Neue Heiterkeit von Hauke Hückstädt, 2003, Zu KlampenNeue Heiterkeit.
Gedichte von Hauke Hückstädt (2001, Edition Postskriptum/zu Klampen-Verlag).
Besprechung von Alexander von Bormann aus der Frankfurter Rundschau, 11.10.2001:

Ausflug in Erinnerungslücken
Hauke Hückstädt sucht mit Gedichten "Neue Heiterkeit".

Lyrik ist seit altersher eine anspruchsvolle Gattung, galt ehedem sogar als "Unterricht von göttlichen Sachen" (Opitz). Dagegen kann man die Rückkehr zum Volkslied setzen, wie es die Romantik tat, oder das Programm des Artisten, des Sprachkünstlers, des "kleinen Gottes" (Lessing). So halten es die meisten Jüngeren heute, und Hauke Hückstädt macht keine Ausnahme, setzt ein kostbares Bild aufs andere, was dann zu Gegenaktionen nötigt.

Hauke Hückstädt ist in Schwedt an der Oder geboren und 1984 in die Bundesrepublik ausgereist. Er lebt als Autor in Göttingen und leitet dort das Literarische Zentrum. Dies ist sein zweiter Gedichtband. 1995 war Matrjoschkaschritt im Verlag Eric van der Wal erschienen. Neue Heiterkeit ist ein wunderbarer Titel. Er nimmt die Verpflichtung der Kulturproduzenten hoch, alle Jahre etwas Neues für den Markt parat zu haben. Nach der "neuen Prächtigkeit" (2000) ist nun für die Berliner Republik Heiterkeit angesagt.

Der Band hat drei Abteilungen und eröffnet mit "Ostelbische Briefmarke". Es liegt nahe, dass jemand aus "Ostelbien" seiner Herkunft und ihren Bedeutungen nachsinnt. Immerhin gilt: "Die Abrissbirne pendelt zwischen Gut und Böse. / Sie korrigiert das Fettgesetzte / im Geschichtsbuch der achten Klasse." Gleichwohl gibt es Mitgefühl mit dem politisch ausrangierten linken Sentimentalismus, "berauscht von Schwermut und Utopie". Hingegen zieht die Kulimine "die Bahnen nach, in denen ich jetzt denke". Das Schreiben macht Vergessenes fassbar, der Stift lässt Platten tönen: Welche mögen das sein?

Hückstädts Gedichte entwickeln ihren Kontext mit - der erzählerische Ansatz trägt gutteils die Bilderflut, zum Beispiel bei der Erinnerung an Plätze und Aufmärsche oder an eine vergangene Liebe. Eine Rückreise in die Ex-DDR meint für Hückstädt auch "einen Ausflug in Erinnerungslücken". Es gibt Jugenderinnerungen, wie sie überall gelten, aber auch spezifiziert durch Gerüche, Szenen, Konstellationen, lockere Strophen mit genau gesetzten Bildern, wie gestanzt. Sich-Erinnern meint ja auch die Hinwendung zur Vergessensarbeit, und es wird ein Thema, ob und wie das möglich sei.

Eine zweite Abteilung - "Hopper in Düsseldorf" - sammelt Gedichte zu Kunstwerken und Kunsterlebnissen. Ein Du taucht auf, es ist die alte Geschichte, wenig hinzuzufügen, schwer offensichtlich. Einige Texte wirken primanerhaft, aber das gibt's bei Rühmkorf, Wühr, Harig, Henscheid auch, ist also bon ton. Das Hopper-Gedicht bekennt sich zu einer Poetik der freien Assoziation: "Den einzigen Raum, der dich abschweifen lässt, / schafft die eigene Kehle, Vokal für Vokal."

Eher zeitkritische Gedichte charakterisieren die dritte Abteilung "Ende der Legislaturperiode", verknüpft mit Notizen zum Schreiben, die den Band punktieren. Dabei bleibt es im Wesentlichen bei der Nennung der Schreibutensilien. Viel Welt taucht nicht auf, ein Kundschafter auf dem Rückzug, ironisch: "Es kam wirklich nicht darauf an, in einem Roman aufzuwachen". Das Titelgedicht "Neue Heiterkeit" ist ehrer sarkastisch getönt: "Deine Abwesenheit schleift eine Rille / in mein Verlangen, und ich höre dem Knistern zu". Immer wieder Bilder, die gelegentlich ins Groteske abschweifen: "Am Morgen obduzierten wir den Kleiderschrank / sperrten die Flügel auf und griffen / in das Skelett der Bügel, an dem wir schlaff / und dicht aneinander herunterhingen." Da es auch Gedichte gibt, die von rosa Auferstehungen handeln, werden diese Bilder nicht das letzte Wort des Dichters sein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1001 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau