheit vertiert").

Als schönes Gegengewicht zu Stellen wie diesen, an denen das kraftvolle Wort eines Predigers in der Wüste schlicht zur wüsten Predigt zu werden droht, dienen die bereits erwähnten Eingangspassagen, die das Private mit dem Politischen, die Novemberzeit mit dem Novemberzustand verbinden, also auf die grundlegende Metapher vertrauen und das Explizite vermeiden - und gerade deshalb umso eindringlicher wirken: "Die Angst geht um, November droht zu bleiben. / Nie wieder langer Tage Heiterkeit. / Die letzten Fliegen fallen von den Scheiben, / und Stillstand folgt dem Schnellimbiss der Zeit." Strophen wie diese machen den schmalen Band Novemberland, dessen Sonette von ebenfalls dreizehn Sepiazeichnungen des Autors gespiegelt werden, zu weit mehr als einer luxuriös ausgestatteten Speakers' Corner des Dichters Grass.

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