Neue Leben -
Die Jugend Enrico Türmers.
Briefe und Prosa, herausgegeben von Ingo
Schulze (2005, Berlin Verlag).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 19.10.2005:
Was will Enrico Türmer?
Endlich zurück: Ingo Schulze bezaubert
mit einem Briefroman über die deutsch-deutsche Wende
Vor Jahren, als es im Kleiderschrank weniger auf
Moden denn auf haltbare Garderobe ankam, gab es ein Kleidungsstück mit dem schönen
Namen: Wendejacke. Man konnte sie doppelt gebrauchen. Sie hatte keine Innen- und
Außenseite, sondern einfach zwei gleichberechtigte, nach außen tragbare
Seiten, die man je nach Gelegenheit und Wetterlage wechselweise tragen konnte.
Kurzum: Zwei Kleidungsstücke in einem Objekt. Ingo Schulzes neues, heiß
erwartetes, nun ziegeldick vor uns liegende Buch ist der definitive Wenderoman.
Er ist dies nicht, weil er als Erzählzeit das erste Halbjahr 1990 umfasst.
Sondern weil er auf dem Prinzip der Wendejacke beruht. Ein Buch, in dem alles,
wirklich alles und jedes zwei Seiten hat und zwei Lesarten erlaubt; ein Buch, in
dem genau genommen zwei Bücher stecken. Man kann es als glaubwürdige Chronik
historischer und biografischer Ereignisse auffassen. Und als Konstruktion einer
riesigen Geschwätzmaschine, der kein Satz zu glauben ist, weil jeder Instrument
einer durchtriebenen Manipulation ist. Madame Merteuil lässt grüßen.
Sie heißt hier Türmer und ist männlichen Geschlechts. Schon der Name ist
doppelsinnig. Ein Türmer kann einer sein, der abhaut oder einer, der stapelt,
vom Hochstapler sprachlich also nur eine Silbe entfernt ist. Mit Vornamen nennt
sich dieser Türmer während der DDR-Zeit Enrico, später lieber Heinrich. Er
ist der Erzähler des Romans Neue Leben. Er erzählt ausschließlich und
manisch in Briefen, was ästhetisch sofort einleuchtet. Briefromane stehen in
der Logik der Wendejacke. Sie sind persönlich adressierte Mitteilungen und
liefern sich einer anonymen Leserschaft aus. Sie sind Korrespondenz und zugleich
Literatur, dubiose Grenzgänger also mit doppelter Staatsbürgerschaft und zwei
Pässen. Das alles sind literarisch günstige Vorraussetzungen, um schwankende,
ungesicherte, undefinierte Konstellationen der Zeitgeschichte abzubilden,
historische Situationen des Übergangs, der Wende also.
Enrico/Heinrich Türmers (angeblich) in aller Herrgottsfrüh um vier oder fünf
Uhr verfasste Briefe stammen aus der Zeit zwischen dem 6. Januar 1990 und dem
11. Juli 1990. In diesen sechs Monaten bringt der unruhige Frühaufwacher eine
über 600 Seiten umfassende Korrespondenz zustande. Er schreibt an drei
Personen. An seine Schwester Vera, an seinen Jugendfreund Johann und an eine aus
Westdeutschland stammende Frau namens Nicoletta. An alle drei Personen vergibt
der eben auch erotisch uneindeutige Türmer libidinöse Energie. Die Briefe an
die Schwester haben eine unverkennbar inzestiöse Tendenz. Mit Johann gibt es
eine alte homosexuelle Verstrickung. Für Nicoletta begibt er sich in die Rolle
des Beichtknaben und schwärmerischen Minnesängers. Vera und Johann hält er über
sein momentanes Leben, seine aktuellen Aktivitäten in der thüringischen
Kleinstadt Altenburg auf dem Laufenden, der neuen Bekanntschaft Nicoletta aber
berichtet er sein komplettes biografisches Vorleben.
Dieses kommt uns irgendwie bekannt vor. Denn zumindest die Eckdaten des Türmer'schen
Lebenslaufes ähneln zum Verwechseln denen eines löwenmähnigen deutschen
Schriftstellers mit Namen Ingo Schulze. Türmer stammt aus Dresden, ging nach
dem Studium als Dramaturg ans Theater von Altenburg und verlässt es Ende
'89/Anfang '90, um sich als Journalist und Mitbegründer einer Zeitung, des Altenburger
Wochenblatts, zu betätigen. Nun ist Schulze, dessen Buch Simple Storys
in rund zwanzig Sprachen übersetzt wurde, einer der erfolgreichsten deutschen
Schriftsteller der Gegenwart, Türmer indes seine - herrlich - ironische
Gegenvariante, der erfolgloseste Möchtegernschriftsteller unter deutscher
Sonne, der sich von Kindesbeinen an ("ich kann nicht leben ohne
schreiben...") unter Genieverdacht stellte, Romane, Erzählungen, Novellen
begann, mit keinem Stück zu Rande und zu Ende kam und sich schon deshalb aufs
manische Schreiben von Briefen verlegt.
Sie produzieren, unter anderem, eine schöne Parodie des klassischen Künstlerromans.
