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Nichts als
Gespenster.
Erzählungen von Judith
Hermann (2003, S. Fischer).
Besprechung von Ina Hartwig in der
Frankfurter Rundschau, 31.1.2003:
Da ist es. Einige Redaktionen waren so
ungeduldig, dass sie sich über die Sperrfrist, die einzuhalten der Verlag
dringend gebeten hatte, hinwegsetzten. Wenn Judith Hermann ihr zweites Buch veröffentlicht,
will jeder der Erste sein. Von heute an liegt das Objekt der Begierde in den
Buchhandlungen, der Titel: Nichts als Gespenster. Knapp sechs Jahre sind
seit dem sensationellen, ans Unwahrscheinliche grenzenden Erfolg des Bändchens Sommerhaus,
später vergangen; Jahre, die die inzwischen zweiunddreißigjährige Autorin
genutzt hat, um ein Kind zu bekommen (Franz, ihm ist das neue Buch gewidmet),
die sie aber nicht genutzt hat, einen Roman zu schreiben - wie es insgeheim wohl
von ihr erwartet wurde. Wieder sind es Erzählungen geworden, sieben an der
Zahl, die das von irrem Erwartungsdruck begleitete Buch nun füllen.
Der Erfolg von Sommerhaus, später fiel in die Zeit des Berlin-Hypes, und
da die Erzählungen vornehmlich in und um Berlin angesiedelt waren, passten sie
ins Wunschbild. Hier bewegte sich eine elegisch gestimmte Generation von Tagträumern
in der gesamtdeutschen Hauptstadt so selbstverständlich, als hätte es eine
Mauer, als hätte es die DDR nie gegeben; Ost und West flossen im Dunst des
kollektiven Partygefühls einfach ineinander. Und alle (fast alle) waren
begeistert. Die Ortswahl der geborenen Westberlinerin hatte dem Band gewissermaßen
das historische, um nicht zu sagen das politische Salz eingestreut. Dem neuen
Buch fehlt diese Dimension. Nichts als Gespenster zerbröselt vor dem
Hintergrund einer frappierenden Erfahrungsarmut, die deshalb besonders scharf
ins Auge fällt, weil die Autorin ihre Protagonisten in die weite Welt
hinausschickt: nach Paris und Venedig, Reykjavík und Tromsø, Karlovy Vary und
Prag. Einmal geht es über den Atlantik.
Den Figuren stößt so herzlich wenig Interessantes zu, dass man es wiederum für
Absicht halten müsste - wenn da nicht die Titelgeschichte wäre. Während die
meisten Geschichten aus der Perspektive eines weiblichen Ich erzählt sind, ist Nichts
als Gespenster in der dritten Person gehalten, das bekommt dem Text gut.
Hier (und nur hier) tauchen Figuren auf, die ein echtes Geheimnis in sich
tragen, Buddy - ein kräftiger, trinkfester Bursche - und eine dicke Geisterjägerin,
Typ Freak. Ellen und ihr wortkarger Freund Felix begegnen ihnen zufällig, als
sie auf ihrer Amerikareise in einem Wüstennest in Nevada Station machen. Verströmt
die Geisterjägerin mit ihren kuriosen Plastikapparaturen bloß den Charme des
Abwegigen, wird Buddy allerhand Bedeutungsvolles aufgebürdet. Er wird Ellen und
ihrem Freund den entscheidenden Hinweis geben, als er ihnen in einer
durchzechten Nacht erzählt, es gebe nichts Schöneres, als seinem Kind
klitzekleine, perfekte Turnschuhe zu kaufen. Prompt hat das traurige Paar - man
hätte eine Trennung nach jener Reise für wahrscheinlicher gehalten - am Ende
der Geschichte ein gemeinsames Kind.
