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2.)
normalzeit.
Gedichte von Gerald
Fiebig (2002, Edition Skarabaeus).
Besprechung von Jan Röhmert aus dem titel-magazin,
2002:
Sex Pistols und Adorno
Man kann sich zum gegenwärtigen historischen Zeitpunkt eigentlich keine geeignetere Lektüre als die von Gerald Fiebigs neuen, bei der Innsbrucker "edition Skarabaeus" herausgekommenen Gedichten vorstellen. Mit der schon von den vorangegangenen Bänden ("kriechstrom", 1996 und "erinnerung an die neunziger jahre", 2001) bekannten bitterbösen Ironie, deren schneidende Pointen mit den harten Endsilben einem nicht die Möglichkeit zum 'Schmunzeln' einräumen, entlarvt er die täglich vierundzwanzig Stunden in uns und um uns und mit oder ohne uns ablaufende "normalzeit" als das eigentliche Grauen, den Wahnsinn der Epoche. ("Sie brauchen nur das Fenster aufzumachen, das Grauen ist überall", sagte Brinkmann mal irgendwo.) Nicht umsonst die Erwähnung T.S. Eliots, dessen "Waste Land" im Vergleich mit "normalzeit" allerdings noch recht idyllisch wirkt, und Joseph Conrads, dessen "Heart of Darkness" bei Fiebig jedoch nicht in den Urwäldern des Kongo, sondern in den Asphaltwüsten unserer Großstädte zu suchen ist:
in aralblauen lachen vor den seifentankstellen
spukt der glibbrige azur übers pflaster.
die pizzeria an der ecke riecht nach benzindampf.
der erste feierabendzug auf der straße
schmeckt nach cornflakes unter den
pfirsichfarbenen neonlaternen.
sie schwimmen wie erleuchtete forellenfilets
im äther über der auslage des flugreisebüros.
im schaufenster schweigen die schwäne aus
schaumstoff.
[...]
& keiner deutet die zeichen,
die der kot im klosett hinterläßt.
In drei Teilen ("ruhiges hinterland", "erwerbsbiografien" und "stadt karten"), die ein blutig-bizarres "geflügeltriptychon" umrahmt und gespenstisch-gegenwärtige "lichtspiele" beschließen, versucht sich Fiebig dem Phänomen seiner "normalzeit" zu nähern: Bahnhöfe, Einkaufspassagen, Stadtlandschaften, zum Wohnraum der Stadtbevölkerung avancierte Dorfgegenden, Kreuzungen, Autobahnen, Kinosäle, Kneipen, schalldichte Wohnzimmer mit Video und TV als Verbindung zur Außenwelt – irgendwo in Europa, zwischen London, Brüssel, Prag und Augsburg; dass "Bayern" eine Konstante seiner Lyrik mit besonders stark herausgearbeitetem 'Lokalkolorit' ist (lassen Sie sich überraschen!), mag dabei lediglich Fiebigs eigener "Erwerbsbiografie" zuzuschreiben sein, den übergeordneten 'Zusammenhang' (wenn dieser Begriff erlaubt sei) stört das nicht. Den stiftet nämlich die Musik – was diejenigen nicht überraschen wird, die Gerald Fiebig bereits von seinen vorangegangenen Bänden bzw. seinen mit Musik untermalten Sprech-CDs, Live-Auftritten mit Musik oder von seiner ambitionierten Webseite www.gebrauchtemusik.de her kennen.
Es ist nicht nötig, die in die Gegenwartsbilder eingeschnittenen Songlines zu kennen (bei Fiebig wirkt das Insiderwissen manchmal wie eine gewollte Parodie der uns mit angeblichem "Insiderwissen" ständig in den Konsum peitschenden Popkultur), um zu erkennen: Hier sorgt die Musik, wie bei Brecht noch der Marxismus, für den Verfremdungseffekt. So vererbt sich die Tradition des berühmtesten Augsburger Dichters an einen seiner interessantesten Urenkel fort. (Zeugt es deshalb von der Traditionsbewußtheit dieses Ortes, wenn wir im Impressum lesen dürfen: "Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Stadt Augsburg"?) Wenn Walter Benjamin einmal die Collage als Entlarvung der unter dem Schein befindlichen Zustände charakterisierte, so hat Gerald Fiebig sich genau dies in seinen Gedichten vorgenommen. Und es ist nur folgerichtig und zeugt von innerer Verwandtschaft, wenn er in seiner Zitierfreude auch den zitierfreudigen Berliner Baudelaire-Exegeten selbst zu Wort kommen lässt ("brüsseler passagen"). Natürlich denkt man ebenso an Pier Paolo Pasolini, demzufolge der Faschismus des von jenseits des Atlantik aus ferngesteuerten 'demokratischen' Massenkonsums ebensolche Verwüstungen angerichtet hat wie der tatsächliche Faschismus nationalsozialistischer Prägung – Steven Spielberg ist einer der größten Bewunderer Leni Riefenstahls. Dennoch hat die westliche Konsumkultur, im Gegensatz zu der des Nazistaats, immer wieder kleine, kreative Subkulturen hervorgebracht, denen allen das Bemühen gemein ist "to change the system from within", wie es bei Leonhard Cohen heißt. Und genau hier, dem einzig möglichen Ort für einen Dichter in unserer Gesellschaft, situiert sich auch Fiebig. Seine Sympathie gilt denjenigen Dichter- und Musikerkollegen, die noch nicht zwischen den Mühlsteinen des großen Marktes zerrieben worden sind, die abseits des offiziellen Kulturbetriebs mit Worten und Tönen laborieren – dort, wo auch Adorno den Künstler angesiedelt sieht. Die Sex Pistols und Adorno: was für den letzteren noch ein unauflösbarer Widerspruch gewesen wäre, gibt Fiebig erst die Möglichkeit, die Dialektik der Aufklärung aus den Lautsprechern des Heute herauszufiltern. So lest ihn endlich, der da unermüdlich am subversiven Her(t)z des Pop sitzt und bastelt und uns auf diese Weise den Spiegel unserer so abnormalen "normalzeit" entgegenhält!