Was Schulze und Türmer außerdem unterscheidet, ist ihr Schreibstil. Schulze
kennt man als Autor knapper, sachlich reduzierter Prosa, der es in seinem
Erfolgsroman bekanntlich sehr mit Raymond Carver hielt. Türmer hingegen lehnt
sich stilistisch, nicht ohne Anzeichen von Selbstgefälligkeit und geschmäcklerischer
Attitüde, in die Literaturgeschichte zurück zum eher getragenen, eher
gewundenen Ausführlichkeitsstil des 19. und frühen 20. Jahrhundert. Man darf
ihm eine Vorliebe für Thomas Mann unterstellen.
Zweitens aber lebt Schulze unter fester Postadresse in Berlin - während sein
literarisches Gegenmodell Enrico Türmer von der Bildfläche verschwunden ist.
Was er hinterließ sind Schulden, Pleiten, wirtschaftlicher Betrug im größerem
Maßstab. Und eben dieser Packen Briefe. Ihre Veröffentlichung verdankt sich
einem in vielen Fußnoten kritisch kommentierenden Herausgeber, den der Fall des
vom Erdboden verschluckten Türmer detektivisch interessiert. Diesem Herausgeber
der Briefe und seinen dezenten Hinweisen verdankt der Leser die langsame
Einsicht, dass die gesamte voluminöse Korrespondenz das Doppelgesicht eines
durchtriebenen Planspiels besitzt, an dessen Ende Türmer die Personen, an und
über die er schrieb, da hat, wo er sie - eventuell - von Anfang an haben
wollte: Nicoletta seine Verlobte, die ehemalige Lebensgefährtin verkuppelt an
einen kuriosen Investor und Unternehmensberater aus dem Westen, Freund Johann
von der Priesterlaufbahn abgebracht, nach Altenburg gelockt und zum Kompagnon
gemacht, die Mitbegründer der Wochenzeitung ausgebootet. Enrico Türmer selbst
steht am Ende, Mitte 1990, als Haupteigner eines ertragreichen Anzeigenblattes
in GmbH-Form da. Der typische Weg eines kaltblütigen Wendegewinnlers. So
zumindest könnte es sein. Es steht nicht in den Briefen. Sie lassen sich nur -
gegen den Strich gebürstet - so lesen.
Das alles klingt komplizierter und konstruierter,
als es sich tatsächlich liest. Aber was ist das alles, was ist der 800 Seite
starke Roman Neue Leben eigentlich? Nun ja: ein toller, ein literarisch
tadelloser Coup. Ein in seinem szenischen Humorismus brillanter, trotz seiner Länge
dramaturgisch tragfähiger Coup aus dem romantischen Geist Kater Murrs. Man kann
es auch so sagen: Ingo Schulze hat sich den schönen Spaß erlaubt, Enrico Türmer
in die Jacke seiner Lebenserfahrung - DDR und Mauerfall, Theaterarbeit und
Schriftstellerei, Neues Forum und Montagsdemonstration, Zeitung und Begrüßungsgeld,
Gaumenfreuden und Kasperiaden am Roulettetisch in Monte Carlo - schlüpfen, die
Jacke aber von der anderen Seite tragen zu lassen. Das vermittelt auf den ersten
Blick den Anschein, er habe sich ganz einfach zur fiktiven Romanfigur
hochgerechnet, und ist auf den zweiten Blick doch ein anderes, ein
Versuchsverfahren. Ingo Schulze hat seine Biographie nicht hochgerechnet,
sondern umgefärbt. Es ist die Methode des Chamäleons. Das ganze Buch ist ein
Chamäleon. Je nach Lichteinfall und Kontext verändert es seinen Ausdruck. Man
kann, wenn man will, in diesen penibel jeden Alltagsschritt und jede Randfigur
schildernden Briefen sogar Palimpseste eines typischen, taktisch eiernden
Stasi-Spitzelberichts erkennen. (Tatsächlich wurde Türmer als NVA-Rekrut
einmal der Spitzelei verdächtigt, was er natürlich abstritt mit dem Hinweis
darauf, er schreibe doch nur Briefe).
Neue Leben erzählt davon, wie die Gestalt des Ostens, aber auch die des
Westens - und sie sich gegenseitig - abhanden kamen. Was aber gestaltlos ist,
kann schwer zusammenwachsen. Das ist, streng genommen, als literarischer Stoff
nicht gerade neu. Es ist ja nicht so, dass über die DDR, über die Jahre 1989
und 1990 noch nichts geschrieben worden wäre. Zumal nicht von Ingo Schulze
selbst. Aber was er hier, in seinem neuen Buch vollbringt, ist aufregend durch
den Transport des Stoffes ins ästhetisch Grundsätzliche, in die Erfindung
einer Form: eines polyvalenten, polymorphen Romans. Er ist der Spiegel eines
Landes, das bis heute, fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung, seine
homogene Gestalt vermisst. Ingo Schulzes neuer Roman hätte ein Coup werden können.
Aber er ist ein Geniestreich geworden. Er hat den Habitus raffinierter
Leichtigkeit - ihn zu verfassen, muss Schwerstarbeit gewesen sein.
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