Alles, was dem wortkargen Felix fehlt, besitzt Buddy, Dominanz und
Unmittelbarkeit, und eben deshalb dürfen wir in Ellens imaginäre Beziehung zu
Buddy so viel wie möglich hineininterpretieren. "Auf eine unspektakuläre
Weise", heißt es für alle, denen es hätte entgehen können,
"scheint ihr Leben mit seinem verbunden zu sein."
Judith Hermanns Personal besteht aus überwiegend jungen Leuten, die vor allem
eines nicht wollen: etwas erreichen im Leben. Haben sie Erfolg - die meisten
haben keinen - wie die Schauspielerin Ruth aus der ersten Geschichte, dann
einfach so. Es scheint, als habe die Autorin einen Horror vor dem Familienroman,
vor psychologischer Literatur überhaupt. Ihre Protagonisten leben in den Tag
hinein, manche machen Kunst, andere studieren, meistens machen sie gar nichts.
Beziehungsweise sie trinken ziemlich viel, essen absichtlich ungesundes Zeug und
unterhalten sich aneinander vorbei in einer bemerkenswert steifen Sprache.
Bei dieser Art von Alltags-Zen ist praktischerweise für das Materielle gesorgt.
Keiner beschwert sein Dasein mit Bildungsplunder. Und studiert jemand zufällig
"Germanistik in Tübingen", können wir sicher sein, nicht zu
erfahren, wovon die Magisterarbeit handelt. Gelegentlich liegt ein Gedichtband
in einer der vielen schick-kargen Wohnungen dekorativ herum oder jemand liest
Musil, das war's dann aber auch schon. Ansonsten gilt die Devise: Erst mal eine
rauchen.
Szenetalk und Psychogeplapper
Wenn alle Geschichten das Gleichgewicht zwischen Flüchtigkeit und Bedeutungsschwere, zwischen Gleichgültigkeit und Sehnsucht halten würden wie die Titelgeschichte, könnten die Liebhaber dieser Art von Literatur zufrieden sein. Doch im Innern der Erzählungen stimmt etwas nicht. Einerseits suhlen sich die diversen Tagediebe - heißen sie nun Jakob, Magnus, Micha, Sarah, Raoul, Jonina oder Lukas - in ihrer Entscheidungsunlust oder Resignation, andererseits werden sie in einen suggestiven Sog von Intensität gezogen: Es ist nichts da, und doch soll viel passieren. Insofern wäre es auch falsch zu behaupten, Judith Hermanns Prosa verfahre antipsychologisch. Was passiert (oder passieren soll), hat meist erotischen Charakter; wäre ja auch merkwürdig, wenn bei der vielen Tagedieberei sich die Libido nicht melden würde."Die Hand, die sich in meinen Hosenbund
schob, war kühl und erstaunlich selbstverständlich, so selbstverständlich,
dass ich mich - eine Sekunde lang seelenruhig - ihrer Berührung hingab, bevor
ich mich eindeutig entzog." Seltsam, diese Mischung aus Szenetalk und psychobabble
- ganz schön unpoetisch. Die Hand, die sich hier "erstaunlich selbstverständlich"
versenkt, gehört einem unbekannten Venezianer, der sich auf der Rialtobrücke
an die Erzählerin herangepirscht hat. Am nächsten Morgen wird er in einem Café
hinter ihr Platz nehmen und seine Hand in der eigenen Hose versenken, während
die junge Frau, weil ihre Eltern neben ihr sitzen, nicht fliehen kann - oder
will. Tragisch!
Was sind das für Geschichten, die so süßlich-verruchte Titel tragen wie
"Ruth (Freundinnen)", "Zuhälter" oder "Die Liebe zu
Ari Oskarsson"? In fast jeder Geschichte kokettiert die Autorin mit dem
weiblichen Sich-selbst-ein-Rätsel-sein. Warum betrüge ich meine Freundin mit
ihrem Angebeteten? Warum küsse ich einen verheirateten Mann, wenn seine Frau
zusieht? Warum verliebt sich Jonina in Jonas um elf Uhr am Morgen? Warum fahre
ich zu Johannes, obwohl ich ihn nicht liebe, und warum bin ich eifersüchtig auf
die obszönen Briefe von Miriam? Was mache ich mit Peter zu Silvester in Prag,
obwohl ich doch Lukas will? Warum bleibt Ellen bei Felix, wenn er doch all das
nicht hat, was sie an Buddy anzieht? Der Sog, der von diesen Fragen ausgeht, ist
pornografischer Natur, auch wenn die dargestellte Sexualität prüde bleibt: ein
Trick.
