Norma Desmond von Marlene Streeruwitz, 2002, S. FischerNorma Desmond.
Erzählung von Marlene Streeruwitz (2002, S. Fischer).
Besprechung von Frank Tichy aus Kultura-Extra, Berlin, Mai 2003:

Leben und Dasein - eine Gegenüberstellung

Als Angehöriger des 21. Jahrhunderts wird es einem schwer fallen, emotionsgeladene Roboter und Computer, Männer und Frauen, die zum Einen reichlichst mit Geschlechtsorganen ausgestattet sind und zum Anderen ein Alter von über 300 Jahren erreichen können, sowie schließlich die Protagonistin „Norma Desmond“, die nach Einnahme eines geheimnisvollen Mittels (na ja!) mit ihrem Gespielen David zusammen, zu Kindern mutiert, sonderbarste, unter anderem immer wieder aufs Neue höchst verwundernde Daseinsformen enthaltende Welten durchreist, in einem Atemzug zu nennen. Das wird sehr wahrscheinlich daran liegen, dass die genannten Bruchstücke an sich und die Aneinanderreihung dieser erst recht das sprengen, was eben jener Angehörige des 21. Jahrhunderts nicht nur als „normal“, sondern vor allem auch als „normal ungewöhnlich“ ansieht.
Es mag aber auch damit zusammenhängen, dass die Aufzählung lediglich ein Versuch sein kann, dem neuen Buch der österreichischen Autorin Marlene Streeruwitz, „Norma Desmond“, eine Inhaltsangabe abzugewinnen. Mit anderen Worten, die Aufzählung hat ein „außergewöhnlich ungewöhnliches“, nämlich ein inhaltloses oder auch inhaltüberladenes Ergebnis. „Norma Desmond“ scheint bewusst sinnlos zu sein. Auf nur 96 Seiten werden Skurrilitäten, die im 24. Jahrhundert offensichtlich alltäglich sind, in einer solch irrwitzigen Fülle aneinander gereiht, dass nicht nur die Zusammenhangslosigkeit, sondern auch die massive Überzeichnung von Erfindungen und Gestaltungen dieser die kühne Novelle unverkennbar als Parodie dessen, was Marlene Streeruwitz für Science-Fiction hält und wohl größtenteils (noch immer) Science-Fiction ist, entpuppen.
Das Aufzeigen von Episoden, die nicht die Überschrift „Leben“ tragen können, ist gelungen, und besonders die damit einhergehende Kritik, die individualitätsbestimmende Genetik beeinflussen zu wollen, ist unüberhörbar. Dass zu diesem Zweck die Mischung aus Übertreibung, Andeutung, Verwirrung und Wiederholung - was die Verträglichkeit angeht - angemessen (über-)dosiert ist, darf trotzdem nicht darüber hinweg täuschen, dass die Skizze der gesamten Szenerie nur angedeutet bleibt. Dies kann nicht als „bewusst sinnlos“ durchgehen!

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