1.) - 2.)

Noll.
Roman von Nina Jäckle (2004, Berlin Verlag).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 21.7.2004:

Wie das wohl ist
Skizzenhaft, kenntlich: Nina Jäckle folgt einem Sterbenskranken

Ein Mensch stirbt. Noch sitzt er am Tisch, räumt die Wohnung auf und geht ans Telefon. Aber dabei stirbt er bereits, weil all dies ein Abschiednehmen ist. Ein Regeln letzter Dinge. Ein Aufhören. Am Tag nachdem das Buch einsetzt, an einem Dienstag um sechzehn Uhr, wird Arnold Schrader, genannt Noll, sein Leben beenden. Es ist ein selbst, aber nicht frei gewählter Termin. Noll ist seit Jahren krebskrank, seinen Tod zu verschieben, würde er nicht lange überleben. Nina Jäckle, die mit Noll ihr zweites Buch vorlegt, beobachtet den Scheidenden mit respektvoller Verwunderung. Sie lauscht seine Erinnerungen ab, beschreibt die Handgriffe des letzten Tages, aber wagt über die dazugehörige Befindlichkeit nur zu spekulieren: "Wie das wohl ist für einen, der den letzten Augenblick gesetzt hat, wie man einen Punkt setzt, nach dem beendeten Satz. Wie das wohl ist, wenn einer geht."

Ein stimmungsvoller Text, mehr eine Ballade als ein "Roman", vor allem des musikalischen Aufbaus wegen, der rhythmischen Wiederaufnahme und Variation von Handlungen, sprachlichen Wendungen und Lebensmotiven. Nach 126 Seiten hat man von einer Einsamkeit erfahren, die es schon in der Kindheit gab. Und von einer Herkunftsfamilie, die gewohnt war, sich unter die Halbwahrheit ihres Wohlstandsmythos' zu ducken: Nolls Großvater hatte sich am Ende des zweiten Weltkriegs den Zeigefinger abgehackt, um mit seiner Familie gen Westen fliehen zu können. Wie er es in Polen zuvor zu Geld gebracht hatte, wagte nach der regelmäßigen Schilderung der blutigen Details dieser Selbstverstümmelung weder Ostern noch Weihnachten je einer zu fragen.

Man hat auch von Nolls Versuch einer Verweigerung erfahren, von Monaten, die er als junger Mann in einem spanischen Dorf in einer Bauruine mit einem verwirrten Alten zubrachte, bis dieser starb. Von seiner Rückkehr nach Deutschland, der Aufnahme und späteren plötzlichen Kündigung einer Schreibtischarbeit, von seiner Krankheit schließlich, den Therapien. Skizzenhaft, aber kenntlich.

Nina Jäckles Noll ist ein stiller Mann in seinen Fünfzigern, der stets bemüht war, sich irgendwie zu entsprechen, aber selten das richtige Wort fand, so dass sich die Dinge meist von selbst erledigten. Das Sterben jedoch gestaltet er bewusst. Er legt einen Todestag und die Uhrzeit fest, sortiert, was zu sortieren ist, kündigt, was zu kündigen ist, wählt Musik aus, dann geht er zu seinem Auto, setzt sich hinein und startet den Motor, ohne das Garagentor zu öffnen.

Dass es so abläuft, ablaufen wird, abgelaufen ist, kann man am Ende jener 126 Seiten nur ahnen. Aber an diesen ersten schließt sich ein zweiter Teil an, der sich bis Seite 193 zieht, und in dem erfährt man es dann ganz genau. Und nicht nur das. Man erfährt auch, dass die Autorin keineswegs selbst diejenige gewesen sein will, die im ersten Teil so vorsichtig um das Sterben Nolls kreiste.

Die fragende Erzählstimme wird vielmehr als die einer Versicherungsangestellten (de)chiffriert, die diesen Tod als Akte auf den Tisch bekam und, des Immergleichen müde, beschloss, in diesen faktisch eindeutigen Fall (Selbstmord, daher keine Zahlungspflicht!) gegen alle Notwendigkeit hineinzutauchen und schließlich darüber zu schreiben. Gesprächsprotokolle mit der Mutter, der Schwester oder der Freundin folgen. Besser, nach dem ersten Teil aufzuhören, der der Autorin oder ihrem Verlag vielleicht zu ungedeckt und ungefähr, zu kleinformatig und zu wenig Ich-haltig war. Gerade das aber ist ja das Schöne daran.

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2.)

Noll.
Roman von Nina Jäckle (2004, Berlin Verlag).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit, 11.11.2004:

Das Ende als Schleife
Nina Jäckles minimalistisch ausschweifender Roman »Noll«

Alles ist vorbei. Der Mann ist tot. Damit geht es los. Doch handelt es sich nicht um einen Kriminalfall noch um ein Psychodrama, sondern nur um einen Versicherungsfall. Ein kleines Rätsel, das große Fragen aufwirft.