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Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © titel-magazin
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2.)
normalzeit.
Gedichte von Gerald
Fiebig (2002, Edition Skarabaeus).
Besprechung von Helmut Schönauer,
7.03.2003:
Normalzeit ist auf den ersten Blick etwas so Normales, daß man erst zusammenzuckt, wenn man mit diesem Begriff länger konfrontiert wird. Und immerhin schaut diese "normalzeit" permanent und attraktiv vom Buchcover des neuen Gedichtbandes von Gerald Fiebig.
In der Augsburger Gegend, erklärt der Autor bald zu Beginn (S.6), wird daraus eine "Norm-Mahlzeit". Dieser Menschenschlag hält seine Sinneslust mit Essensnachschub am köcheln und gleichzeitig kämpft er diese nieder und befriedigt sie.
Dieses Niederkämpfen alltäglicher Eindrücke ist ein wesentliches Merkmal der Fiebigschen Lyrik. Als Musiker und Hör-Designer ist er vertraut mit der akustischen Ungenauigkeit, die alle Geräusche und Musiken begleitet. Und auch die Bilder und Szenerien sind immer auch mit einer Unschärfe hinterlegt, die quasi von Zeile zu Zeile nachjustiert werden muß, wie man etwa das Präparat unter einem Mikroskop öfters verschiebt, ehe alles scharf und sichtbar ist. Diese Methode des Nachjustierens läßt sich gut an einem scheinbar simplen "mittwoch" zeigen, die Abläufe sind genormt und scheinbar klar, aber genauso genommen ist alles unklar.
"bitte arbeiten sie bis 14 uhr schriftlich / den unterschied heraus zwischen uns & / den anderen." welchen unterschied. welche / anderen. wieder ein typischer montag. (47)
Selbst Wörter können sich nicht entscheiden, was sie letztlich sein wollen, "die schwaeine liegen festgefroren am see" (43) Selbstverständlich ist beides möglich, elegante Schwäne und fette Schweine, die Verknüpfung der beiden läßt eine wichtige Requisite für eine Winteroper entstehen.
Die Hauptthemen sind in fetter Schrift in den Textablauf eingetragen:
# ruhiges hinterland # erwerbsbiographien # stadt karten
Ironisch ist diesen lyrischen Clustern jeweils eine Tafel aus einem Geflügeltryptichon vorangestellt, Geflügel bedeutet hier neben Federvieh von Engeln auch Material von Flügelaltären.
Die drei Themen kann man wie einen Flügelaltar ablesen und sehend abarbeiten. Dem "ruhigen hinterland" - zumeist bestehend aus devastiertem Gelände, aufgelassenen Bahngrundstücken oder einfach Partikeln für einen starken Heimatroman - stehen die "stadt karten" gegenüber, Flächen, die vorgeben, einen Sinn zu haben oder einem kurzfristig gewollten Design entsprungen zu sein.
Und in der Mitte dieses Flügelaltars voller Normalzeit sind sogenannte Erwerbsbiographien eingespielt, Stellenbeschreibung, Rechenzentrum, oder eben einfach öde Fläche an einem Arbeitstag.
Natur, Kartographierung und Oberflächennutzung bestimmen die Gesellschaft, in der sich Abermillionen unauffällige Erlebnispixels versammeln und wieder zerstreuen.
Die einzelnen Gedichte halten sich vorerst an eine konventionelle Sprache, wie wir sie aus Chroniken oder kleinen Newsletters kennen. Durch die lyrische Verstrophung - meist sind es impulsive Zweizeiler, dann wieder auch glatt gebürstete Vierzeiler und manchmal verklumpt der Text zu einem schweren Block - entfalten diese Alltagsnachrichten einen lyrischen Sound. Die Texte sind mit Andockstellen für Musikalität ausgestattet, und aus den weit schweifenden Klimmzügen der Augäpfel entspringt auf jeden Fall eine Ballade der Normalität.
Der Hinterhof entwickelt sich zusehends zum Zentrum, das Nürnberger Reichsparteitagsgelände, scheinbar ungenutzt, mutiert plötzlich zum idealen Naherholungsgebiet. Überhaupt kippt der Nutzen ständig in Abfall, aus dem mühsam konstruierten Sinn fällt mit einer kleinen Drehung des Satzes die pure Absurdität.
Die Gedichte sind höchst speedy gearbeitet, oft werden Konsumgüter und Zitate schnell aneinander gereiht in der Hoffnung, daß die Unsinnigkeit der einzelnen Partikel dann doch noch einen höheren Gesellschaftssinn ergibt.
Gerald Fiebigs "normalzeit" ist natürlich höchst außergewöhnlich, seine Lyrik ist spannend, unterhaltend und verständlich, und das ist alles andere als normal.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]
Leseprobe I Buchbestellung 0911 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Helmuth Schönauer