Einiges bei Judith Hermann erinnert an Marguerite
Duras, sowohl die Fotogenität
des Gesichts als auch der Umgang mit Weiblichkeit und mit Sprache. "Es gab
keinen Zusammenhang zwischen den Ereignissen, die wilder Natur waren, es gab
also nie eine Planung. Es hat nie eine gegeben in meinem Leben. Nie. Weder in
meinem Leben, noch in meinen Büchern, nicht ein einziges Mal." Diese nur
noch am Kitsch vorbeischrammenden Sätze von Duras könnten auch von Hermann
stammen. Man erkennt dieselbe Verweigerung von Sinnhaftigkeit, dieselbe Neigung
zum pathetischen Nachklapp, dieselbe Geste des Ich-erinnere-mich. Aber dass
Frauen sich betrinken, dass sie Zigaretten rauchen und sich Männer nehmen,
hatte in den fünfziger, sechziger Jahren noch einen thrill. Heute ist
das Modell zum Lifestyle geworden.
Dem entspricht der magere, zum Teil unpassende Wortschatz, dessen sich Judith
Hermann bedient. Die Adjektive "körperlich" und "sexuell"
("Er sieht sexuell aus") oder das transitiv gebrauchte "mögen"
klingen im literarischen Rahmen einfach daneben: "Ich mochte Caroline. Ich
mochte ihre mädchenhafte, zurückhaltende Art, mit der sie dasaß, gegen ein
Uhr, todmüde, staunend über Owens und Martins Diskussionen über Sex und das Für
und Wider von One-Night-Stands" etc. Der Mangel an Esprit und Humor soll
offenbar ausgeglichen werden, indem immer mal wieder jemand in Lachen ausbricht;
dummerweise bleibt dunkel, warum. Regelrecht zur Weißglut kann einen die Leier
bringen, jemand oder etwas sei "schön": "Die Zigarette schmeckte
rauh und bitter und schön." "Ich fand mich ziemlich schön auf diesem
Foto", "die Musik war ganz schön". "Wenn sie lacht, ist sie
am schönsten", "was für eine schöne Geschichte über den
Abschied", "Sie hat einen schönen Vortrag gehalten". "Ich
lag neben ihm... und fand ihn immer noch schön." Eine relativierende, übergeordnete
Erzählinstanz gibt es nicht; das sind keine Zitate, die etwas demonstrieren
sollen. Naivität bleibt hier Programm, und der viel gerühmte Ton dieser
Autorin ist im Kern trivial.
Dass Judith Hermann vorletztes Jahr der renommierte Kleist-Preis für Sommerhaus,
später verliehen wurde, ist nicht ihr Fehler. Auch glaubt man ihr ohne
weiteres, wenn sie betont, die damit verbundenen Erwartungen hätten sie
belastet. Tatsächlich war dieser Preis so unangemessen, dass er ein merkwürdiges
Licht wirft; nicht auf die Autorin, sondern auf den Literaturbetrieb. Nun ist Nichts
als Gespenster bereits auf Platz eins der SWR-Bestenliste für Februar
angekommen. Das nennt man wohl vorauseilenden Gehorsam.
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***
2.)
Nichts als
Gespenster.
