Nico - Sphinx aus Eis.
Monolog von Werner Fritsch (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Wolfgang Lange in Neue Züricher Zeitung vom 19.04.2005:

Nicos Schwanengesang
«Sphinx aus Eis» - Werner Fritschs Legende vom einsamen Mädchen

Für «Vogue» und Coco Chanel war sie als Fotomodell tätig, von Federico Fellini wurde ihr in «La dolce vita» eine Nebenrolle eingeräumt, Andy Warhol kürte sie zum «Superstar» und drängte sie Velvet Underground als Sängerin auf, obgleich sie nicht einen Ton zu halten verstand («bizarr und verschwiegen» sei sie, «geheimnisvoll und europäisch, ein richtiger Mondgöttin-Typ»), mit John Cale schliesslich führte sie «Das Lied der Deutschen» auf und widmete es 1978 Andreas Baader («Von der Maas bis an die Memel . . .»). Als sie zehn Jahre später auf Ibiza starb - von einem Herzinfarkt ereilt, beim Fahrradfahren in sengender Sonne -, schillerte ihr finsterer Stern heller denn je am Firmament der Pop-Welt: Nico, alias Christa Päffgen, geboren 1939 in Köln, gross, blond, äusserst attraktiv - ein Mädchen vom Rhein, das von New York aus als «Ice Goddess of the Punk Underground» durch die Welt tourte.

Bob Dylan hat einen Song für sie geschrieben, Leonard Cohen auch, Marianne Faithfull ebenso wie Jackson Browne und Iggy Pop. Jetzt hat Werner Fritsch sich der Legende vom «traurigen einsamen Mädchen» angenommen und sie in Verse gesetzt: «Nico - Sphinx aus Eis». Sehr deutsch. Ein Monolog in lyrischer Prosa. Drei Akte oder Strophen. Wild, hochexpressiv, steil im Ton («Oh meine Zeit . . .»), zerrissen, delirant und morbid. Nicht ohne den einen oder anderen Absturz oder Ausrutscher ins Flache freilich, ins Triviale.

Fritsch weckt die Pop-Legende gleichsam von den Toten auf, stimmt, unterstützt durch diverse Zitate, ihren Schwanengesang an, lässt ihn aus dem Strassengraben aufsteigen, darin der «Superstar» ihr Leben aushauchte. «This is the end . . .» Wir werden Zeuge, wie Nico in den letzten Zügen liegt, vernehmen, was sie unmittelbar nach dem Infarkt gedacht, woran sie sich in ihrer Agonie erinnert, wovon sie geträumt haben mag. Literarisch ein heikles Unterfangen. Fritsch hat sich seiner professionell, will sagen mit Bravour entledigt.

«All tomorrow's parties im Totenreich». Es ist von Gott und der Welt die Rede, von Warhols Factory und Auschwitz, vom Pech, kein Mann zu sein, von «Ariiiiii», dem Sohn, der ihr lange schnurzegal war (zu viel Heroin im Blut), von der Beerdigung Ulrike Meinhofs, Unterhosen und «Stromstössen aus purem Jetzt», vor allem aber von dem amour fou, in den Nico Jim Morrison zu verstricken suchte - «jeder Schuss sein Kuss». Fritsch malt die Gerüchte um die beiden in den irr- und aberwitzigsten Farben aus. Am Ende geht es hinab ins Reich der Mütter. Deutschland, «Nibelungenland», mit Nico als Orpheus, Jim Morrison als Eurydike und Werner Fritsch als Paul Celan. - «Schwarze Milch meine Muttersprache / in der Mundhöhle Rauchpilze / aus Ruinen Apfelschimmel im Rauhreif / Meine Haut riecht wahnsinnig nach Weihrauch». Mehr als das braucht es zur Urteilsbildung nicht.

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