Nie
verliess ich den Hügelring.
Lyrik von Johannes
Kühn (2001, Gollenstein).
Besprechung von Matthias
Kehle bei Amazon:
Johannes Kühn gehört zu eigenwilligsten und konsequentesten Dichtern
deutscher Sprache. Nie hat er sich dem Großstadtleben ausgesetzt, nie hat er
große Elegien geschrieben oder die Sprache zertrümmert, um sie neu zusammen zu
setzen. "Nie verliess ich den Hügelring", heißt sein neuer
Gedichtband, und dieser Titel charakterisiert sowohl Johannes Kühns Leben als
auch seine Gedichte.
Sanfte Hügel, dazwischen einige Dörfer, vielleicht ein Bach: Fährt man quer
durch Deutschland, so hat man den Eindruck, dass dieses Bild typisch ist für
dieses Land. Hasborn ist eines der vielen tausend Dörfer, der Schaumberg einer
der vielen tausend Hügel. Das Leben in Hasborn, die ziellosen Spaziergänge,
das Unverständnis der Dorfbewohner, das dem Dichter Johannes Kühn entgegen
schlägt - das sind seit jeher seine Themen. Nachdem Kühn über zehn Jahre
verstummt war, ist er produktiver denn je. Die etwa 120 Gedichte des neuen
Bandes sind innerhalb von zwei Jahren entstanden, und wieder wurde der Band von
Irmgard und Benno Rech zusammengestellt und herausgegeben, denn Johannes Kühn
hat wohl genug damit zu tun, die Gedichte zu schreiben.
"Hasborn" heißt denn auch eines seiner Gedichte. "Mir blieb
Landbegeisterung im Blut./ Jedes Jahr noch lebe ich die Frühlingssehnsucht/
nach der Winterpracht mit den weißen Wolkenlocken,/ ja, des Sommers Mohnzeit/
und die Herbstbeglückung/ blühn mir." Zur Heimat des Dichters Johannes Kühn
gehören aber auch markante Besonderheiten, etwa ein Hügelgrab oder ein „Scheunenabriß“
- „Der deutsche Kaiser,/ Napoleon und Hitler/ hatten hier/ für ein paar Tage/
Soldaten wohnen/ und haben/ bis heute nichts gezahlt.“ Diese Besonderheiten
heben den Ort und die Landschaft lyrisch aus den vielen tausend nicht besungenen
deutschen Orten und Landschaften heraus.
Eine leise Ironie und Altersweisheit hat sich in die lakonischen, äußerst
schlichten Zeilen geschlichen, etwa wenn Johannes Kühn sich in einer
"Neubausiedlung" umsieht: "Neu die Farben, neu! Sie winken der
Sonne,/ stärker zu scheinen...", und ein bisschen ist Johannes Kühn auch
ein fröhlich spottender Narr: "Einrichten/ wird das Ehepaar sich hier für
hundert Jahr/ mit drei frohen Kindern... Ein Sonnenschein soll sein/ wie aus
ewgem Leben." Doch vor allem interessiert sich Johannes Kühn für Flora
und Fauna: Da ist die Brombeerhecke, die er en Détail beschreibt - "Ihr
Bild gerät mir weit hinter die Netzhaut" oder die "Schwalbe,/ kleine
fliegende Finsternis/ mit dem Mondstreif..." Johannes Kühn findet durch
sein beiläufiges Sprechen über die (keinesfalls unbeschädigte!) Natur teils
karge, teils subtile Bilder von ergreifender Schönheit; die Landschaft brennt
sich dem Leser ebenfalls "weit hinter die Netzhaut."
"Ich brauche nicht über mein Leben zu sprechen, weil ja alles in den
Gedichten steht" - so das Motto am Anfang des Gedichtbandes. Johannes Kühn
wurde teils sehr bewusst, teils wegen Krankheit zum Dichter und damit zum Außenseiter
in Hasborn, zum Störenfried. Für den Lyriker sind freilich andere "Störenfried":
"... er, als Wegnachbar, stört dich/ mit den Fragen/ was ich hier such,/
wie es mir geht,/ was ich da find,/ wem das gefällt,/ wem ich das lob,/ wohin
ich das erzähl,/ ob das was ist/ in der Heimatgegend,/ die doch nichts biete/
an Sehenswertem, sagt er und ist/ oft erlebter Störenfried/ einsamer
Wanderung."
Zunehmend thematisiert Johannes Kühn auch Krankheit und Alter: "Erzähle,
wie es anderen schon ergangen ist,/ und wie sie litten,/ Unzählige./ Beweg den
Tag in meine Näh,/ an dem ich aufersteh,/ gesund und prächtig,/ mit allen
Sinnen heil." Klage, Ironie und Daseinslust bestimmen diese Gedichte:
"Füll dir das Aug/ mit Sonntagen,/ füll die Gläser mit Weinsorten,/
vielen, bunten,/ schlepp mit Rückgrat und Beinen/ dein kurzlebiges
Fleisch..."
Walter Helmut Fritz zitiert in einem Gedicht den italienischen Maler Morandi:
"... ich habe das Glück gehabt, ein ereignisloses Leben zu führen."
Dieses Glück scheint auch Johannes Kühn zu haben, denn in dieser scheinbaren
Ereignislosigkeit gelingen ihm wunderbare Gedichte wie sonst kaum jemanden.
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Leseprobe I Buchbestellung 0204 LYRIKwelt © Matthias Kehle I Amazon