Erzählungen von Judith
Hermann (2003, S. Fischer).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger in der
NRZ vom 4.2..2002:
Sommerhäuser, Winterquartiere
"Nichts als Gespenster",
unvergleichliche Erzählungen von Judith Hermann
Man wird sehen, was kommt, sagte Peter." Dann sind sie über Silvester nach Prag gefahren. Doch auch das war bald Vergangenheit und also eine andere Geschichte. Die Zimmer sind verqualmt gewesen, und Geschichten hatten stets die anderen. Die Leute sind immer um die Dreißig und unverankert zwischen den Jahren. Getrunken wird viel und geredet dann auch. Manchmal ist es so zu Nähe gekommen. Zu einer Nähe, in der schon das Ende mitgeschwungen hat. Anziehung ist gleich Abstoßung. So ist dann später wieder eine Geschichte entstanden. Alles hängt mit allem zusammen und jeder mit jedem. Alles ist Fragment. Es herrschen die Zufälle. Berührungen sind Randerscheinungen, denn die Welt, in der man sich zu finden hat, ist größer geworden. Dies alles zusammen klingt nach Bilanz, und also wurde sehr schnell von einer neuen Generation orakelt. Doch was eine Generation war, wird man immer erst hinterher wissen.
Ein Riesendebüt mit 28 Jahren
Judith Hermann war 28, als sie 1998 mit "Sommerhaus, später" debütierte, mit neun recht kurzen Erzählungen im Taschenbuchformat. Die sind mittlerweile in gut einer Viertelmillion Exemplaren unter den Leuten. Hoch gelobt und viel gelesen, diese Kombination ist nicht gar zu häufig. Bald gab es ein Etikett mit der Aufschrift Fräuleinwunder für die Schreiberinnen unter dreißig. Eine zweite Judith Hermann gab es nicht, jedenfalls nicht ganz. Keine konnte in dieser Gelassenheit derart dicht Atmosphäre aus ganz leisen Schwingungen aufbauen. Keine konnte so neumodisch-unmodern um die Klischees herum schreiben. Dann hat sie vier Jahre geschwiegen, ist Mutter geworden, und jenseits der branchenüblichen Hast wuchs das zweite Buch.Das schreibt den Ton des ersten auf gleicher Höhe fort. Erzählungen sind es wieder, kein Roman, weil sich noch immer die Glücks- und Bedeutungssuche aus Partikeln zusammensetzt und nicht aus einem großen Entwurf.
Das Reisen ist die durchgehende Metapher aller sieben neuen Texte. Reisen ist Rückzug und Suche und ein Zwitter aus Weggehen-Müssen und Ankommen-Wollen. Alte Kinder treiben als Berlin-Flüchtige zu Plätzen, an die sie gehören möchten. Oder wo sie sich zumindest etwas besser in den Zufällen einrichten können. Ungenaue Distanzen und ungeklärte Verhältnisse, Sommerhäuser und Winterquartiere, Innenräume und vielleicht die eine oder andere Antwort. "Über den Coca-Cola-Gläsern standen Wespen, still, wie an Fäden aufgehängt. Etwas zog mir das Herz zusammen und verebbte dann wieder, ein kurzes Bewusstsein für die Beliebigkeit der Orte, des Lichts und der Zustände, unser schönes Leben ..." So könnte es sein. So ist es.
Würzburg oder Venedig rückt ins Bild, der hohe Norden und der tiefe Osten oder Austin/Nevada. Fast ist das egal. Wichtig ist, wen man trifft und ob das die innere Leere irgendwie füllt. Wichtig ist die Möglichkeit von Liebe. Es reicht nicht, alles vom Leben zu wissen. Man müsste zurechtkommen damit.
Was einfach scheint, ist es nicht. Eine Frau spannt ihrer Freundin den Liebhaber aus. Zwei Paare treffen sich dort, wo es ganz still ist. Eine Tochter begegnet an ihrem dreißigsten Geburtstag ihren Eltern in der Fremde und kommt einem Fremden sehr nah. Überall Bars, die Überforderung weiter Landschaften, Straßen, große Betten, leere Zimmer und ganz am Schluss erst eine Ahnung von Leidenschaft. Judith Hermanns Erzählen füllt ganz unaufgeregt und eben deswegen so souverän diese faden Räume. Es ist wie Musik und kommt ohne simple Pointen aus. Es ist beteiligt und kühl betrachtend in einem. Man kennt das Personal, hat es aber so noch nicht gesehen. Deswegen kommt man ihm sehr nahe. Und weil hinter das Lebensgefühl keine Geschichte gebastelt wird, sondern weil viele Geschichten zum Bild gehören. Das ist mehr. (NRZ)
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3.)
