Nonfiction.
25 Essays von Marcel
Beyer (2003, DuMont).
Besprechung von Sven Hanuschek in der Frankfurter Rundschau, 15.10.2003:
Wasserstand im dunklen Gelände
Ohne große Erklärungen: "Nonfiction"
- 25 Essays von Marcel Beyer aus sieben Jahren
Marcel Beyer hat seine Reden, Aufsätze und
Essays zu einem Buch zusammengefasst, 25 Texte aus sieben Jahren unter dem Titel
Nonfiction. Das Selbstbild, das sich aus diesen gemischten Beiträgen
ergibt, ist nicht ohne Pathos: Hier ist einer, der meint es ernst mit der
Sprache und mit seiner Literatur. Er versucht, sie aufrecht zu erhalten als ein
Reservat für erhabene Gedanken in erhabenen Tonfällen, tritt ein für das
Primat der Ästhetik, schöpft aus vergangenen Avantgarden, aus der frühen
Moderne und vor allem dem Nouveau Roman.
Das ist alles mit großem Ernst vorgebracht, es soll kein Spiel sein mit der
Kunst, bezeichnenderweise bezieht sich Beyer eher auf Michel
Leiris denn auf Raymond
Queneau, die Avantgarde soll keinen Spaß machen. Er attackiert billige
Symbole und verteidigt Wortmagie, als gäbe es nicht auch billige Magie und
komplexe Symbole. Er polemisiert gegen die Inkompetenz der Leser, kaum jemand könne
heute noch Lyrik adäquat lesen; und das verbreitete bloß stoffliche Interesse
ärgert ihn. "Man verzweifelt an der Form, nicht am Stoff", hat er in
einer Dankesrede zum besten gegeben.
Politische Schriftsteller im herkömmlichen Sinn interessieren ihn nicht,
freilich sagt er nie, wen er damit meint, sondern feuert pauschale Breitseiten
gegen die politische Literatur der 70er und 80er Jahre, die Jahre seiner
Lesesozialisation, darf wohl ergänzt werden. Explizit lässt er sich auf Peter
Weiss' Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt ein: Wie kann
ein Autor, der fast ästhetizistisch begonnen hat, den Beyer in seinem ersten
Roman Menschenfleisch (1991) benutzt hat und den er schätzt, wie er
nicht müde wird zu betonen, wie kann ein solcher Autor sich so über Sprache äußern:
"Die Wahl der Sprache, die ich benutze, hat nur handwerkliche Funktion. Ich
wähle die Sprache, die ich am besten beherrsche." Eine Art Sprachverrat für
Beyer, befremdlich, als werde "Beton gegossen von Leuten, die gar nicht
wissen wollen, was Beton ist".
Wenn Marcel Beyer in den Texten seiner Sammlung stringent argumentieren würde
wie skizziert, dann wäre hier von einem höchst ehrenwerten und höchst
sterilen Autor zu berichten. So einfach ist die Sache nicht, vielleicht ist die
Skizze selbst ein bisschen polemisch gewesen. Beyers Roman Flughunde
(1995) war ein großer Wurf, der einzige Fall von Literatur um
Nationalsozialismus und Holocaust herum, in dem die Fiktion erhellender ist als
das Dokument; der Lyriker Beyer (Junge Hunde, 1997; Erdkunde,
2002) ist von Thomas Kling zum "noch vor Grünbein bedeutendsten Lyriker
der 60er-Jahrgänge" gekürt worden. Nonfiction ist immer wieder auf der Höhe
dieser Arbeiten, die ihren Verfasser bekannt gemacht haben; die Sammlung gewinnt
ihren Reiz gerade aus den Brüchen, aus dem Denken in Widersprüchen. Er hat
andernorts beschrieben, wie er sich für Flughunde von der Frage der
Organisation des Materials wie auch von ästhetisch vorgefassten Modellen
befreien musste, in mehreren Fassungen, bis die Niederschrift "endlich ohne
jede erzähltheoretische und poetologische Überlegung ablief". Es klingt,
als polemisiere er gegen seinen eigenen Roman, wenn er in Nonfiction
schreibt, "Texte mit spektakulärem Inhalt sind mir in gewisser Weise von
vornherein suspekt"; allerdings hat er sich nie nur auf den fesselnden
Stoff verlassen.
Beyer ist vielfältig beeindruckbar, zum einen
durch Literatur; seine Sondierungen auf dunklem Gelände, das er nicht scheut -
von Mandelstam zu Celan,
Eliot und Heaney
bis zu Kling - legen
beredtes Zeugnis ab. Zum anderen schöpft er immer wieder ganz offen aus dem
eigenen Leben. Immer wieder heißt es "ich" und ließe sich wohl als
leiser Narzissmus missverstehen, wäre dahinter nicht ein permanenter Zweifel
sichtbar - bin ich das schriftlich fixierte, gar veröffentlichte Ich noch? Wird
es mir nicht zur literarischen Figur, zu etwas Fremdem, Zweifelhaften?
Im längsten Beitrag des Bandes führt Beyer wie nebenbei diesen Komplex vor,
dem Wasserstandsbericht aus seinem Wohnort Dresden, kurz vor der Überschwemmung.
"Das erste Mal in meinem Leben bin ich Augenzeuge", heißt es, und er
möchte beharren auf seinem beruflichen Ethos: Besonders sei nicht die
Erfahrung, die er gemacht habe, sondern dass er in Sprache arbeiten könne
damit. Gleichzeitig ironisiert er diese Haltung wieder, eine Überschwemmung sei
schließlich kein Schriftstellerseminar, und verlegt sich auf die Beschreibung
der beschränkten Sicht von Augenzeugen, auf die auseinander fallenden
Wahrnehmungen vor Ort und in den Medien.
Im Fernsehen lässt man ein Amateurvideo schon einmal schneller laufen, um des
dramatischen Effekts willen, ästhetisiert die Katastrophe durch Filmaufnahmen
aus dem Helikopter, stellt künstliche Dokumente her mit einer einzigen
Botschaft: Die Katastrophe ist nicht hier, wir haben Distanz zu ihr. Keine
Wahrnehmung reicht aus; die Authentizitätserfahrung verbürgt wenig; kann es adäquate
Darstellungsformen geben? Dass Beyer keine Antwort hat, macht seine Grübeleien
überzeugend.
Was den Lyriker so bemerkenswert gemacht hat, die Originalität der Wahrnehmung,
seiner Assoziationen, der Eindruck von Härte und Kargheit in der Sprache -
etwas davon macht auch die Reden zu Preisverleihungen zu bemerkenswerten
Selbstverständigungen. Er reflektiert über zwei Sätze aus Uwe
Johnsons Jahrestagen ("Schweigen ist unmöglich." -
"Die guten Leute sollen das Maul halten.") und lässt aus ihnen das
spezifische Spannungsfeld zwischen Schweige- und Antwortgenerationen im Umgang
mit dem Dritten Reich entstehen. Beide haben ihre Aporien.
Beyer kommt hier ohne große Erklärungen aus, ob der Text Generation Achtzig nun buchstäblich reportagehaft genommen werden soll, ob er ein literarischer Alptraum ist, wird nicht offengelegt. Das ist wohl der größte Vorzug von Nonfiction: Nichts wird wirklich zuende erklärt und zu Tode referiert, wer das möchte, muss es schon selber tun.
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