nihilum album von Oswald Egger, 2007, Suhrkampnihilum album.
Lieder und Gedichte von Oswald Egger (2007, Suhrkamp).
Besprechung von Michael Braun aus der Frankfurter Rundschau, 27.6.2007:

"nihilum album" Diese zarte Stofflichkeit
Oswald Egger stanzt kunstvoll

Es ist schon wieder zweihundert Jahre her, dass ein hochberühmter Waldspaziergänger ganz absichtslos "vor sich hin" ging und sein einziges Programm angeblich darin bestand, "nichts zu suchen". Aus der scheinbaren Ziellosigkeit des Gehens im Wald destillierte dieser Spaziergänger, der späte Goethe nämlich, in seinem Gedicht "Gefunden" dann doch eine Lektion über das Kultivieren gefährdeter Liebesgefühle. Wenn sich nun der Südtiroler Sprachmagier Oswald Egger auf den Weg macht, um "quer durch alle Felder" und "über den Wald" zu gehen und dabei ein "Sing-Silben/syntaktisch / wiegendes /Kling-Lied" anzustimmen, dann visiert er als Zielpunkt ein "Nichts" an, das aus den Denkfiguren der Mystik stammt - das "weiße Nichts", das "nihilum album".

Wer ein Physikalisches Wörterbuch konsultiert, wird belehrt, dass als "nihilum album" auch die weißen Flocken bezeichnet werden, die bei der Verbrennung von Zink entstehen, die "philosophische Wolle" der "Zinkblumen". Man befindet sich also wieder einmal in der Kernzone der Eggerschen Dichtung: in einer unendlichen Reflexion über Sprache, Mystik und über die zarte Stofflichkeit von Natur-Elementen.

Was 1993 mit seinem Debütbuch "Die Erde der Rede" begann, das in wesentlichen Teilen in lateinischer Sprache abgefasst war, hat Egger in unerschöpflicher Worterfindungskraft fortgesetzt - den stetigen Ausbau eines "Alphabet-Gartens", in dem ganze Pflanzungen seltsam flirrender Natur-Vokabeln angelegt sind. In einem Essay hat Egger einmal die Kompositionsform seiner Gedichte mit "Klöppelbriefen" verglichen: Tatsächlich entsteht aus dem beständigen Flechten, Knüpfen, Schnüren und Verweben von Wörtern und Wortpartikeln ein zaubrischer Natur-Kosmos.

Bislang hatte Egger als Kompositionsform das zyklisch angelegte Groß-Poem gewählt. Nun hat er seit einiger Zeit das "Kalendergedicht" entdeckt und mit ihm den Reiz mathematischer und zahlenmystischer Strukturbildung, die er wie einst Novalis als poetisch grundlegend für das "Verhältnisspiel der Dinge" empfindet. In seinen kürzlich mit dem Huchel-Preis ausgezeichneten "Kalendergedichten", die eigenwillig dem Verlauf eines Monats folgen, verschwindet das lyrische Subjekt fast hinter den dicht geflochtenen Wort-Agglomerationen, die durch die Wucherungen vegetabilischer Welten führen. Am Ende dieser "Kalendergedichte" kommt es dann zu einer hinreißend inszenierten unio mystica: Während sich das lyrische Ich von den Düften und Geräuschen "im Talwald" begeistern lässt, verzweigt sich "der Lock-Ton einer Klopf-Amsel" in vielfältigsten Echo-Effekten - ein kleines Meisterstück poetischer Synästhesie.

Die Vorliebe für die mathematische Gliederung poetischer Textbewegungen manifestiert sich nun auch im neuesten Werk Eggers, dem "nihilum album", das nicht weniger als 3650 Vierzeiler feilbietet, zehn kleine Stücke pro Tag eines Jahres.

Mit der Kühnheit des sprachbegeisterten Poeten qualifiziert Egger seine Vierzeiler als "Lieder". In einer knappen Nachbemerkung beruft er sich sogar auf die traditionell volkstümliche Liedform der Stanzen. Es erwarten einen aber ganz andere Vierzeiler als jene populären "gschdanzeln", die in der österreichischen Provinz eine enorme Karriere erlebt haben und die von Ernst Jandl 1992 in seinem sarkastischen Band "stanzen" wieder belebt worden waren.

Oswald Egger verfolgt erwartungsgemäß keine popularisierenden Absichten, sondern macht daraus eine virtuose, aber auch riskante Kunstübung. Er hat seine Stanzen mit unterschiedlichsten Sprachgesten aufgeladen - einerseits mit dem Gestus des emphatisch-romantischen Sängers, der sich die Natur in einem Akt der Verschmelzung aneignen will, andererseits mit seinen kryptischen Worterfindungen. Es gibt aber auch ein Moment der ironischen Selbstbezüglichkeit, mit dem das Ich den Versuch des Gesangs konterkariert: "Ist mein Summen / unschön? sind / Wolf und Vogel / Moosbeeren?"

Was hier in entschlossener Systematik in vierzeilige Poeme gesetzt wird, will als "Erdsprache / (die mit leeren / Worten singt)" gelten - eine "Erdsprache", die aber fortwährend den Ton und die Sprechhaltung ändert und sich eben auch heiter-groteske Wortarabesken gestattet. Dabei fällt sich Egger selbst gern ins Wort und löst die aus jeweils zehn Stanzen bestehende Stropheneinheit regelmäßig auf. Immer wieder wechselt er abrupt zwischen romantischem Liedton und ekstatischer Wortballung, dabei offenbart sich eine gewaltige Fallhöhe.

"Ich wart auf / dich, im Wind gekrümmt / und sing fast / fünfzig Lieder": So hebt manche Stanze im hohen Ton an, um im nächsten Moment am Rätsel-Geflecht frei erfundener Naturvokabeln weiterzuweben. Das sind dann Stanzen als reine Klangkörper: "Wolsch-Frucht / wurzeln graffen / Schlier-Trucht / aber Ychtratz". Oswald Egger bleibt mit dem "nihilum album" der originellste lyrische Wort-Alchemist der Gegenwart - aber sein Gedicht "im Flüstern der Zeder" können wir nicht immer verstehen.

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