Nichts als
Gespenster.
Erzählungen von Judith
Hermann (2003, S. Fischer).
Besprechung von Anita Pollak in der
Kurier, 7.2.2003:
Die Lust am Zweitbuch
Freundinnen sind die besseren
Freunde. Die Mutter ist zärtlicher als der Vater. Männer sind gewesene oder
zukünftige, ihre körperliche Gegenwart kann eine ungeheure Zumutung sein,
erfahren wir bei Judith Hermann. Frauen sind offenbar auch ihre besseren
Kritiker. Das heißt sie lesen Hermann liebevoller und – unkritischer.
Erst seit wenigen Tagen ist ihr Erzählband „Nichts als Gespenster“ auf dem
Markt. Ein Buch, auf das wir alle, so der Chor der Rezensenten, gewartet haben
wie auf kein zweites Zweitbuch. Kein Wunder bei dem so genannten „Fräuleinwunder“,
das ihr Debüt „Sommerhaus, später“ vor fünf Jahren ausgelöst hat.
Ecce poeta
„Wir haben eine neue
Autorin bekommen!“, jubelte damals – angeführt von Marcel Reich-Ranicki –
die alte Männer müde Kritikerriege angesichts einer unter 30-Jährigen, deren
Äußeres so ganz und gar mit dem melancholischen Sound ihrer Prosa übereinstimmte.
Elogen wurden über diese vollendete Harmonie geschrieben und 250.000 Exemplare
verkauft.
Da kann einem Fräulein schon angst und bang werden. Im Ladl war nichts mehr,
alle ihre fünf Erzählungen sind ins erste Buch geflossen, und zum
Weiterschreiben fehlte ihr der Mut. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“
fragte sie mit Heine, als sie den Kleist-Preis erhielt.
Nach der Geburt von Sohn Franz, dem sie ihren zweiten Band widmet, konnte sie
wieder rauchen und schreiben, entnehmen wir den Interviews aus dem Berliner Cafe´
Einstein, wo sie vor allem die angereisten Journalistinnen verzauberte. Abgekühlter,
distanzierter erscheinen seit dem Erstling die Männer. Als eine „Mischung aus
Hühnchen und Diva“, sieht sie respektlos der Kollege von der Frankfurter
Allgemeinen und „Stille Wasser. Nicht tief“ titelt der Rezensent der Welt.
Frauen also
Aus Berlin, wo die Erzählungen
ihres ersten Bandes angesiedelt sind, bricht die Ich-Erzählerin, brechen Frauen
auf, vorerst nach Würzburg, dann weiter, nach Island, nach Italien, nach
Karlsbad und Prag, in die Wüsten Nevadas.
Meist allein, auf dem Weg zu einem Freund, der sie enttäuschen wird, einem, der
sie schon enttäuscht hat oder mit einem schweigenden Partner. Zu
ihrem 30. Geburtstag besucht eine ihre Eltern in Venedig – in der schönen Erzählung
„Aqua Alta“. „Alles Gute zum Geburtstag, mein altes Kind“, sagt da die
Mutter.
Alte Kinder
Ihren Platz in im Leben haben sie
noch nicht gefunden, die alten Kinder um die Dreißig, die Hermanns Erzählungen
bevölkern. Suchend treiben sie sich herum, reisend und rauchend, in fremden
Orten, fremden Wohnungen, fremden Betten, ankommend und irgendwann plötzlich
abhauend. Die triviale Frage, wovon einer, eine lebt, wird hier nicht gestellt.