Die Anlage des Romans wirkt, auf den ersten Blick, eher simpel, erweist sich aber, in der Folge, als ziemlich vertrackt. Zu lesen ist das Buch ganz leicht, nur schwer zu beschreiben.

Alles ist Innen-Raum. Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt wird aber nicht als Sprachspiel entfaltet, sondern als eine existenzielle Reduktion vorgeführt. Der Grund lässt sich, in der ganzen Radikalität dieses Entwurfs, erst am Ende erkennen. Auf diese Weise baut die Autorin, dramaturgisch geschickt, Spannung auf. Die Vorgeschichte wird nämlich erst nachgeliefert.

»Wie das wohl ist für einen, der den letzten Augenblick gesetzt hat, wie man einen Punkt setzt, nach dem beendeten Satz. Wie das wohl ist, wenn einer geht.«

Das ist die Ausgangslage. Das ist die Ausgangsfrage eines gewissen Noll, der eigentlich Arnold Schrader heißt. Der Mann ist 58 Jahre alt, lebt schon seit längerem allein und hat eine langwierige Krebstherapie, offenbar erfolglos, absolviert. Seine Situation scheint aussichtslos. Deshalb beschließt er, solange er noch dazu fähig ist, »diesen Punkt« selbst zu setzen. Nur was dieser »Punkt« eigentlich bedeuten soll, anfangs völlig unklar, wird erst im Fortgang allmählich deutlicher.

»Dann, wenn es so weit ist, denkt Noll jetzt, und er sitzt an dem Tisch in der Küche, dann, das umfasst vieles mehr als nur diesen einen selbst gewählten Augenblick, morgen sechzehn Uhr, den man gesetzt hat, wie man einen Punkt setzt, nach dem beendeten Satz.«

Das alles klingt sehr nüchtern. Tatsächlich wird fast spröde erzählt, ja eher, scheint es, eine (blutleere) Gedankenwelt abgebildet. Es wirkt wie ein Experiment. Diese Anlage erweist sich als Trick.

Noll ist das zweite Buch der Autorin. Nina Jäckle wurde 1966 in Schwenningen am Neckar geboren und lebt jetzt in Berlin. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie den schmalen Erzählungsband Es gibt solche, der mit viel Lob bedacht wurde. Auch in diesen Erzählungen nutzte sie ein vergleichbares Verfahren: verzichtete auf die sinnliche Präsenz der Außenwelt zugunsten einer schärferen Konturierung der Innenwelt. Diese Verfahrensweise wird jetzt in Noll noch weiter vorangetrieben. Weil es um einen Toten geht? Weil es um den Tod geht?

Nein, weil der Raum so eng eingegrenzt ist. Jede Transzendenz ist ausgespart. Und alles Fragen. Noll beschäftigt sich nicht mit dem Sinn seines Lebens. Er spekuliert nicht darüber, was danach kommen könnte. Er arrangiert seinen Abgang. Und er handelt, genau nach Plan. Bis zum Nachmittag, 16 Uhr.

Dann, nach gut zwei Dritteln des Buches, kommt die Überraschung. Ein Perspektivwechsel. Erst die Innenwelt, die Gedanken des Selbstmörders vor seiner, halb vertuschten, Tat. Jetzt die Außenwelt der Innenwelt. Die Sicht der Versicherungsangestellten Sonia auf den Fall Arnold Schrader.

Schrader wurde, von den Abgasen eines Autos vergiftet, in seiner Garage gefunden. Ob Unfall oder Selbstmord, lässt sich nicht klären. Damit scheint alles nach – seinem – Plan gelaufen. Oder doch nicht? Sonia, die Versicherungsfrau, versucht, das Rätsel dieses Todes zu lösen. Und zwar vor allem dadurch, dass sie sich fragt: »Wie das wohl ist für einen, der den letzten Augenblick gesetzt hat, wie man einen Punkt setzt, nach dem beendeten Satz. Wie das wohl ist, wenn einer geht.«

Mit dieser Frage, siehe oben, begann das Buch. Der erste Teil beschreibt nämlich nicht, wie es schien, die Innenwelt des toten Noll, sondern Sonias an ihn herangetragene Vermutungen. Damit erklärt sich die eher unsinnliche, vermeintlich blutleere Darstellung.

Die erstaunliche Tatsache, dass im ersten Teil des Buches alle Transzendenz, jede Sinnfrage ausgespart bleibt, erklärt sich daraus. In dieser Schleife erklärt sich zugleich, dass jeder Versuch, einen Tod mit Sinn auszustatten, ins Leere läuft. Auf die berühmten letzten Fragen gibt es eben keine Antwort mehr. Aus dem Ablauf eines Geschehens lässt sich kein Sinn ableiten. Trotzdem versuchen wir es immer wieder. Notwendigerweise. Eine endlose Schleife, die immer wieder zum Ausgangspunkt zurückführt. Siehe oben.

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