Notizen
aus der Tiefe.
Prosa von Philippe Jaccottet (2009, Edition
Akzente bei Hanser, Übertragung Friedhelm
Kemp,
Elisabeth
Edl und Wolfgang Matz).
Besprechung von Carl Wilhelm Macke aus dem titel-magazin,
22.06.2009:
Weit geöffnete Fenster und Türen
„Schreiben, damit es vor sich hin summt“.
„Als ich gestern abend Schuberts letzte Klaviersonate
wiedergehört habe, überraschend, habe ich mir einmal mehr ganz einfach gesagt:
‚Das ist es.’ Das ist es, was unerklärlicherweise standhält, gegen die
schlimmsten Stürme, gegen den Sog der Leere; das ist es, was wahrhaftig
verdient, geliebt zu werden: die zarte Feuersäule, die einen führt, selbst in
der Wüste, wo es weder Grenzen noch Ende zu geben scheint.“ Auch Philippe
Jaccottet selbst, der hier nach dem Anhören einer Schubert-Sonate in Verzückung
geraten ist, schreibt eine Prosa und eine Lyrik, die man einfach nicht in Worte
zu fassen weiß, die erklären, warum sie einen so gefangen nehmen, manchmal
verzaubern.
Seit Jahren schon erscheinen seine Bücher im Hanser Verlag in formidablen
Übersetzungen (Friedhelm Kemp, Sander Ort, Elisabeth Edl, Wolfgang Matz ), aber
in der lesenden Öffentlichkeit werden sie nur von einem kleinen exquisiten Kreis
zur Kenntnis genommen. Vielleicht, weil den Büchern von Jaccottet ein „Plot“
fehlt, von aufwühlender Spannung ganz zu schweigen. Weil er „nur“ Aufzeichnungen
vorlegt, die irgendwo changieren zwischen Tagebuchnotizen, Augenblicksskizzen,
literarischen „Landschaftsaquarellen“, Meditationen zur Geschichte, lyrischen
Aphorismen. Diese Literatur zu lesen, zu begreifen, zu goutieren – warum sollten
das Gegensätze sein? –, muss man sich Zeit nehmen, viel Zeit. Den in der Schweiz
geborenen und heute in einem kleinen Ort in der Provence lebenden Jaccottet in
irgendeine Schublade zu stecken, einer „Tradition“ zuzuordnen, fällt schwer. Und
letztlich ist es auch uninteressant – jedenfalls für mich –, ihn in einen
literarischen Rahmen zu zwängen. Ihn zu lesen in, die Wiederholung ist hier
zulässig, in einer so wunderbaren deutschen Sprache, die wir meisterhaften
Übersetzern verdanken, ist ganz einfach ein Schutz „gegen die schlimmsten
Stürme“, denen man Tag für Tag im Meer der Werbespots, der Politikerplatitüden,
des Talk-Mülls ausgesetzt ist.
Man muss etwa die Aufzeichnungen von Jaccottet von einer Reise nach Israel
lesen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was wir durch die täglichen (und wohl
auch nützlichen) journalistischen Korrespondentenberichte aus Israel und aus
Palästina aus dieser geschundenen Zone der Welt nicht erfahren. „Hätte man sein
ganzes Leben lang lauter schreien müssen als Henker und Opfer? Doch wer kann
heute schon ‚richtig schreien’, wie es von den Propheten gesagt wird, die auf
diese Weise die gottlosen Könige gestürzt haben sollen … Ich habe angst, dass
die Macht des Geldes, die sich wie eine Seuche ausbreitet, alles, was es an
Menschlichem gibt, bis auf die Wurzeln verdirbt.“
Und in dem Kapitel „Notizen aus der Tiefe“, das dem ganzen Band den Titel
gegeben hat, heißt es an einer Stelle: „Einfach nur schreiben, ‚damit es vor
sich hin summt.’ Stärkende Worte; nicht um zu beeindrucken, sondern um zu
schützen, zu wärmen, zu erfreuen, selbst für kurze Zeit.“ Ja, so ist es: Wenn
man die Bücher von Philippe Jaccottet liest, immer und immer wieder, dann
„summt“ diese Wortmelodie in einem weiter und weiter. Man kann nicht genug davon
aufsaugen, weil man sonst befürchtet, auszutrocknen in einer immer leerer,
bedeutungsloser, aggressiver werdenden Sprachwüste um uns herum. „Jedes Buch“,
heißt es einmal an einer anderen Stelle („Landschaft mit abwesenden Figuren“),
„das dieses Namens würdig ist, öffnet sich wie eine Türe, oder ein Fenster“.
Weit geöffnet sind die Fenster und Türen, die uns in das Werk von Philippe
Jaccottet einladen. Wir müssen nur eintreten.[...diese
und weitere Besprechungen finden Sie unter
]
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