Die Pensionen sind billig, vom letzten Geld wird telefoniert, am nächsten
Morgen geht der Zug . . .
„Wir machen dies und wir machen jenes“, sie hatte das Gefühl, es nicht
richtig beschreiben zu können. Was der Berlinerin Ellen in einer gespenstischen
Nacht in Austin nicht gelingt, ihren Lebensstil einem dicken Amerikaner näher
zu bringen, der noch nie aus Nevada herausgekommen ist, das gelingt Hermann
scheinbar mühelos auf mehr als 300 Seiten.
Es ist dieses zeitlose Dasein einer Jugend mit Patina, die altert, bevor sie
erwachsen wird, einer Generation, deren Sound Judith Hermann offenbar trifft wie
kein anderer Autor. Und der nerven kann, wenn man ihm nicht erliegt, nicht anfällig
ist für ziellose Sehnsucht, grundlose Trauer, Müdigkeit und Melancholie, wie
sie etwa auch Tschechows Figuren beherrscht.
„Diese Geister da oben können sich nicht abfinden mit dem Leben“, sagt die
Geisterjägerin in der Titelgeschichte. Judith Hermann hat sie noch einmal
beschworen, ihre alten jungen Gespenster aus dem vorigen Jahrtausend.
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4.)
Nichts als
Gespenster.
Erzählungen von Judith
Hermann (2003, S. Fischer).
Besprechung von Barbara Wegmann aus dem titel-magazin:
Wunderbare Erzählungen aus tiefstem Herzen
Judith Hermann hat sich nach ihrem
Sensations-Erfolg "Sommerhaus später" viel Zeit gelassen und erfüllt
dafür nun alle Erwartungen
„Es ist so, als würde ich eine Kiste schließen, eine Kiste voll von altem,
sinnlosem, wundervollem Zeug, und im letzten Moment fiele mir etwas ein, ein
einziger, winziger Gegenstand auf dem Boden der Kiste, zuunterst, und ich würde
die Kiste noch einmal öffnen und alles wieder herausholen...“- vielleicht
umschreibt dieser Satz aus einer der sieben neuen Erzählungen am ehesten die
feine, hoch sensible Art Judith Hermanns, Geschichten zu schreiben und zu erzählen:
ein Gedanke aus ihrer Fantasie, aus eigenem Berliner Erleben, ein Fetzen
Erinnerung, eine Vision, Begegnungen. Wie eine Zelle, die sich vermehrt, wächst,
Gestalt annimmt, unverwechselbar, einzigartig.
Eine Perle nach der anderen
Ob es schwer gefallen sein mag, die letzte Seite für dieses neue Buch zu
schreiben? Denn wie, so fragt man sich schließlich, kann eine so exzellente,
talentierte und einfach wunderbare Geschichten-Erzählerin jemals aufhören zu
erzählen? Oder ist es nur der Leser selbst, der derart gebannt, gespannt, süchtig
und sehnsüchtig auf weitere so in eine andere Welt versetzende Geschichten
wartet? Wie auch immer: das Buch ist ein hochgradiger Genuss, es fasziniert, wie
schon lange kein Buch mehr fasziniert hat. Judith Hermann ist eine seltene
Muschel im Treibgut der weiten Bücherschwemme dieses Frühjahres. Jede Erzählung
gleicht einer schillernden Perle mit ganz eigenem Charakter. Das Warten auf ihr
neues Buch hat sich mehr als gelohnt. Mit „Sommerhaus, später“ war sie
bereits 1998 schon d i e literarische Entdeckung schlechthin und wurde mit
Preisen überhäuft.
Beziehungen sind ihr Ding
Es ist nie die große Handlung, die ihre Erzählungen bestimmt, selten ein
Szenenwechsel, oft Rückblenden, manchmal sind es Fotos, an denen die Gedanken
sich rückwärts hangeln. Aber die Welt, die Judith Hermann in ihren Figuren
freilegt, vorsichtig, wie ein Archäologe einen antiken Schatz, diese Welt ist
ja um so viel spannender und fesselnder als ein Krimi es je sein könnte.
Beziehungen, das ist ihr Ding: Beziehungen zwischen Paaren, Freundinnen,
zwischen Mann und Frau, das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern. Hier
schreibt sie in so nüchternen und zurückhaltenden Sätzen, dabei aber derart
gefühlvoll, tiefgehend und voller Melancholie, dass es stellenweise weh tut, es
zu lesen.
„Ich rechne täglich mit dem Verschwinden meiner Eltern“, sagt eine junge
Frau besorgt, die gerade ihre Eltern in Venedig besucht. „Ich vergesse, dass
sie schon jetzt alt sind, ... wir haben noch Zeit, ich verliere mein Zeitgefühl.“
Wehmut, Schuldgefühle, Liebe und vorprogrammierter Abschied, wie von der Stadt,
die irgendwann versinken wird. „Alle Erinnerung scheint mir traurig zu
sein.“ Eine schmerzlich- schöne Erzählung.
Die Orte, an die Judith Hermann den Leser entführt, sie haben etwas Magisches,
Verträumtes, zwischen den Menschen, die sich dort aufhalten „geschieht“
etwas, „sie stehen nicht auf festem Boden“, Gefühle wechseln von einem zum
anderen, „leicht wie eine Feder, eindeutig und ohne Schmerz, das ist das
Schrecklichste, absolut schmerzlos.“
Ja, natürlich, es ist so, sagt man sich an so vielen Stellen des Buches, das
habe ich auch so schon empfunden, und es wird zur Lust, derart versteckt Gefühltes,
verborgen Beweintes in derart wunderbaren Sätzen wieder zu finden, als fände
man in sich selbst verloren Gegangenes endlich wieder. Grandios, obgleich: an
den Sätzen, den Formulierungen ist doch eigentlich so gar nichts Besonderes,
nichts Kompliziertes, nichts Gedrechseltes, einfach nur Gesagtes, Erzähltes,
ehrlich Gesagtes, so und nicht anders Empfundenes, konsequent. Das ist es wohl.
Das ist wohl das Geheimnis.
„Ich kann nicht aufhören zu denken, dass ich irgendwann und vielleicht schon
bald jemandem die nächste Geschichte erzählen werde, eine Geschichte über
Dich.“
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5.)
Nichts als
Gespenster.
Erzählungen von Judith
Hermann (2003, S. Fischer).
Besprechung von Kathrin Kuna in DUM
- Das alternative Magazin:
Die junge Autorin aus Berlin machte
sich 1998 mit ihrem Erzählband "Sommerhaus, später" einen Namen in
der deutschen Literaturszene. Sogar Marcel
Reich-Ranicki war begeistert von ihr: "Wir haben eine neue Autorin
bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein."
"Nichts als Gespenster" ist der zweite Erzählband, in dem uns Judith
Hermann einmal mehr mitreißt in Städte und Länder, die - auch wenn man noch
nicht selbst dort gewesen ist - die Stimmung der Erzählungen perfekt
widerzuspiegeln scheinen. So erzählt eine Geschichte von einer schwer
definierbaren Freundschaft in Karlsbad, eine andere von natürlichen
Liebeszweifeln in Island (Keflavík). Nie wird auch nur einer der Protagonisten
verurteilt für seine Gefühle oder Taten. Die Geschichten gleichen einander.
Alle handeln von zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht leicht zu
definieren sind, ohne dabei künstlich "verkompliziert" zu werden.
Dieses Buch ist ein Plädoyer für die Liebe in ihren verschiedensten Facetten.
Es mag sich kitschig anhören, so ist es aber nicht. Judith Hermanns Erzählungen
verzaubern und beflügeln trotz der Melancholie und des Fernwehs, die sie
hervorrufen mögen. Man kann es schwer beschreiben. Man muss es gelesen haben!
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